• Karin Bat

Der literarische Schütze

Astrologische Spuren in Romanfiguren. Planetare Einflüsse der Jupiter-Energie in den Werken großer Dichter – der Schütze, wie er im Buche steht.

ARIES TAURUSGEMINICANCERLEOVIRGOLIBRA SCORPIUS ― SAGITTARIUS ― CAPRICORUS ― AQUARIUS ― PISCES

In der siebten von insgesamt zwölf Episoden des Astrologischen Antiquariats besprechen wir drei Erzählungen von Dichtern, die im Sternzeichen Schütze geboren wurden, und deren Protagonisten deutliche Charaktereigenschaften erkennbar werden lassen, die dieser Konstellation zugesprochen werden. Unsere astrologische Betrachtung der Romanfiguren gibt tiefe Einblicke in das Wesen des Zeichens ihrer Erfinder, wie es kurze Textauszüge und Dialoge veranschaulichen. Die drei ausgewählten Literaturklassiker sind:

  • Emma von Jane Austen, *16.12.1775 in Steventon, Hampshire County, UK

  • Der ewige Spießer von Ödön von Horvath, *9.12.1901 in Rijeka, HR

  • Der Tod holt den Erzbischof von Willa Cather, *7.12.1873 in Winchester, Virginia, US

Der unter dem Sternzeichen Schütze Geborene trägt in sich ein hohes Ideal zur Verbesserung seiner selbst, aber auch der gesamten Menschheit. Er möchte das Element Feuer, zu dem sein Zeichen gehört, in ein heiliges Feuer verwandeln, das seinen Geist von allen irdischen Schlacken befreit. Dementsprechend geht es in der Literatur des Schützen häufig um das innere Ringen mit den körperlichen Schwächen, die er als Hindernis für die Entfaltung des Göttlichen im Menschen ansieht. Dieses Platzschaffen für das Übergeordnete ist der Sinn, den der Schütze allem zu geben versteht, weshalb die äußere Handlung in Schütze-Romanen oft weniger wichtig ist als ausführliche gedankliche, manchmal langatmige Passagen.

JANE AUSTEN

Emma

Die Frage von Erziehung und Selbsterziehung ist ein Grundthema des Schützen, da es ihm immer um moralische Vervollkommnung geht.


Emma, »hübsch, klug und reich«, lebt mit ihrem verwitweten, überängstlichen und doch gütigen Vater auf dessen großzügigem Landsitz Hartfield. Dort wurde sie von einer milden, verständnisvollen Gouvernante erzogen. Es war jedoch »für Emma keineswegs von Vorteil, dass man ihr zu viel Handlungsfreiheit ließ«, denn so fehlte ihr von klein auf eine Person, die ihren Charakter hätte formen können. Der idealistische Schütze strebt nach ethischer Vervollkommnung und legt daher auf eine Erziehung wert, die die moralischen Fortschritte ständig überprüft. Das war bei Emma trotz der guten äußeren Verhältnisse aber nicht der Fall, denn da sie in ihrer Kindheit nur Lob erfahren hat, glaubt sie, dass sie bereits vollkommen ist. Aus diesem Grund will sie auch keine Ehe eingehen. Für Emma hätte diese die Aufgabe, den »Geist zu erheben und zu verfeinern«, was nur ein Partner kann, der »Charakterüberlegenheit« besitzt. Damit drückt die Dichterin Jane Austen, die unverheiratet blieb, das Ideal des Schützegeborenen aus: Eine Versorgungsehe kommt nicht in Frage. Ihre Romanfigur Emma ist eine reiche Erbin und braucht eine solche nicht. Obwohl sie nicht an Äußerlichkeiten hängt und in diesem Sinne nicht gefallsüchtig ist, liegt »ihre Eitelkeit […] anderswo«. Vielmehr bewegt sie sich durch ihre Selbstüberschätzung »auf der Stufenleiter der Eitelkeit«. Dieser Gefahr kann ein Schütze erliegen, wenn er durch stetes Besserwissen sich moralisch über andere erhebt und dadurch geistig hochmütig wird.

