• Jimmy Deix

Der Meister der Mysterien


Die Magie und Machtbedeutung des Feuers in den alten Mythen und Religionen der Welt bildet den Ausgangspunkt von Manly Palmer Halls Erstlingswerk aus dem Jahr 1922. Die Eingeweihten der Flamme ist eine kleine aber reichhaltige Einführung in die Welt des okkulten Symbolismus und beschreibt die alten Feuerkulte, aus denen die Glaubens- und Weisheitslehren der Menschheit hervorgegangen sind. Obwohl es im Geiste mystisch ist, hält das Werk viele Schlüssel zur esoterischen Philosophie bereit und regt den Leser zu neuen Auffassungen an, die er bisher noch nicht in Betracht gezogen hat.

»Wie ein Blitz aus heiterem Himmel«, so umschreibt es der amerikanische Autor Mitch Horowitz, erstaunt Hall mit einem »strahlenden Juwel über die Mysterienschulen des Altertums«. Die Eingeweihten der Flamme führt den Leser zu den Anfängen des religiösen Denkens und stellt den beherzten Versuch dar, einer gerade im Entstehen begriffenen Bürgergesellschaft Ethik und Moral einzuträufeln. Hall war erst 21 Jahre alt, als er seine Monografie über den gemeinsamen Urgrund aller Religionen zu Papier brachte. Obwohl der frühe Text an manchen Stellen arglos erscheint, ist das Buch dennoch ein tiefgründiges und erhebendes Werk. Da ist eine entschlossene Kraft und zugleich eine Leichtigkeit zwischen den Zeilen spürbar, und es erscheint ungewöhnlich, wenn sich ein junger Mensch so tiefgehend mit Themen wie Tod, Jenseits und Wiedergeburt auseinandersetzt.

Wie Horowitz feststellt, zeichnen sich in Die Eingeweihten der Flamme bereits die Grundzüge von Halls späterem Hauptwerk The Secret Teachings of All Ages ab – die umfassendste und vollständigste esoterische Enzyklopädie, die je geschrieben wurde. Es folgten 150 weitere Bücher und Essays, unzählige Zeitungsartikel und geschätzte 8000 Vorträge zum Thema Esoterik. Scheinbar über Nacht wurde Hall zu einer unerschöpflichen Quelle antiker Weisheit und okkulter Theologie. In Anbetracht der großen Dinge, die Halls Bucherstling vorwegnahm, erscheint sein Loblied auf die »göttliche Weisheit« der Eingeweihten als literarisches Kleinod der Religionsphilosophie.


Als Manly Palmer Hall im Herbst 1919 in Los Angeles aus dem Zug stieg, war er nur einer von vielen »Newcomern«, die hier einen Neubeginn wagten. Der gebürtige Kanadier hatte kurz zuvor seine Großmutter verloren, bei der er aufgewachsen war. Seinen Vater hatte er nie gekannt. Los Angeles zählte zu jener Zeit 580.000 Einwohner; zehn Jahre später waren es bereits doppelt so viele. Die meisten kamen wegen des Ölbooms, der Arbeit und Lohn versprach, doch für nicht wenige war die aufstrebende Metropole ein Tummelplatz, wo es sich hervorragend mit neuen Ideen experimentieren ließ. Je ungewöhnlicher, desto besser. Der Aufstieg der Lichtmagier Hollywoods mag wohl das überzeugendste Beispiel für die Aufbruchsstimmung sein, die hierorts deutlich spürbar gewesen sein muss, doch die »Stadt der Engel« war auch Anziehungspunkt für Utopisten, Mystiker, Gurus, Heiler, Quacksalber und Sonderlinge jeder Art. Los Angeles wurde zum Fluchtpunkt einer neu entdeckten Spiritualität des Westens. Der Sinn des Daseins wurde neu hinterfragt, insbesondere wegen der Zäsur des I. Weltkrieges, der gerade erst zu Ende gegangen war. Obskure Sekten, alternative Heilmethoden und Asienkitsch zeigten an jeder Straßenecke ihre Allgegenwart.

