• Jimmy Deix

Das Hexagesimalsystem und der Zodiak

Die Sumerer, die als Erfinder des Rades gelten, zählten nicht bis zehn sondern bis sechs. Auch wenn das Hexagesimalsystem (60) vom metrischen System und der Zehnerrechnung völlig verdrängt wurde, dominiert dieses alte Ordnungsprinzip der Mesopotamier nach wie vor unsere Lebensrealität. Dies zeigt sich ganz deutlich in unserer Art der Zeitbemessung: Die 60 Minuten der Stunde und die 60 Sekunden der Minute, die 24 Stunden des Tages (24 = 6 x 4) und die zwölf Monate des Jahres (12 = 6 x 2) sind dafür beispielhaft.


Radixhoroskop aus dem Jahr 1931, Brotherhood of Light, Los Angeles


Anhand der 360 Grade des Kreises (36 = 6 x 6) erkennt man auf den ersten Blick, dass diese Zählweise und Art zu rechnen völlig andere Denkmuster zulässt als das vergleichsweise eingeschränkte Dezimalsystem. Während die Zahl 10 nur durch zwei oder fünf teilbar ist, lässt das Sexagesimalsystem eine Vielzahl an Brüchen ohne Kommastellen zu: Teilt man einen Kreis respektive den Zodiak in zwei Hälften, erhalten wir die nördliche und die südliche Hemisphäre samt ihrer Sommer- und Wintermonate (2 x 6); teilt man einen Kreis durch dreißig respektive durch drei, erhalten wir die zwölf Monde des Jahres im Idealkalender (360/30 = 12) oder jeweils 120 Grad (360/3 = 120) im Trigon. Teilt man den Kreis bzw. den Zodiak durch vier, resultieren daraus vier Quadranten zu jeweils 90 Grad bzw. die Jahreszeiten sowie die vier Elemente (Feuer, Wasser, Luft, Erde). Teilt man den Tierkreis durch fünf, erhalten wir 72 Halbdekane (360/5 = 72) – die 72 Engel der jüdischen Kabbala (6 x 12 = 72); teilt man den Zodiak durch sieben (die Planetengötter), so erhalten wir die 52 Wochen des Jahres.


Die 360 Grade des Kreises (= 36 Dekane) entsprechen im Idealkalender den Tagen des Jahres. »Die fünf zusätzlichen Tage«, erklärt Manly Palmer Hall, »wurden vom Herrn der kosmischen Intelligenz als die Geburtstage der fünf Götter und Göttinnen vorgesehen, die man die Söhne und Töchter des Ham nennt.« (In Ägypten waren diese: Osiris, Isis, Typhon, Nephthys und Aroueris/Thoth.)


Der Kreis wird so zur Berechnungsgrundlage aller erdenklichen Zeitbemessungen und bildet deren immerwährende Konstante. Da diese Messgrößen zur Zeitbestimmung kosmisch vorgegeben sind, könnte man, wenn man so will, die Uhr auf dem Kirchturm, an unserem Handgelenk oder an der Küchenwand als eine simplifizierte Darstellung des Sonnensystems betrachten: Der Stundenzeiger stellt die Sonne dar, die wie der Sonnengott in 12 Schritten über den Himmel schreitet (die Bezeichnung »Uhr« oder das englische Wort hour für »Stunde« gehen auf den ägyptischen Sonnengott Horus zurück). Der Minutenzeiger entspricht wiederum dem Mond (Min ist der Name eines alten, ägyptischen Mondgottes). Der Verlauf eines Tages wird so zu einer Miniatur des Jahres mit seinen 12 Monden respektive Monaten.


Sogar der Verlauf eines Menschenlebens lässt sich im zyklischen Tierkreis wiedererkennen. Rechnet man neun Monate für die pränatale Phase des Embryos, so repräsentieren die verbleibenden drei Monate Jugend, Reife und Verfall des eigentlichen Lebens. Die Symbolik des teilbaren Jahreskreises durch zwölf ist heute sehr schön in der Aufteilung einer Geburtstagstorte wiedererkennbar, mit der Lebenskerze als Sonne im Mittelpunkt.



Aus dem Anhang von

Babylonische Sternkunde

von Manly Palmer Hall

ISBN 978-3-9524616-2-4

© 2018 Epiphany | Jimmy Deix


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