• Jimmy Deix

Die verschollene Bibliothek des Magiers John Dee



Das Royal College of Physicians zeigt erstmals die esoterische Bibliothek des Universalgelehrten John Dee. Der mystische Geisterseher war einer der geheimnisumwittertesten Persönlichkeiten am Hofe Englands.

Gelehrter, Höfling und Magier: John Dee (1527-1609) war einer der faszinierendsten und rätselhaften Persönlichkeiten Englands zur Zeit der Tudors. Er war ein herausragender Universalgelehrter der allen Wissenszweigen nachging. Er diente Königin Elizabeth I. als Astrologe und beriet Navigatoren über Handelsrouten in die Neue Welt, reiste durch ganz Europa und studierte Altertumsgeschichte, Astronomie, Kryptographie und Mathematik.


Doch am meisten berüchtigt war John Dee (Bild) schon immer für seine Spionagetätigkeit im Dienste der Königin und seine privaten Studien über Engelswesen und Alchemie. Dee versuchte nachweislich Geister zu kontaktieren und den Stein der Weisen zu entdecken. Seine alchimistischen Experimente und »Engelsgespräche« faszinieren weit mehr als 400 Jahre nach seinem Tod noch immer.

Die Bibliothek des Royal College of Physicians (RCP) in London umfasst mehr als 100 Bände, die Dee zu Lebzeiten gestohlen wurden: es ist die größte Einzelsammlung seiner Bücher weltweit. Die Ausstellung Scholar, Courtier, Magician: The Lost Library of John Dee zeigt einige davon zum ersten Mal in der Öffentlichkeit. Die Schau beleuchtet anhand dieser Bücher Dees Leben und Vermächtnis. Aus ihren stark kommentierten Seitenrändern gehen verlockende Einblicke in seine kuriose Gedankenwelt hervor.


Auffaltbare Illustrationen in der ersten englischen ausgabe von Euklids »Elements of Geometry«, London, 1770. John Dee schrieb dafür ein mathematisches Vorwort.

Dee behauptete, mehr als 3000 Bücher und 1000 Manuskripte besessen zu haben, die er in seinem Haus in Mortlake, Surrey, aufbewahrte. Während er in den 1580er Jahren auf Reisen ging, überließ er seine Bibliothek und seine Laboratorien der Aufsicht seines Schwagers, der es anderen gestattete, aus den Beständen Bücher zu entwenden. Dee war wegen der Plünderung seiner Bibliothek am Boden zerstört. Er schaffte es einige Einzelstücke wiederzuerlangen, aber viele blieben verloren. Einige dieser Bände gingen später in die Bibliothek von Henry Pierrepont über, dem Marquess of Dorchester (1607-1680). Nach seinem Tod, schenkte Dorchesters Familie seine Gesamtbibliothek dem Royal College of Physicians. Der Ärzteverband wird 2018 sein fünfhundertjähriges Bestehen feiern.


Kritzeleien von John Dee auf den Seitenrändern von Ciceros Werk »De legibus« über Gottesanbetung und Xerxes’ Inbrandsetzung von griechischen Tempeln (Paris, 1539-1540)

Die Ausstellung lädt ein, Dees Notizen, Anmerkungen und Kritzeleien zu erkunden. Neben der außergewöhnlichen Sammlung dieser früh gedruckten Bücker, werden auch einige der magischen Objekte ausgestellt, die er nach eigener Aussage benutzt hatte, um mit Engeln zu kommunizieren. Unter den Exponaten befindet sich ein magischer Spiegel in einem Etui aus Haifischhaut und Dees Kristallkugel (Bild), die er für seine Hellseherei und zur Krankheitsheilung verwendete.


Gemeinsam mit seinem Medium Edward Kelley, entwickelte Dee die Henochische Sprache, eine Art magisches Alphabet, mit dem Götter und Engel angerufen werden können. Diese Methode wird noch heute von Chaosmagiern praktiziert, um Paradigmenwechsel in der Gesellschaft herbeizuführen.