»Kalifornien war damals schon ein Hippie-Land wie in den 1960er Jahren – vielleicht sogar noch mehr«, schreibt Jennifer Ann Redmond auf Flapper Flicker & Silent Stanzas, einem charmanten Blog über die Stummfilmära der Filmstadt. Es war, rückblickend betrachtet, eine »okkulte Explosion«, für die der Symbolismus eines Edgar Allan Poe und der obskure Spiritismus einer abgehobenen Bürgerelite bereits im Viktorianischen Zeitalter die Zündschnur gelegt hatten. Strömungen wie diese bildeten einen Gegenpol zum rational Fassbaren und zur uneingeschränkten Industrialisierung des Nutzbringenden. Doch was bis dahin nur hinter verschlossenen Türen von Geheimgesellschaften wie den Freimaurern praktiziert wurde, stieß nun zunehmend auf das Interesse einer breiten Öffentlichkeit.

In einem Schaufenster in Santa Monica entdeckte der junge Hall anatomische Bilder und obskure Grafiken, die menschliche Körperteile ähnlich wie Landkarten darstellten. Es war der vorsintflutliche Laden des greisen Arztes Sydney B. Brownson, der in einem Militärheim in Malibu versehrte Kriegsheimkehrer behandelte. Brownson war der Phrenologie zugeneigt, jener »Gemütslehre«, die geistige Eigenschaften und Zustände bestimmten Hirnarealen zuschreibt (und heute als veraltet gilt). Durch Brownson entwickelte Hall eine Obsession für Metaphysik, Hypnose und Magie. Er tauchte tief in die verschütteten und verborgenen Lehren der Antike ein und studierte griechische Philosophie, okkulte Theologie und die Schriften des Hinduismus. Bald darauf hielt er in einem Nebenraum eines Bankgebäudes in Santa Monica seinen ersten Vortrag zum Thema Reinkarnation. Es kamen nur wenige Interessierte, und die Spendeneinnahmen beliefen sich auf lediglich 65 Cent, doch es war der Anfang einer 70 Jahre andauernden Karriere eines couragierten Vortragsredners, der mit klarer und lebhafter Stimme seine Zuhörer in den Bann zog und komplexe Themen in bildhafter Sprache verständlich machen konnte.

Wenige Wochen später wurde Hall Prediger der Church of The People, einer kleinen, aber gut besuchten Freikirche im Blanchard Hall Building in Los Angeles. Gründer dieses damals progressivsten Religionsforums der Stadt war der aufgeschlossene Evangelist Benjamin Fay Mills, der die Transzendentalphilosophie von Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau, sowie den praktischen Idealismus des Physiologen und Philosophen William James studierte. Im Mai 1923 erhielt Hall die Priesterweihe und wurde kurz darauf leitender Pastor der Gemeinde. Seine Amtsschaft als junger Priester in jenen Tagen mag eine Erklärung für seinen epigrammatischen Schreibstil sein, diese für ihn typische Art, Gesagtes in Stein zu meißeln.

»Hall ist einer der letzten aus einer Reihe mystischer Geschichtenerzähler, die bis zu Pythagoras und Homer zurückreicht«, schreibt Halls Biograf und Pulitzer-Preisträger Louis Sahagun. Hall verstand es, lyrische Sprachschleifen geschickt einzusetzen, in denen er Bezugspunkte wie Anfang und Ende oder Vergangenheit und Gegenwart in stilistischen Textspiralen auflöste (Möbiusband), wodurch es ihm möglich wurde, zwei oder mehrere Dinge gleichzeitig zu beschreiben, was seine gleichnishaften Lesetexte in jenen erhabenen Schwebezustand versetzt, der für seine Bücher, aber auch für seine Reden typisch ist. Auf diese Weise entwickelte der Autor den adäquaten Ausdruck, mit dem er die oft unaussprechliche Bedeutung abstrakter Begriffe und Symbole zu erläutern vermochte. Zu den allerersten Leserinnen von Die Eingeweihten der Flamme zählten eine geheimnisvolle Baronesse namens Carolyn Lloyd und ihre Tochter Estelle, die regelmäßig Halls Debatten in der Church of The People besuchten. Die Lloyds gehörten einer reichen Familie an, die ein wertvolles Ölfeld im kalifornischen Ventura County kontrollierte, und übermachten ihrem neu entdeckten Schreibtalent einen beträchtlichen Anteil ihrer Einkünfte. Zweck dieser lebenslangen Zuwendungen, die insgesamt mehrere 100.000 Dollar betragen haben sollen, war das Anlegen einer persönlichen Bibliothek mit okkulter Literatur und die Finanzierung von Bildungsreisen.

