• Jimmy Deix

Nachricht von Bowie: Major Tom in Omikron

In dem Computerspiel »Omikron« tritt David Bowie als Hologramm in Erscheinung und ruft die »Erweckten« zum Sturz der Regierung auf.

OMIKRON ist eine futuristische Stadt in einem Paralleluniversum namens Phaenon. Doch um OMIKRON zu erreichen, muss niemand in eine ferne Galaxie reisen, denn dieser geheimnisvolle Ort befindet sich nirgendwo sonst als in uns selbst. Das Leben in dieser dicht besiedelten Metropole scheint glücklich und heiter zu sein, aber das ist nur ein oberflächlicher Eindruck. Böse Dämonen haben von OMIKRON und seinen Einwohnern Besitz ergriffen und unterdrücken auf das Schändlichste das geistige Potential aller, die hier leben.


Dies ist kurz gefasst die Ausgangslage der merkwürdigen Handlung von OMIKRON: THE NOMAD SOUL, einem Computerspiel aus dem Jahr 1999, zu dem David Bowie nicht nur den Soundtrack beisteuerte, sondern in dem er auch als sein eigener Avatar in Erscheinung tritt und aktiv Einfluss auf den Spielverlauf nimmt. Sechs Jahre nach seinem berückenden Schwanengesang Blackstar samt seinem düsteren Ausblick auf eine unheilvolle Zukunft, mutet es eigentümlich an, dass sich die Gestalt des Sängers aus den prämillenaren Untiefen digitalen Schrotts wieder emporhebt. Es ist, als ob ein einziges Zauberwort dafür ausreichend wäre …

 

I N F O R M A T I O N

Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass dieser Artikel keinerlei Hinweise auf die Weltgesundheit sowie das Wohl einzelner Personen beinhaltet, sondern lediglich symbollogische Aspekte zum Thema Omikron beleuchtet, um die hintergründige Welt, in der wir leben, besser zu verstehen.

 

Was geschah mit David Bowie?

In dem Spiel wurde Boz (David Bowie) von einem bösen Dämon getötet, doch konnte seine Seele noch rechtzeitig entkommen. Er schlüpfte in den Transmaterialisierungsschacht eines Terminals und wurde vom Netzwerk aufgesogen, wo er zu einem virtuellen Wesen wurde. Er kann nie wieder zurückkehren, er kann sich aber nach Belieben zwischen den verschiedenen Stationen des Netzes – in den Schaltkreisen der Terminals oder zwischen den Zeilen der Programmiercodes – frei bewegen. Dadurch bekam er Zugang zu allen Informationen, allen Berichten und allen Geheimnissen. Entfernung und Raum spielen für ihn keine Rolle mehr.


Die bösen Mächte von OMIKRON gaben den Versuch jedoch nicht auf, seine Seele einzufangen. Astaroth, ihr Anführer, ließ bald darauf virtuelle Dämonen los, um Boz im Netz zu jagen. Sein Vasall Ix entdeckte eine parasitäre Lebensform in den Programmen und schuf aus ihnen Tausende von Computerviren, um Boz zu unterdrücken.



Wacht auf, Menschen von OMIKRON!

Nur einige wenige wissen von der Existenz der Dämonen und sind sich über ihre Pläne im Klaren. Sie werden die »Erweckten« genannt und sind als einzige dazu in der Lage mit Boz zu kommunizieren. In geheimen Kasten versammelt, arbeiten sie im Verborgenen, um die schrecklichen Pläne der Dämonen zu vereiteln und die schlafenden Massen wachzurütteln. Dank ihrer psychischen Kräfte, die sie bis zum Äußersten entwickelt haben – etwa Telepathie und Telekinese –, können sie die Dämonen bekämpfen. Aber sie müssen unauffällig handeln, um nicht entdeckt zu werden.


