• Jimmy Deix

Dante: 700 Jahre Wanderung durchs Jenseits

»Die Göttliche Komödie« von Dante Alighieri inspirierte Maler aller Epochen und Jahrhunderte. Es ist das meistgemalte Buch überhaupt.


Mit all ihrer Komplexität und Vielschichtigkeit und ihren in Terzinen abgefassten Gesängen, die an holprigen Übersetzungen leiden können, bleibt Dante Alighieris Göttliche Komödie vielen ein Mysterium, ein Welträtsel, das sie tatsächlich auch ist. Die unzähligen Gemälde, Illustrationen und Fresken namhafter und wegweisender Maler, mit denen besondere Buchstellen und Handlungsmomente im Einzelnen bildhaft umgesetzt wurden, schaffen eine unmittelbare Zugänglichkeit zum Werk, und nimmt ihm von seiner Monstrosität.


Nel mezzo del cammin di nostra vita

Mi ritrovai per una selva oscura

Ché la diritta via era smarrita


Es war in unseres Lebensweges Mitte Als ich mich fand in einem dunklen Walde; Denn abgeirrt war ich vom rechten Wege


Mit diesen Zeilen beginnt Die göttliche Komödie von Dante Alighieri (1265-1321), der bedeutendste Dichter des Mittelalters, und es lohnt, diesen Vers zu verinnerlichen, weil er im Grunde weite Teile das gesamten Buches vorwegnimmt. In der Mitte des Lebens angelangt und in eine Sinnkrise geraten, rät ihm der berühmte römische Dichter Virgil, eine Wanderung durchs Jenseits zu unternehmen. Die Reise beginnt in der Nacht des Gründonnerstags, kurz vor dem Morgengrauen des Karfreitags im Jahr 1300. In Wald gelangen die Wanderer zu einer Höhlenpforte, die von einem Löwen, einem Leoparden und einem Wolf bewacht wird.


Dante und Virgil, 1859

Jean-Baptiste Camille Corot, Museum of Fine Arts Boston, MA


Die Rahmenhandlung der Göttlichen Komödie beschreibt, wie Dante die drei Reiche des Jenseits besucht. Er wird in der Hölle und im Fegefeuer von Virgil begleitet und im Paradies von seiner verlorenen Liebe Beatrice. Jeder Eintritt in eines dieser Reiche führt durch eine Reihe von Sphären oder Ebenen, und in jeder von diesen begegnen unsere beiden Wanderer Figuren aus der klassischen Literatur, aus Legenden und aus Dantes eigenem Leben. Sie haben verschiedene Sünden begangen und müssen nun unter den Folgen leiden.


Dante und Virgil treffen die Schatten von Francesca da Rimini und Paolo, 1851

Ary Scheffer, Musée du Louvre, Paris


In der zweiten Höllensphäre, die für die Lüstlinge bestimmt ist, treffen Dante und Virgil Francesca da Rimini und ihren Geliebten Paolo. Da Francescas Vater sie aus politischen Gründen gezwungen hatte, den lahmen Giovanni Malatesta zu heiraten, sie sich aber in dessen Bruder verliebte, führten die beiden viele Jahre lang eine geheime Liebesbeziehung, doch als Giovanni sie beim Küssen erwischte, tötete er beide mit seinem Schwert. Das Gemälde zeigt eine Wunde auf Paolos Brust und auf Francescas Rücken, die von seinem Stich der Waffe herrührt.


Das Paar ist in einem ewigen Wirbelwind gefangen und dazu verdammt, für immer durch die Luft gefegt zu werden, so wie sie sich von ihren Leidenschaften haben mitreißen lassen. Dante ruft den Liebenden zu, die gezwungen sind, kurz vor ihm innezuhalten, und spricht mit Francesca. Sie erzählt beiläufig einige Details aus ihrem Leben und von ihrem Tode, und Dante, der ihre Geschichte offenbar kennt, fragt sie, was zu ihrer und Paolos Verdammnis geführt hat. Francescas Schicksal berührt Dante so sehr, dass er vor lauter Mitleid in Ohnmacht fällt.