Hall trat am 5. Dezember 1923 seine Weltreise nach Europa und Asien an, wo er in vielen Ländern die Historien und Bräuche alter Religionen studierte. Er verbrachte Tage und Wochen in den Lesesälen von Paris und London. Das British Museum wurde bald sein liebster Aufenthaltsort. Im Auktionshaus Sotheby’s & Company ersteigerte er zu mitunter niedrigen Preisen wertvolle antike Bände, für die sich in Zeiten der Weltwirtschaftskrise kaum jemand interessierte. Diese Sammlung bildete den Grundstock von Halls umfangreicher Bibliothek der Philosophical Research Society, die er zehn Jahre später in Los Angeles gründete. Sie ist heute mit über 50.000 einschlägigen Titeln eine der bestsortierten privaten Sammlungen seltener Bücher, Manuskripte und Dokumente aus dem Mittelalter und der Renaissance. Carl Gustav Jung, der Begründer der Analytischen Psychologie, entlieh hier Literatur, als er für sein unschätzbares Werk Psychologie und Alchemie recherchierte. Eine von Präsident Franklin D. Roosevelt entsandte Regierungsdelegation stufte die Bibliothek als »Nationalschatz« ein, der auf nordamerikanischem Boden einzigartig ist. Im Vorgarten des Gebäudes am Feliz Boulevard im Nordosten von Hollywood steht heute eine Statue, die Manly Palmer Hall einer Sphinx ähnlich darstellt. Sie ist »den Wahrheitssuchern aller Zeitalter« gewidmet.


Manly Palmer Hall als »Wahrheitssucher« vor dem Gebäude der Philosophical Research Society in Los Angeles. [Foto: PRS]

Mit Die Eingeweihten der Flamme hat der junge Manly Palmer Hall einen Idealtyp für ein modernes Religionshandbuch geschaffen, weil es darauf verzichtet, die Warte einer bestimmten Glaubenskonfession oder ihrer Theologie einzunehmen. Denn wäre es nicht naheliegend, dass die Religionen dieser Welt ihre unterschiedlichen Erkenntnisse über Gott und den Menschen untereinander austauschen und für diese Möglichkeit eine Euphorie hervorbringen, anstatt im Widerstreit zu leben? Halls »alter Freund« und Autor Frank L. Riley äußerte sich dazu mit folgenden prägnanten Worten: »Während uns seit Jahrhunderten gelehrt wurde, auf die Glaubensunterschiede Wert zu legen, wäre es von weitaus größerem Heldenmut, diese Meinungsverschiedenheiten beizulegen, die das Überleben aller Weltreligionen gefährden.« Die vergleichende Religionswissenschaft (Synkretismus), wie Hall sie repräsentiert, ist frei von institutionalisiertem Glauben, erstarrtem Dogmatismus oder überhöhter Unfehlbarkeit. Sie hebt die Grenzen zwischen rivalisierenden Bekenntnissen auf, erforscht die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Weltanschauungen und gibt den Glaubenslehren jene esoterische Weisheit zurück, die ihnen verloren gegangen ist. »Hall hatte bereits in frühen Jahren eine Leidenschaft dafür entwickelt, die Weisheitsliteratur der verschiedenen Kulturen der Welt zu verbinden«, erzählt Dr. Obadiah Harris, Präsident der Philosophical Research Society in Los Angeles, die heute den Nachlass Halls verwaltet. Einer Anekdote zufolge soll Hall bereits als zwölfjähriges Kind Die Geheimlehre von Helena Patrona Blavatsky gelesen und vollinhaltlich verstanden haben, obwohl dieses komplizierte Standardwerk der Theosophie sogar bei Erwachsenen eher Verwirrung stiftet als Verständnis hervorruft. Blavatsky übte enormen Einfluss auf Hall aus, wie die oftmalige Bezugnahme auf die Große Weiße Bruderschaft in diesem Buch zeigt. Für Hall gab es nur eine Religion und eine Wahrheit. Alle großen Glaubenslehren erachtete er lediglich als Teile oder Fragmente einer uralten Weisheit. Davon zeugt der Eklektizismus im vorliegenden Buch, das sich mit Christentum, Judentum und Islam ebenso auseinandersetzt wie mit den fernöstlichen Glaubenslehren. »Er wollte die Glaubenssysteme, die oft gespalten sind und die Menschen trennen, in eine universelle Sprache transzendieren, die uns alle zusammenführt«, erklärt Dr. Harris.