Da Boz, der als virtuelles Wesen durch das Netzwerk geistert, über die meisten Informationen verfügt und die komplexen Machtzusammenhänge der bösartigen Unterdrücker am besten versteht, ist er zum Anführer einer anarchistischen Guerilla-Armee geworden. Gegen die Trusts, den Staat und die Dämonen ruft er schließlich den Aufstand aus:



»Wake up, people of Omikron! Reshev and his corrupt government are lulling you to sleep in order to control you better. They have transformed you into puppets that are manipulated by Ix and the demons. Join the Awakened Ones and rise up to fight for your freedom. Together we can win.«


»Wacht auf, Menschen von Omikron! Reshev und seine korrupte Regierung wiegen euch in den Schlaf, um euch besser kontrollieren zu können. Sie haben euch in Marionetten verwandelt, die von Ix und den Dämonen manipuliert werden. Schließt euch den Erweckten an und erhebt euch, um für eure Freiheit zu kämpfen. Gemeinsam können wir gewinnen.«

Es ist bloß ein Computerspiel, doch es reicht für einen schaurigen Moment, wenn wir auf derlei Umwegen Nachricht von David Bowie erhalten, die er aus einem computeranimierten Digitalsumpf namens OMIKRON an uns richtet. Nicht schlecht für einen großen Illusionisten wie ihn, nachdem er sich in »Blackstar« als blinder Prophet verabschiedet hat. Reinkarnation und Seelenwanderung sind ein elementarer Bestandteil der äußerst komplexen Spielhandlung von OMIKRON THE NOMAD SOUL. Der französische Spielhersteller Quantic Dreams nennt es in einer Produktbeschreibung »ein einzigartiges virtuelles Reinkarnations-Konzept«.

»Kannst Du mich hören, Major Tom? Ich stecke fest in Omikron!« (Can you hear me, Major Tom? I’m stuck in Omikron!), titelte vor 22 Jahren das Fachmagazin Gamerevolutuion in einer Rezension des Spiels:

»OMIKRON ist ein bemerkenswertes Game. Es schafft die glaubwürdigste, vielseitigste und lebendigste Spielumgebung, die je in einem PC-Titel geschaffen wurde, und man befindet sich mittendrin. Sobald Sie mit dem Spiel beginnen, werden Sie in die einzigartige Welt und fesselnde Geschichte OMIKRONS eintauchen und nicht mehr in der Lage sein, etwas anderes zu spielen, an etwas anderes zu denken oder etwas anderes zu tun als in den Laden zu rennen, um David Bowie-Alben zu kaufen. Das ist der Stoff, aus dem revolutionäre Spiele gemacht werden […]«

Den heutigen Standards wird OMIKRON: THE NOMAD SOUL nicht mehr ganz gerecht: Die kantige Vektorengrafik und bescheidenen Polygone, um die Frameraten zu erhalten, entsprechen kaum der gängigen Vorstellung von Realtime 3D, doch Ende der 1990er Jahre war das Game geradezu bahnbrechend und zählte zu den besten seiner Art. Ein Novum war damals, dass ein Computerspiel die Genres Adventure, Combat und Ego-Shooter vereinte, und dass ein namhafter Künstler die Hintergrundmusik dafür lieferte. Gemeinsam mit dem Gitarristen Reeve Gabrels produzierte David Bowie einen atemberaubenden Soundtrack, der zur ungemein dichten Atmosphäre beitrug, die im Ambiente einer riesigen, dunklen und doch greifbar scheinenden Dystopie spürbar wird. Die dabei entstandenen acht Lieder – »Thursday’s Child«, »Something in the Air«, »Survive«, »Seven«, »We All Go Through«, »The Pretty Things Are Going to Hell«, »New Angels of Promise« und »The Dreamers« – sind zudem auf Bowies regulärem Album Hours vertreten, das im September 1999, einen Monat vor dem Game, erschien.

»Die Idee, einen Soundtrack für ein Computerspiel zu machen, hat mich sehr gereizt«, erklärte Bowie auf einer Pressevorstellung des Spielentwicklers Eidos. »Wir sind an die Sache herangegangen, als ob wir einen Film machen würden. Wir haben vor allem versucht, dem Spiel ein emotionales Herzstück zu geben.«

Noch nahbarer wird die Musik, wenn Bowie mit einer virtuellen Band – im Spiel The Dreamers genannt – in Geheimlokalen illegale Konzerte gibt, die der Spieler besuchen kann. »New Angels of Promise«, das im Intro des Spiels zu hören ist und von der letzten und einzigen Hoffnung der verzweifelten Bürger OMIKRONS handelt, zählt vielleicht zu den meistunterschätzten Bowie-Songs überhaupt.