Meisterwerk der Weltliteratur, direkt, ehrlich und voller Macken: Jane Austens »Emma« (1816)

Emma selbst exerziert ihre eigene Überlegenheit immer wieder an der gutherzigen, leicht beeinflussbaren Freundin Harriet, ist diese doch »von dem Wunsch beseelt, von einem Menschen angeleitet zu werden, zu dem sie aufschauen konnte«. Emma stürzt sich mit Freuden in diese vermeintliche Erziehungsaufgabe, für die sich ein Schütze wie geschaffen fühlt, hat er doch einen wachen Sinn für die moralische Unzulänglichkeit seiner Umgebung, über die er sich gerne stellt. Für Emma ist Harriet ein Mädchen, »dem nur noch einige Kenntnisse und Eleganz fehlten, um vollkommen zu sein. Sie würde sie überwachen; sie veredeln, sie von ihren unpassenden Bekanntschaften absondern und sie in die gute Gesellschaft einführen, auch ihre Meinung und ihre Manieren bilden.«

In eine aufkeimende Liebesbeziehung zwischen Harriet und einem Farmer mischt sie sich ein, indem sie ihre Freundin mit einem jungen Vikar, den sie für viel angemessener hält, zu verkuppeln sucht. Dieser versteht jedoch Emmas Avancen falsch und will sie selbst gewinnen. Die dadurch ausgelösten Schmerzen und Verwirrungen bescheren Emma endlich Einsicht in ihre Selbstüberschätzung: »Wie hatte sie sich nur dermaßen täuschen können! […] Sie hatte sich vermutlich in die Idee verbissen und ihr alles angepasst.«

Emma hatte zwar versucht, sich in allen Lebenslagen »ein vernünftiges Urteil zu bilden«, aber sie war noch gar nicht fähig, »die Phantasie dem Verstand unter(zu)ordnen«. Starke Gefühle versuchte sie zu bezwingen, indem sie über diese nachdachte. Sie war »sehr damit beschäftigt, ihre eigenen Empfindungen abzuwägen und sich über den Grad ihrer Erregung klar zu werden«. Alles, was passierte, hatte sie alsbald »in Gedanken geordnet und an seinen richtigen Platz verwiesen«, ohne jedoch wirklich Überblick zu haben. Das ist genau die Gefahr, in die ein Schütze leicht gerät, da er alles an einem Ideal misst und die Umwelt danach beurteilt, wobei er dazu neigt, seine eigenen Schwächen zu übersehen.


Emma erkennt nun ihre Anfälligkeit, sich selbst zu überschätzen, und beginnt zu begreifen, dass auch sie verbesserungsbedürftig ist. Endlich kann sie einen Mann als ihr überlegen wahrnehmen, der schon lange zu ihrem Umkreis gehört, ihren Schwager Mr. Knightly. Er ist so, »wie ein Mann sein sollte […] von ehrlicher Rechtschaffenheit, strikter Orientierung an Wahrheit und Prinzipien«, voller »Verachtung unlauterer Machenschaften und Kleinlichkeiten«. Er hat eine »freundliche Handlungsweise«, dieses »edle Wohlwollen und […] Großmut«. In allen Situationen wird deutlich, »wie überlegen er anderen ist«: »Er bewegte sich stets mit einer geistigen Wachheit, die weder Unentschlossenheit noch Zögern kennt«.

