• Jimmy Deix

Das Geheimnis des Union Jacks


Die okkulte Symbolik der britischen Nationalflagge und ihre kuriosen Metamorphosen.

NUR selten lässt sich die Herkunftsgeschichte einer Fahne durchwegs nachvollziehen und ihre genauen Bedeutungsmerkmale mit Bestimmtheit definieren. Fast immer verlieren sich deren Ursprünge in Mythen und Legenden. Die transnationale Fahne des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Nordirland – der sogenannte Union Jack – stellt ein besonders interessantes Exemplar für die Vexillologie dar, einer relativ jungen Wissenskunde, die sich mit dem Fahnen- und Flaggenwesen befasst [lat. vexillum ›Fahne‹]. Obwohl Standarten und Stammesfarben bereits in der Antike und erst recht im Mittelalter gebräuchlich waren, wird die Herkunft und politologische Bedeutung der bunten Fahnenmeeres unserer internationalen Staatengemeinschaft erst seit kurzer Zeit wissenschaftlich erforscht.


Flagge zeigen, Farbe bekennen Die Identität des Union Jacks ist die einer langen und bewegten Geschichte und seiner Entwicklungsgestaltung über mehrere Jahrhunderte hinweg. Nur wenige Nationalfahnen haben derartige Metamorphosen durchlebt wie die King’s Colors. Infolge der Personalunion der Königreiche England und Schottland veranlasste James I. – der Regent, der erstmals über beide Länder herrschen sollte – im Jahr 1606 die Zusammenführung des englischen Georgskreuzes und des schottischen Andreaskreuzes zu einer neuen, gleichberechtigten Fahne – The Flag of Britain.


Erste Entwürfe der königlichen Heraldiker aus dem Jahr 1603 für eine neue Fahne. (© National Library of Scotland)


Es wäre denkbar, dass die Benennung »Jack« auf den Namen des Königs zurückgeht (James bedeutet Jakob), von dem die Fahne gestiftet wurde, doch wahrscheinlicher ist, dass die Bugflagge an der Gösch von Schiffen namensgebend war, die im Englischen »Jack« genannt wird. Von weitem sichtbar zu sein ist eine der Hauptfunktionen einer Fahne. Sie sind daher auf offener See unentbehrlich. 200 Jahre später wurde der Union Jack um das rote Saint-Patricks-Kreuz von Irland erweitert und 1809 vom Parlament als britische Nationalfahne anerkannt.


Die Metamorphosen des Union Jacks im Wandel der Zeit


Soweit der historisch belegte Gestaltungswandel des Union Jacks in Kurzform, doch hat dieses symbolträchtige Zeichen noch viele andere Geschichten zu erzählen. Einige davon sind durchaus kurios.


Reise nach Rom Wenn wir die Piazza San Pietro in Rom genauer betrachten, werden wir feststellen, dass auch der Vatikan einen »Union Jack« vorweisen kann. Auf dem Boden des weitläufigen Vorhofes ist ein Linienmuster zu erkennen, das nahezu identisch ist mit dem britischen Banner. Der ägyptische Obelisk in der Mitte des Platzes, den Kaiser Caligula für seinen Circus 40 n. Chr. nach Rom eingeschifft hatte, wurde 1586 unter Papst Sixtus V. an seinem heutigen Platz aufgestellt. Genau 20 Jahre später, im Jahr 1606, führte König James I. auf seinem Inselreich den Union Jack ein.

Westsicht auf den Petersplatz im Vatikan: Sein Bodenmuster weist eine frappierende Ähnlichkeit mit der britischen Fahne auf (Malerei nach einem alten Stich von Giuseppe Vasi aus dem Jahr 1774)

Die vier Kanten des Obelisken – er stellte für die alten Ägypter einen Sonnenstrahl dar – sind exakt nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet. Von oben betrachtet, markiert der Schattenwurf des Sandsteinpfeilers den Tagesverlauf der Sonne. Die geraden Achsen des am Boden gekennzeichneten Sonnenrades zeigen den Auf- und Untergang der Sonne zu den Sonnenwenden im Sommer und Winter, und die diagonalen Achsen den Auf- und Untergang der Sonne zu den Tagundnachtgleichen im Frühling und Herbst.


Der Union Jack ist, so gesehen, auch die symbolische Darstellung einer astronomischen Sonnenuhr. Nichts in der Geschichte der Fahne weist darauf hin, dass sie als solche tatsächlich gedacht war. Und doch ist leicht erklärt, warum diese Symboldeutung zulässig ist. Zerlegt man die Fahne wieder in ihre Einzelteile, sprich in die regionalen Farben des Vereinigten Königreiches, die überlagert den Union Jack bilden, so haben wir zum einen das Georgskreuz und die beiden Schrägkreuze von Schottland und Irland. Diese Kreuze werden allesamt Heiligen zugeordnet doch sind sie in ihrer Bestandsform wesentlich älter als das Christentum selbst. Das Georgskreuz deutet die vier Himmelsrichtungen an und die Stelle, an der sich die beiden roten Linien überkreuzen, markiert die Sonne. Das Andreaskreuz – es wird auf den Märtyrertod des Apostels Andreas an einem x-förmigen Kreuz zurückgeführt – stellt zwei überkreuzte Brennscheite eines Feueraltars dar. Das Feuer solcher Zeremonien galt immer der Sonnenanbetung.

Der britische Entdeckungsreisende und Amateur-Archäologe Laurence Austine Waddell war der Überzeugung, dass die Kreuze der britischen Heraldik keineswegs christlichen Ursprungs sind, sondern auf die Sonnenanbetung der Phönizier, Assyrer und Hethiter zurückgeführt werden können. In seinem Buch The Phoenician Origin Of Britons, Scots & Anglo-Saxons aus dem Jahr 1924 schreibt er:

»In britischen Schutzpatronen werden Heilige und Embleme phönizischer Herkunft für den Heiligen Georg von Kappadokien und England gehalten, samt seiner Drachenlegende und seinem roten Kreuz; ebenso die Kreuze des St. Andreas und des St. Patrick, die heute mit dem des Heiligen Georg den Union Jack […] bilden, all deren Kreuze wurden von den Phöniziern als heilige Siegesstandarten getragen und in ferner Vergangenheit auf britischem Boden importiert und transplantiert.« #unionjack #symbolik #vatikan #waddell

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