Journey to Omikron City – The Nomad Soul Soundtrack und David Bowies reguläres Album Hours, das verfeinerte Mix-Varianten der acht Songs aus dem Soundtrack beinhaltet. Das hervorgehobene O in seinem Namenszug deutet den griechischen Buchstaben Omikron an, der »kleines Auge« bedeutet

Save Your Soul – Rette Deine Seele

Die titelgebende »Nomad Soul« ist der Spieler selbst, eine »Nomadenseele«, die – mit Bowies Musik im Ohr – viele Stunden und Tage die Distrikte von OMIKRON durchstreift, um nach Hinweisen zu suchen oder Aufgaben zu erfüllen. Liest man den Spieltitel mit abgesetzten Silben – The No Mad Soul – erhalten wir »die nicht böse Seele«. Liest man das Wort NOMAD rückwärts, so steht da DAMON! Ein versteckter Hinweis darauf, dass die Seele des Gamers wohl den Dämonen gehört, wenn er einen fatalen Fehler begeht. Zugleich aber kann »The Nomad Soul« durch Reinkarnation in die Körper von mehr als 30 verschiedenen Charakteren übertreten, diese bewohnen und damit überleben.

»Es ist eine um Transhumanismus erweiterte Geschichte, eine Mischung aus Posthumanismus und Futurismus, mit Einsprengseln von Simulationismus und digitaler Unsterblichkeit und allen möglichen anderen Ismen«, erklärt Game-Kritiker Moriarty. »Es ist eine echte Cyberpunk-Geschichte, mit einigen dystopischen autoritären Regierungen und schurkischen Künstlichen Intelligenzen sowie Dämonen und parallelen Dimensionen. Es ist kompliziert.«


Unter der Oberfläche, in den Tiefen der Stadt, finden in ihren düsteren Steinkatakomben seltsame Zeremonien der schwarzen Magie statt. Und irgendwo liegt noch das schreckliche Buch, das allen, die es lesen, die Augen versengt – das Buch des Nout. In diesem Manuskript sind die Geheimnisse der außerordentlich einflussreichen alten Kunst niedergeschrieben. Nur Boz und die »Erweckten« wissen von seiner tödlichen Macht. Wird der Spieler den Mut aufbringen, die bösen Beschwörungsformeln zu suchen und diese zu rezitieren?

Showdown in OMIKRON

Im letzten Drittel des Spieles kommt es zu einer persönlichen Begegnung des Gamers mit David Bowie: Wie ein digitales Gespenst taucht sein Charakter Boz aus einem Terminal hervor. Bowie tritt in persona als Hologramm in Erscheinung und richtet in seiner Originalstimme die folgenden Worte direkt an den Spieler:


»Hier sind sie also, der Fremde in OMIKRON, der Bezwinger von Dämonen. Dakobah hat mir viel von ihren Taten erzählt. Sie sind nicht der erste Computerspieler, der seine Seele in dieser Dimension verliert, aber sie sind wirklich der erste, der so lange am Leben blieb.«


Es folgt ein interaktiver Dialog, in dem Bowies Charakter Boz auf die Fragen des Spielers eingeht und ihm wichtige Hinweise gibt:


Was geschah mit den anderen Spielern?

»Sie sind jetzt in Astaroths Reservoir der Seelen. Besser tausend Tode sterben, als dort zu enden.«


Erzählen sie mir von dem Reservoir der Seelen.

»Er zieht seine Kraft aus gequälten Seelen. Sie erleiden unendliche Foltern im Reservoir. Es sind diese grausamen Qualen, durch die Astaroth seine frühere Macht zurückerlangt.«


Warum verlangt Astaroth nach den Seelen aus meiner Dimension?

»Die Seelen hier sind grau und welk. Sie geben zu wenig Kraft ab. Die saftigeren Seelen sind in ihrer Dimension. Astaroth hat dieses Spiel OMIKRON geschaffen, um sie zu erobern, das Spiel, das sie in diesem Moment spielen.«


Was wissen sie über Astaroth?

»Astaroth wurde jahrtausendelang von Kushulainn, dem Held der Cobalt-Kriege, in einen Käfig gesperrt. Nun, da er frei ist, muss der Dämon seine Macht neu aufbauen, die er im Laufe der Jahrhunderte verlor. Dafür braucht er Seelen, tausende Seelen.«


Wie funktioniert Astaroths Falle?