Stolz und Vorurteil: Jane Austen schrieb über die Selbstverbesserung

So kann er auch Emmas Verhalten richtig bewerten und wagt als Einziger in ihrer Umgebung Kritik. Er ist schon seit Jahren in Emma verliebt und hofft, auf sie Einfluss nehmen zu können und sie damit in gewisser Weise zu erziehen. Zu Emma spricht Knightly daher nicht wie ein Verliebter, sondern wie ein Lehrer: »Sie hören von mir nur die Wahrheit. Ich habe Sie getadelt und geschulmeistert und Sie haben es ertragen, wie keine andere Frau in England es gekonnt hätte.« Emma – trotz ihrer Mängel klug – sieht Mr. Knightly als »Mann mit […] überragenden Fähigkeiten«. Sie ist daher bereit, sich seinen Argumenten zu öffnen: »Sie konnte den Wahrheitsgehalt seiner Vorwürfe nicht ableugnen.«

Später gesteht sie ihm, wie hilfreich sein Eingreifen war: »Mir kamen ja ihre Bemühungen zu Hilfe, die dem Verwöhntwerden durch die anderen entgegenwirkten. Ich bezweifle, ob mein eigener Verstand mich ohne diese Hilfe korrigiert hätte.«

Die Verwirrungen, die Emma in Harriet bewirkt hat, kommen endlich wieder ins Lot, als diese den Farmer heiratet, der sie nach wie vor treu liebt. Nun fühlt sich Emma entlastet, und einem Eheglück mit Knightly steht nichts mehr im Wege: »Was blieb eigentlich noch zu wünschen übrig? Nur das eine, dass sie seiner noch würdiger werden wollte, dessen Ziele und Urteilsfähigkeit den ihren schon immer überlegen waren. Und dann noch, dass die Lehren, die sie aus ihren früheren Torheiten ziehen musste, sie in Zukunft zu Bescheidenheit und Umsicht anhalten sollten.«

CALENDARIUM ASTRUM ARTIFICIUM SAGITTARIUS

Die schönen Künste im Zeichen des Schützen

Albert GleizesOtto DixWilliam BlakePaul KleeEdvard Munch

ÖDÖN VON HORVÁTH

Der ewige Spießer


Unter dem Sternzeichen Schütze geborene Dichter beschreiben mit Vorliebe Menschen von übergeordneten Standpunkten aus. Horvath schildert in diesem Roman den Niedergang von Moral und Idealismus anhand von stark typisierten Figuren.


Die meisten Menschen verfolgen keine verbindlichen, am Wohl der Gemeinschaft orientierten Ziele mehr, sondern sichern sich ohne Rücksicht auf die anderen ihren eigenen Vorteil. »Es will halt alles nur leben«, ohne sich zu fragen, ob dieses Leben überhaupt einen Sinn hat. Das Leben, das sich »in jener wunderbar komplizierten Weise höher und höher entwickelt, weil es gezwungen ist, sich anzupassen, um nicht aufzuhören«, ist dabei zu pervertieren, da es sich dabei an unmenschliche Verhältnisse angleicht. Der solchermaßen Angepasste lebt in kleinkarierten Denk- und Verhaltensmustern und wird so zum Spießer: »Der Spießer ist bekanntlich ein hypochondrischer Egoist, und so trachtet er danach, sich überall feige anzupassen, und jede neue Formulierung der Idee zu verfälschen, indem er sie sich aneignet«. Anstatt ein Ideal zur unverbrüchlichen Richtschnur des eigenen Handelns zu machen, akzeptiert ein Spießer von vornherein, dass eine »Idee jeden Tag aufs neue verfälscht wird […] wie halt jede Idee«.