Titelblatt von Manly P. Halls Monatsmagazin

The All-Seeing Eye, November 1930

Wie der Autor des Buches einleitend festhält, ist die Welt eine Schule des großen, unsterblichen Sonnengeistes, dem zu Ehren die Lichter auf unseren Altären brennen. Hall spricht den Leser direkt als Schüler an und appelliert damit an jene, die bereit sind, dem Nichtphysischen eine gewisse Offenheit entgegenzubringen, auch wenn dies in unserer materialistischen Welt oft nicht leicht fällt. Die Vorstellung, dass das menschliche Dasein auf dieser Erde ein Eintauchen in eine Erfahrungswelt ist, die unseren Geist zu höheren Bewusstseinsebenen führen soll, hatte Hall von den Rosenkreuzern am Mount Ecclesia in Oceanside im San Diego County übernommen, wo er in jungen Jahren seine Sommermonate verbrachte. Rudolf Steiners »Geheimschüler« Max Heindel hatte hier eine Sternwarte und einen spirituellen Tempel errichtet, wo Hall die Grundlagen der Astrologie, christliche Mystik und »die wahre Lehre« der Rosenkreuzer erlernte. Hall war darum bemüht, antike Philosophie nicht als trockene Materie zu vermitteln, sondern als täglich anwendbare Lebensweisheit. Doch wer in ihm den praktischen Ratgeber zur Beilegung eigener Befindlichkeiten oder persönlicher Defizite sucht, wer sozusagen auf ein Wunder von außen hofft, wird ernüchtert sein. Um Philosophie zu erlernen, muss sie in gewisser Weise auch gelebt werden, war stets Halls Maßgabe. Dafür steht das Motto am Beginn dieses Buches: »Wer das Leben lebt, wird die Lehre verstehen.« Doch schon nach wenigen Seiten wird der aufmerksame Leser belohnt und erfährt Erstaunliches und Lehrreiches, vieles gar mit heilsamer Wirkung. Hall erzählt von dem geheimnisvollen Wirbelsäulenfeuer Kundalini, von Parzivals Suche nach dem Heiligen Gral und vom Geistesgold der Alchemisten – all diese Sinnbilder betreffen die Erbauung des Menschen und seine Vervollkommnung im Einklang mit der Natur. Hall wusste, dass Religion und Heilkunst auf ein und demselben Ursprung beruhen, in weit zurückliegender Zeit, die heute historisch nicht mehr erfassbar ist.