»Er nutzt OMIKRON um Seelen anzulocken. Er bittet Spieler ihre Seele in einen Körper zu übertragen, um in unsere Dimension zu gelangen, und sobald die Seele hier ist, braucht ein Dämon sie nur noch zu fangen und zu Astraoth zu bringen, der sie auf ewig verdammt. Das wäre ihnen um ein Haar passiert.«


Wurde meine Seele gerettet?

»Nein, leider nicht. Solange sich ihre Seele noch in OMIKRON befindet, riskieren sie von einem Dämon gefangen und in das Reservoir geworfen zu werden.«


Gibt es einen weg, um meine Seele zu retten?

»Ihre Seele können sie nur retten, indem sie Astaroth töten. Aber niemand kennt sein Versteck und keiner weiß, wie man ihn töten könnte.«


Ich muss einen Weg finden, um Astaroth zu töten.

»Mal überlegen, vielleicht lässt sich mehr über Astaroth herausfinden. Es gibt ein altes Pergament aus dem Cobalt-Kriegen. Es erwähnt Astaroth. Vielleicht steht dort auch, wie der Dämon vernichtet werden kann.«


Wo ist dieses Pergament?

»Das Pergament ist in der Zentralbibliothek, streng bewacht, ganz oben in der Pyramide. Gehen sie in die Bibliothek und suchen sie alle Informationen über Astaroth. Es geht um das Überleben ihrer Seele.«


Wo finde ich die Zentralbibliothek von OMIKRON?

»Die Bibliothek ist im Lahore-Sektor. Dafür brauchen sie einen Pass. Es ist einer irgendwo hier im Haus.«


Vielen Dank für ihre Hilfe, Boz.

»Ich gab Jenna die Leitung von Phalanx 5 als Ersatz für Namtar, dem Verräter. Ich sagte ihr, sie solle sie bei allem unterstützen.«


Warum wollen sie mir helfen?

»Ich habe das gute Gefühl, dass sie uns helfen können. Eine alte Legende besagt, dass nur Nomad Soul die Dämonen aus OMIKRON vertreiben kann. Vielleicht sind sie der, auf den wir warten ... Ich muss gehen. Die binären Gezeiten wenden sich. Möge Vyagrimukha ihre Schritte lenken.«


Danach entschwindet David Bowie wieder in die Untiefen des Netzwerkes und der Spieler bleibt sich im finalen Kampf gegen das Böse selbst überlassen.

Astaroth, der Höllenfürst und Seelenfresser in OMIKRON, mit auffallender Spikes-Krone am Haupt

Astaroth, der die dunklen Heerscharen befehligt, hat einen durchaus realen Hintergrund in der okkulten Mythologie.

(Wir werden uns in einem weiteren Artikel mit der Symbolbedeutung Astaroths im Katasterismos von Corona und OMIKRON gesondert befassen.)


Um Astaroth erfolgreich zu töten, braucht der Gamer Intelligenz, Mut, übersinnliche Kräfte und Magie, sowie die Fähigkeit, auf Rituale zurückgreifen zu können, die seit Jahrtausenden in Vergessenheit geraten sind. Vor allem aber gibt es keinen Platz für diejenigen, die Angst haben, ihre Seele zu verlieren …


Am Ende des Spiels, nachdem alle Dämonen bezwungen sind, gratuliert David Bowie (Boz) dem Gamer zu seinen Ruhmestaten:


»Alle Bewohner Omikrons sind nun Erweckte. Die Trusts sind alle zerschlagen. Die letzten Schüsse verhallen in den Straßen. Wir feiern heute einen sehr großen Sieg, den unsere Nachkommen von Generation zu Generation überliefern werden. Und das verdanken wir ihnen, Nomad Soul. Sie gaben uns unsere Freiheit zurück. Für uns alle sind sie nun ein legendärer Held, wie zuvor schon Kuschulainn. Ich werde versuchen, wieder eine materielle Form anzunehmen und dies verfluchte Netzwerk zu verlassen, in dem ich seit Jahrhunderten gefangen bin. Danke für alles, was sie für uns taten, Nomad Soul. Wir werden sie niemals vergessen.«

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