In seinem Erstlingsroman (1930) charakterisiert Horváth die Engstirnigkeit bürgerlicher und kleinbürgerlicher Personen

Für einen solchen Konventionalisten gilt als oberster Leitfaden der eigene Nutzen und materielle Vorteil. Der junge Mann Kobler, eine der Figuren des Romans, ist ein solcher Spießer, weil er die Priorität des Materiellen bedenkenlos akzeptiert. »Bei mir muss alles einen Sinn haben«, sagt er, und spielt mit diesem Satz auf eine reiche Heirat an: »Was ist das schon, Seele? […] Ich weiß ja, dass ich nicht gerade fein bin, denn ich bin halt ehrlich. Ich verschleiere mich nicht vor mir, ich kanns schon ertragen, die Dinge so zu sehen, wie sie halt sind!«

Kobler geht es in der Liebe nicht um eine geistig-seelische Verbindung, sondern einzig und allein um handfeste Vorteile: »Man sollte halt nur mit Menschen verkehren, von denen man was hat.«

Dieser eigennützige Umgang mit seinen Mitmenschen, dem jeglicher moralische Horizont fehlt, ist dem Schützen schwer erträglich, denn er misst alles Verhalten an höheren Werten, die seiner Ansicht nach aus der göttlichen Welt stammen.


Kobler reist mit seinem Freund Schmitz zur Weltausstellung nach Barcelona. Dort will er eine reiche Frau kompromittieren, dass sie sich gezwungen sähe, ihn zu heiraten. Damit verkommt die Liebe zum Geschäft und wird gar käuflich. Auch hier wird die Aufgabe des Ideals als Ehrlichkeit dargestellt und vorgegeben, »das Verhältnis zwischen Mann und Weib der bemäntelnden Lügen und des erhebenden Selbstbetrugs (zu) entblößen.« Wohin ein solcher Weg führt, sieht Kobler im Marseiller Rotlichtviertel: »Je weiter man sich vom Rathaus entfernt, umso inoffizieller wird die Prostitution und umso vertierter gebärdet sie sich.« Angesichts einer verlebten, verfetteten Hure denkt er: »›Ist das aber unappetitlich! […] Das nennt sich Gottes Ebenbild!‹«

Die Gottesebenbildlichkeit ist eine Anforderung an die Menschen, sich an ihren göttlichen Ursprung zu erinnern und dementsprechend zu verhalten. Dem möchte der Schütze so gut wie möglich entsprechen. Doch die Menschen entfernen sich immer mehr von diesem ihnen eingegebenen Ideal. Anstatt ihre Triebe zu zügeln, verfolgen sie diese immer ungenierter, nicht nur im Liebesleben, sondern auch beim Essen und Trinken. Auf ihrer Reise besäuft sich Kobler besinnungslos mit seinem Reisegefährten. »Wenn ich was trink, kann ich lebhafter denken«, redet Kobler sich ein, doch er versinkt in Besinnungslosigkeit. Obwohl sie durch das Übermaß Chianti bald nur noch torkeln können, redet Schmitz seinen Reisegefährten Kobler mit »Baron, Majestät, General und Kommerzialrat« an. Nur betrunken kommen sie auf Fragen, die einer bewussten Klärung bedürften: »Was halten Herr Oberstleutnant von der Geist-Leib-Bewegung? Und von der Leib-Geist-Bewegung?«

»Demaskierung des Bewußtseins«, so verstand Ödön von Horváth (1901–1938) die von ihm gezeichneten Bilder einer entfremdeten und sozial deprivierten Gesellschaft

Genau darum bewegt sich das Ringen des Schützen, wobei er von sich verlangt, dass der Geist den Körper beherrschen möge und nicht umgekehrt. Eine solche Rangfolge wird jedoch nicht einmal von Künstlern hochgehalten, denn auch die beschäftigen sich nur mit sich selbst, wie der Radierer Achner: »Auf einer Kiste, die mysteriös bemalt war, thronte Buddha. Das sei sein Hausaltar, meinte der Radierer. Sein Gott sei nämlich nicht gekreuzigt worden, sondern hätte nur ständig seinen Nabel betrachtet, er persönlich sei nämlich Buddhist.« Achner zählt sich deshalb zu den erhabenen Geistern: »Ich hasse nämlich das Schema, ich bin krasser Individualist, hinter mir steht keine Masse, auch ich gehöre zu jener ›unsichtbaren Loge‹ wahrer Geister, die sich über ihre Zeit erhoben haben.«