Dante und Virgil im neunten Kreis der Hölle, 1861

Gustave Doré, Musée de Brou, Bourg-en-Bresse, Frankreich


Die Sünder werden in der Hölle je nach der Schwere ihres Vergehens einer jeweiligen Sphäre zugeteilt. Gustave Doré zeigt hier Virgil (links) und Dante in der letzten dieser Sphären, der neunten, die für diejenigen bestimmt ist, die bösartige Sünden wie Verrat begangen haben. Diese Verdammten sind teilweise in einem eisigen See eingefroren, in dem zudem Eisblöcke verstreut sind, genau wie von Dante beschrieben.


Die Dantebarke, 1822

Eugène Delacroix, Musée du Louvre, Paris


Eugène Delacroix' romantisches Frühwerk Die Dantebarke zeigt unsere beiden Dichter in der kleinen Barke des im Hintergrund rudernden Fährmanns Phlegias bei der Überquerung des aufgewühlten Flusses Styx, um Dite (Dis) zu erreichen, die höllische Stadt des Pluto, die links oben im Hintergrund zu sehen ist. Rund um um sie winden sich die Leiber der Sündigen, die verzweifelt versuchen, ebenfalls in das Boot zu gelangen. Um Kritik zu üben, stellte Dante mit diesen Büßern oftmals Personen aus dem realen Leben dar, was ihm viel Feindschaft einbrachte. Dante wollte eine bessere Welt.


Karte der Hölle, 1480-90

Sandro Botticelli, Biblioteca Apostólica Vaticana, Vatikanstadt


Seit Dante die Göttliche Komödie vollendet hat, haben Enthusiasten Diagramme und Karten der darin enthaltenen Reiche gezeichnet. Botticellis Karte der Hölle aus dem späten 15. Jahrhundert ist eine detaillierte Darstellung der einzelnen im Gedicht beschriebenen Sphären. Zunächst steigen Dante und Virgil hinab ins Inferno. Nachdem sie das Eingangstor durchschritten haben, liegt die gesamte Höllenlandschaft vor ihnen, die einem riesigen, nach unten immer enger werdenden Trichter gleicht, an dessen Außenwänden sich die Terrassen mit den neun Höllenkreisen befinden. Dieser Höllenrichter Minos legt fest, in welchem Höllenkreis die Seele eines Sünders für immer ihre Strafen empfängt. Von Stufe zu Stufe nach unten nimmt die Härte dieser Strafen zu. Nie wurde der Höllenglaube eindringlicher und plastischer dargestellt als in Dantes Die göttliche Komödie.


Dante und Beatrice an den Ufern des Lethe, 1889

Christóbal Rojas


Als Dante den Gipfel des Läuterungsberges erreicht, begegnet er seiner himmlischen Geliebten Beatrice und die Beiden treten an den Fluss Lethe, um sich zu entsündigen und aus der Quelle Eunone von den Wassern des Vergessens zu trinken. So treten sie hinüber ins Paradies, das durch den Sündenfall verloren gegangen war.


Dante und sein Epos Die Göttliche Komödie, 1465

Domenico di Michelino, Fresco, Cattedrale di Santa Maria del Fiore, Florenz


Domenico di Michelinos Fresko aus dem Jahr 1465 setzte dem Dichter in der Kathedrale von Florenz, dem Duomo, ein Denkmal. Es zeigt den Dichter, der in der linken Hand ein Exemplar der Göttlichen Komödie hält, und mit der rechten Hand auf eine Prozession von Sündern zur Hölle zeigt. Hinter ihm ragt der Läuterungsberg des Fegefeuers auf, über dem sich die Sphären des himmlischen Paradieses erstrecken, in dem die Seele zum Heiligen Geist heimkehrt. Rechts ist die Stadt Florenz mit Brunelleschis berühmter Domkuppel zu sehen ein überraschender Anachronismus, wenn man bedenkt, dass die Kuppel erst mehr als ein Jahrhundert nach Dantes Tod fertiggestellt wurde.


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