Ein Gutteil von Halls Weisheit entstammt im Wesentlichen einer archaischen Vergangenheit, die in den alten Mythen und Erinnerungen des Menschheitsgedächtnisses schlummert. Es waren die alten Feuerphilosophen, die das große Geheimnis des Lebens und der Entstehung des Weltalls in faszinierende Fabeln und Allegorien kleideten, durch die wir diese göttlichen, immerwährenden Wahrheiten erfahren können. Die richtigen Schlüssel zu ihrem Verständnis vermittelt uns Hall durch die Bedeutungslehre seiner Literatur. Es mag Zufall sein, dass er sein kleines Erstlingswerk in sieben Kapitel gliederte, doch wer ihn besser kennt weiß, dass Hall mit dieser Zahl auf die sieben Götter des Altertums anspielte, jene sieben Erzengel und Planetenregenten (Merkur, Mars, Venus, Jupiter, Saturn, Sonne und Mond), die nach theosophischer Ansicht die Welt und den Menschen erschaffen haben sollen. Die geheimnisvolle Siebenheit, auf die Hall in seinem Buch Das Mysterium des Feuers, das ebenfalls in dieser Literaturreihe erscheinen wird, noch näher eingeht, ist auch in den sieben Hauptorganen des menschlichen Körpers und in den sieben Tagen der Schöpfung wiedererkennbar. »Hall bietet nicht viele handfeste Beweise für seine mystischen Theorien«, erklärt der Londoner Autor Tim Collins in seinem Buch Behind The Lost Symbol. »Er war nicht daran interessiert, Fakten über antike Zivilisationen und alte Religionen auszugraben, wie es vielleicht Archäologen oder Anthropologen sind, sondern daran, Zusammenhänge zwischen antiken Texten herzustellen, um die ihnen zugrunde liegende ›Universalweisheit‹ zu entschlüsseln.«

Eine der ersten Ausgaben von Die Eingeweihten der Flamme war in dunkelblaues Leinen gebunden. Am Buchdeckel prangten alchemistische Symbole im Goldprägedruck. Blau und Gold – die Farben der ägyptischen Königswürde. Als Nennung des Autoren waren lediglich die Initialen M. P. H. angegeben.

Das Umschlagbild dieser deutschen Erstausgabe stammt von niemand Geringerem als Nicholas Roerich, einem russisch-amerikanischen Maler und Theosophen, dem Hall zeitlebens eng verbunden war. Noch heute ziert eine Statuette Roerichs den großen Lesesaal von Halls Bibliothek. Roerich gilt als Wegbereiter der Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten und wurde wegen seines Engagements mehrmals für den Friedensnobelpreis nominiert.

Die ganzseitigen Zeichnungen im Buchinneren stammen hingegen von John Augustus Knapp, einem Designer aus Cincinnati, der für den esoterischen Mystiker und Mediziner John Uri Lloyd dystopische Pilzlandschaften malte und den okkulten Roman Etidorhpa (1895) illustrierte. Knapps Tuschezeichnungen in Die Eingeweihten der Flamme entsprechen nicht mehr so recht den heutigen Standards im Grafikdesign, aber ihre liebevolle Ausführung zeugt davon, mit welcher Hingabe dieses kleine Buch entstanden ist. Mit dutzenden Farbbildtafeln sollte Knapp später Halls Hauptwerk The Secret Teachings of All Ages bereichern, womit er einen Markstein setzte, wie Esoterik in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts bildhaft aufgefasst wurde. Gemeinsam entwarfen Knapp und Hall auch ihr eigenes Tarot-Kartendeck, das für alchemistische, numerologische und mystische Anwendungen einmalig ist.

Halls faszinierende Gedankenwelt und besondere Lesart der Symbole führt uns in eine jahrtausendealte Tugendlehre ein, die mit dem Untergang der Antike verloren gegangen ist, die uns aber Aufschluss über unsere Gegenwart vermitteln kann, wenn wir dazu in der Lage sind, ihre bestehenden Überlieferungen angemessen zu interpretieren. Gleich zwei Kapitel von Die Eingeweihten der Flamme befassen sich mit den magischen Riten des alten Reichs am Nil: In »Der ägyptische Eingeweihte« und »Das Mysterium der Pyramide« erläutert Hall die Symbolik der Skarabäen, Sphingen und des Uräus, der goldenen Ringelschlange auf der Stirn der eingeweihten Pharaonen. Am 4. November 1922, nur wenige Tage nach dem Erscheinen der Originalausgabe dieses Buches, öffnete der britische Archäologe Howard Carter im Tal der Könige bei Luxor die Grabkammer des Tutanchamun. Dieser Sensationsfund muss Hall als überraschende Koinzidenz richtiggehend frappiert haben, wo er doch in seinem druckfrischen Buch die Hoheitszeichen der Pharaonen so detailliert beschrieben hatte. Das archäologische Weltereignis rief eine Welle der Begeisterung für alles Ägyptische hervor, die lange nicht enden sollte. Noch im selben Jahr eröffnete der kalifornische Unternehmer Sid Grauman am Hollywood Boulevard spontan das berühmte Egyptian Theatre, das erste Premierenkino der jungen Filmmetropole, welches er mit geflügelten Sonnen, Pyramiden und Obelisken ausstatten ließ. Eine Allee aus Palmen und spukhaft dreinblickenden Sphingen säumt den Vorhof des Kitschtempels, wo anlässlich der Uraufführung des Stummfilms ROBIN HOOD (mit Douglas Fairbanks in der Titelrolle) in Hollywood erstmals ein roter Teppich für Premierengäste ausgerollt wurde. Ob die Tempelbrüder um Grauman wussten, dass die Legende vom Grünen Mann von Sherwood in Wahrheit eine mittelalterliche Neuerzählung des alten Osiris-Mythos ist …?