Auch in der Kunst geht es nur noch um die Selbstbeweihräucherung, und nicht mehr um höhere Orientierung und Ideale. So ist diese Welt zu einer »Malefizwelt« verkommen und die Menschen zu den »größten Bestien« geworden. Europa, das sich eigentlich bemühen müsste, eine »Verständigungsidee« zu verfolgen, um sich zu einen, treibt im Gegenteil dazu in eine »europäische Zerfahrenheit«, in der sich alle Moral und auch der Glaube an Höheres auflöst. Gott wird nicht mehr als ordnender Geist verstanden, sondern dem Fatum gleichgesetzt: »Der Zufall, das ist die Hand einer höheren Macht, im Zufall offenbart sich der liebe Gott. Gäbs keinen Zufall, hätten wir keinen lieben Gott! Nämlich das Durchdenken und Durchorganisieren, das sind menschliche Eigenschaften, aber das völlig Sinnlose des Zufalls ist göttlich.«


In modernen Zeiten wird die höhere himmlische Ordnung, die für den Schützen Bedeutung besitzt, zu niederen weltlichen Geschehnissen, zu denen der Zufall gehört, umgekehrt. Infolgedessen kommt dem Menschen für sein Handeln die moralische Verankerung abhanden.

In Kobler steckt die Erinnerung an das Sollen der Menschheitsentwicklung nur noch als dumpfes schlechtes Gewissen. Er »dachte nicht gern an seine Vergangenheit, aber noch ungerner sprach er über sie. Er hatte nämlich häufig das Gefühl, als müsste er etwas vertuschen, als ob er etwas verbrochen hätte – und er hatte doch nichts verbrochen, was nicht in den Rahmen der geltenden Gesellschaftsordnung gepasst hätte.«

BABYLONISCHE STERNKUNDE

Das Hexagesimalsystem und der Zodiak

12 = 6 x 2 / 36 = 6 x 6

WILLA CATHER

Der Tod holt den Erzbischof


Das innere Ringen um den Vorrang des Geistes vor körperlichen Bedürfnissen spielt in Werken von Schützeautoren eine große Rolle, weshalb immer wieder Geistliche die Hauptfiguren ihrer Prosastücke sind, wie hier im Roman von Willa Cather.


Der Jesuitenpater Jean Marie Latour und sein Generalvikar Joseph Vaillant sind Mitte des 19. Jahrhunderts als Missionspfarrer in Neu-Mexiko tätig. Dabei verfolgen sie das Hauptziel, das von den Mythen der eingeborenen Indianer durchsetzte Christentum erneut an Rom und die von dort verkündete Lehrmeinung zu binden. Ein Schütze hält die ideologische Fassung einer Religion für unentbehrlich, um eine Verbindlichkeit für alle herzustellen. Das Missionsgebiet ist groß und unwegsam und verlangt von den Kirchenmännern viel Verzicht auf äußere Annehmlichkeiten. Außerdem stehen die seit Jahrzehnten dort tätigen katholischen Priester – zumeist spanische Mexikaner – der mythischen Welt der Eingeborenen näher als dem katholischen Dogma und leugnen oft die Zuständigkeit Roms für ihr Gebiet.


Die 1927 erschienene Erzählung über christliche Missionare in Neu-Mexiko zählt laut Time Magazine zu den 100 besten englischsprachigen Romanen