Für die einen war John Dee ein Universalgelehrter, der die neuplatonische Geistesströmung der italienischen Renaissance nach England brachte; andere halten ihn für einen Taschenspieler und Scharlatan. Dee erforschte das systematisch Wissenschaftliche und das Okkulte gleichermaßen und versuchte naturwissenschaftliche Kenntnisse mit dem Übernatürlichen zu vereinen. Durch seinen Einfluss auf Gelehrte wie Elias Ashmole wurde er auch zur Inspiration für Isaac Newtons alchemistische Experimente. John Dee wurde von einer Reihe verschiedener Autoren gleichermaßen gelobt und verspottet:


»Er war ein klarsichtiger, schlagfertiger Mann, mit schneller Auffassung, sehr gelehrt und von großem Urteilsvermögen in den lateinischen und griechischen Sprachen. Er war ein sehr großer Erforscher der eher geheimen, hermetischen Lehren, ein perfekter Astronom, ein neugieriger Astrologe, ein ernstzunehmender Geometer; um die Wahrheit zu sagen, er war in allen Wissensgebieten ausgezeichnet.«

William Lilly

Mr. William Lilly’s history of his life and times

[London, 1715]

»Dr. Dee war ein bedeutendes und melancholisches Beispiel für die großen Gefahren, die von denen ausgehen, die sich in die Ausübung von jeder Form von Okkultismus stürzen, unter Beibehaltung des Egoismus, der ein Teil der niederen Instinkte der Menschennatur ist.«

Thomas Smith

The life of John Dee

[London, 1908]


Faszinierend: Bücher der »verlorenen Bibliothek« des John Dee

Dee hat zahlreiche Werke der Literatur, Kunst und Musik inspiriert. Er mag nicht nur die Vorlage für Shakespeares Zauberer Prospero in Der Sturm gewesen sein, sondern auch die Titelfigur von Ben Jonsons Komödie The Alchemist. Die Komödie schildert die Machenschaften eines Kurpfuschers und Quacksalbers, der die Gier der Menschen nach Gold zu nützen weiß.

2011 feierte die Rockoper Dr Dee von Damon Albarn (The Blur) in Manchester Premiere, die John Dees bewegtes Leben schildert.

Dee, der seine Briefe mit dem kryptischen Geheimkürzel 007 signierte, war eine Inspiration für Ian Fleming, als dieser seine Romanfigur James Bond erfand. Die Ähnlichkeiten sind nicht rein zufällig. Wie er, stand auch Dee »Im Geheimdienst ihrer Majestät.«


»John Dee performing an experiment in front of Queen Elizabeth I.«

Henri Gillard Glindoni, 1913

John Dee spielte in den Anfangstagen des britischen Geheimdienstes (heute SIS) eine maßgebliche Rolle. Die magischen Praktiken des Mystikers prägten die Organisation bis weit in die moderne Zeit. Das damals vom Bürgerkrieg gebeutelte England sah sich einer Invasion Spaniens gegenüber und mehrere Attentate gegen Königin Elizabeth I. konnten mithilfe von Dees Zukunftsprognosen vereitelt werden. Der Rechtsanwalt Francis Walsingham, Begründer des britischen Geheimdienstes, rekrutierte John Dee für mehrjährige Auslandsreisen, bei denen dieser als Spion für England tätig war. Es war die Zeit, in dem der Aufstieg Englands vom unbedeutenden Königreich zur größten See- und Weltmacht ihren Anfang nahm.

Jimmy Deix


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Die Ausstellung Scholar, Courter, Magican: The Lost Library of John Dee ist ein Pflichtbesuch für jeden Londonbesucher; sie ist genaugenommen sogar Anlass genug für eine Reise in diese Stadt. Der Eintritt ist frei!

Fotos: © Royal College of Physicians / John Chase, Mike Fear

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