Ägyptologie blieb für Hall eines der wichtigsten Forschungsfelder, weil die magischen Rituale von Isis und Osiris die Blaupause für die Mysterien der Antike darstellten, die sich in ganz Europa verbreiteten. Wie Hall im Buch andeutet und in anderen Schriften noch näher ausführt, wurden in den Kammern der Großen Pyramide Männer wie Moses, Platon oder Apollonios von Tyana in geheime Mysterien eingeweiht, die das erstaunliche Wissen dieser Gelehrten entscheidend geprägt haben. Die Große Pyramide von Gizeh wäre demnach nicht das Grab eines Pharaos, sondern ein prähistorischer Wissenstempel, in dessen Kammern rituelle Zeremonien abgehalten wurden. Die Herkunft des Wortes Pyramide gilt heute als ungeklärt, doch scheint eine Verwandtschaft mit dem altgriechischen Wort pyr denkbar, welches schlicht »Feuer« bedeutet. Und wieder schließt sich hier der Kreis, der das ägyptische Welträtsel als Monument einer Lichtreligion zu erkennen gibt, als Feuersymbol einer Himmelsmacht, die jenseits unserer Vorstellung liegt, die jedoch mit der Sprache des esoterischen Symbolismus erfahren und ganzheitlich verstanden werden kann. Als Symbolforscher war Manly Palmer Hall ein Eingeweihter eines Wissenszweiges, von dem nur wenige wissen, dass dieser überhaupt existiert. »Der größte Weise Amerikas«, so nannte ihn der hinduistische Poet und Autor Basanta Koomer Roy in einem Magazinartikel und stellte seinen Verstand mit dem von Albert Einstein auf eine Stufe. Andere lobten ihn als den vielversprechendsten jungen Denker seiner Zeit, der von seiner Gemeinde schlicht »Maestro« gerufen wurde. In einem Sonderbeitrag beschrieb ihn der Los Angeles Examiner als »… ein Original. Unverwechselbar. Eine Klasse für sich.«

Halls Gesamttheorie steht der modernen Denkmethode diametral gegenüber, weil sie auf Themen eingeht, die von den Sophisten der Gegenwart oft belächelt werden. Ihr wahrer Zweck liegt darin, das Denkvermögen des Lesers in eine Lebenshypothese einzuführen, die weit über die Eingrenzung der materialistischen Denkschulen hinausragt. Mit stetigem Einsatz bemerkenswerter Antithesen beflügelt Hall die Vorstellungskraft des Lesers und vermittelt ein tiefergehendes Verständnis für die religiösen Vorstellungen der Menschheitskultur. Wahrheiten, die der Verstand nie wissen kann, waren die Domäne dieses herausragenden Seelenschreibers. Es sind ebenjene Gewissheiten, die wie Echos in unserem Geist und Unterbewusstsein Nachklang finden. Hall führt die Herzen der Menschen an den Ort, an dem diese unsterblich sind und öffnet ihnen die Tür zur Unendlichkeit.

JIMMY DEIX



Nachwort zu Die Eingeweihten der Flamme von Manly Palmer Hall

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