So hat Latour eine sehr schwierige Aufgabe zu bewältigen, die von ihm diplomatisches Geschick und Autorität verlangt, wofür er wie geschaffen ist. Er ist nicht nur der »große Organisator«, sondern hat darüber hinaus Vornehmheit und Takt, die er selbst in dem rauen Neu-Mexiko beibehält. Der Schütze will nicht als derber Eroberer auftreten, sondern als höhere Autorität, die durch geistige Weitsicht legitimiert ist. So ist auch Latour »ein besonderer Priester unter Tausenden. Sein gesenkter Kopf war nicht der eines gewöhnlichen Mannes – er war erkennbar der Sitz eines scharfen Verstandes. Seine Gesichtszüge waren bei aller Schönheit streng; sein Ausdruck war offen, großzügig, nachdenklich. Seine Hände unter den ausgefransten Manschetten seines Ledermantels hatten eine gewisse Eleganz. Alles wies ihn als Mann von gutem Herkommen aus – als mutig, empfindsam, höflich. Sein Verhalten war – sogar hier, allein in der Wüste – überaus vornehm. Er begegnete sich selbst, seinen beiden Tieren, dem Wacholderbaum, vor dem er kniete, und auch dem Gott, den er anrief, mit einer gewissen Ritterlichkeit.«

Latour ist auch in der Lage, den körperlichen Anforderungen einer solchen Arbeit zu entsprechen, weil er gelernt hat, sich durch geistige Übungen zu meistern. Dies ist bei den tagelangen, entbehrungsreichen Reisen durch seine ausgedehnte Diözese sehr hilfreich. So gelingt es ihm, sich nicht von quälendem Durst beherrschen zu lassen:

»Er erinnerte sich an den Schrei, der sich dem Erlöser am Kreuz entrungen hatte: ›Mich dürstet!‹ Von all den leiblichen Leiden unseres Herrn kam nur eines, ›Mich dürstet‹, über seine Lippen. Durch lange Übung dazu befähigt, löschte der junge Priester jeden Gedanken an sich selbst aus seinem Bewusstsein und meditierte über die Qual des Herrn. Die Passion Jesu Christi wurde ihm zur einzigen Wirklichkeit; die Nöte seines eigenen Körpers waren nur Teil dieser Vorstellung.« Immer wieder legt ihm seine Missionsaufgabe solcherlei »Probe auf sein Durchhaltevermögen« auf.


Dieses Bezwingen der körperlichen Bedürfnisse durch geistige Übungen ist für den Schützen ein bewährtes Mittel, um sich selbst zu formen und zu beherrschen. Daraus bezieht er seine Selbstachtung, die allerdings auch in geistigen Hochmut umschlagen kann, weil ringsherum andere sich nicht solchen Zwängen unterwerfen. So schaut der Schütze sehr anspruchsvoll auf seine Mitmenschen und bewertet sie nach moralischen Gesichtspunkten.

Vaillant ist wie Latour bereit, alle eigenen Bedürfnisse seiner Aufgabe unterzuordnen, obwohl die mit häufigen und dazu unbequemen Reisen verbundene Arbeit nicht seiner Vorstellung von einem »Leben der Kontemplation« entspricht. Eigentlich wollte er seine »Tage in Andacht vor der heiligen Muttergottes zubringen«, »ungetrübt von der Zweckmäßigkeit und den lähmenden Sorgen der Missionsarbeit«. Der Schütze scheut ein unruhiges Leben mit ständig neuen Umgebungen. Selbst wenn er reist, muss ausreichend Zeit für Kontemplation mit inbegriffen sein, denn nur in der Verinnerlichung erschließt sich der Sinn einer jeden Unternehmung.

Unter dem Sternzeichen Schütze geborene Dichter wie Willa Cather (1873–1947) beschäftigen sich gerne mit geistigen Themen

Vaillant ist jedoch ein unentbehrlicher Begleiter Latours, denn er versteht es sehr gut, dessen Anweisungen in die Tat umzusetzen:

»Er fing sofort mit seinen Reformen an. Alles änderte sich. Die kirchlichen Feiertage, die unter Pater Gallegos Anlass zu ausgelassenen Festen gegeben hatten, wurden nun zu Tagen strenger Andacht. Die wankelmütigen Mexikaner fanden fromm zu sein bald ebenso unterhaltsam wie ihr früheres skandalöses Treiben. Pater Vaillant schrieb seiner Schwester Philomène in Frankreich, die Stimmung in seiner Pfarrei gleiche der einer Knabenschule; bei dem einen Lehrer überböten sich die Burschen in Streichen und Ungehorsam, bei einem anderen wetteiferten sie darin, sich ihm treu ergeben zu zeigen.« »Die Novene vor Weihnachten« – eine an neun aufeinanderfolgenden Tagen vorgenommene Wiederholung von Gebeten zur Vorbereitung des Festes –, »die man lange Zeit mit Lustbarkeiten gefeiert hatte, wurde in diesem Jahr zu einem großen Neubeginn frommen Eifers.«


Der Erzbischof und sein Generalvikar arbeiten deshalb so erfolgreich, weil sie taktvoll vorgehen und »die Sitten der Indianer achte[n]«. Sie erkennen, dass die Wilden durch ihre Naturverbundenheit mehr in Gottes Ordnung leben als es in den Städten möglich ist: »Es war Indianerart, in der Landschaft zu verschwinden, nicht sich gegen sie abzuheben […] Sie behandelten die Landschaft und alles, was sie enthielt, voller Rücksicht; da sie sie nicht verbessern wollten, entweihten sie sie auch nie.«

So wird den beiden Missionaren die geistige Qualität dieser Lebensweise bewusst. Auch in den Indianern wohnt »das allen Menschen gemeinsame Verlangen nach etwas Unvergänglichem, Überdauerndem, ganz und gar Unveränderlichem«.

ASTROLOGISCHER LESEZIRKEL

ARIES ― TAURUSGEMINICANCERLEOVIRGOLIBRA SCORPIUS ― SAGITTARIUS ― CAPRICORUS ― AQUARIUS ― PISCES


Weitere Werke von Autoren, deren Protagonisten typische Eigenschaften ihres Zeichens Schütze aufweisen und aus Sicht der Astrologie Lesevergnügen bereiten, sind:


Die Richtstatt von Tschingis Aitmatow

Versuch über den geglückten Tag von Peter Handke

Die große Scheidung von Clive Staples Lewis

Die Gleichgültigen von Alberto Moravia

Sternstunden der Menschheit von Stefan Zweig


Vorschau

Die nächste Episode des Astrologischen Antiquariats steht im Zeichen des Steinbocks und geht am 21. Dezember 2021 online. Wer zeitgerecht erinnert werden möchte, registriert sich für unsere Rubrik Einsichten oder abonniert uns auf Facebook. Besprochen werden die Romane Wendekreis des Steinbocks von Henry Miller, Monolog von Simone de Beauvoir und

Der Baum der Erkenntnis von Pio Baroja y Nessi.

Über diese Studie Die Präposition, dass ein Geburtshoroskop eines Künstlers Auswirkungen auf sein Schaffen zeigen kann und sich mitunter in seinen Werken widerspiegelt, ist der Ausgangspunkt dieser umfassenden Studie, für die 72 Romane von Schützeautoren sondiert, gelesen und astrologisch interpretiert wurden.


Über die Autorin

Karin Bat, Jahrgang 1953; geboren und aufgewachsen in Ostwestfalen; Studium der Literaturwissenschaft, Theologie Philosophie und Wissenschaftsjournalistik; berufliche Tätigkeit in der Erwachsenenbildung und im Verlagswesen; seit 1992 in Österreich beheimatet; eingehende Beschäftigung mit Jungianischer Psychologie und dem Tarot; Beratungen, Seminar- und Vortragstätigkeit.


Karin Bat

Astrologin, Theologin, Philosophin

Rosengasse 27/19

3130 Herzogenburg, Austria

GSM +43 (0) 664-863 01 22

E-Mail: k.bat@gmx.at

© 2021 Karin Bat | Epiphany | Institut für Kulturgeschichte, Leipzig

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