• Karin Bat

Der literarische Skorpion

Astrologische Spuren in Romanfiguren. Planetare Einflüsse der Pluto-Energie in den Werken großer Dichter – der Skorpion, wie er im Buche steht.

ARIES ― TAURUSGEMINICANCERLEOVIRGOLIBRA ― SCORPIUS ― SAGITTARIUS ― CAPRICORUS ― AQUARIUS ― PISCES

In der siebten von insgesamt zwölf Episoden des Astrologischen Antiquariats besprechen wir drei Erzählungen von Dichtern, die im Sternzeichen Skorpion geboren wurden, und deren Protagonisten deutliche Charaktereigenschaften erkennbar werden lassen, die dieser Konstellation zugesprochen werden. Unsere astrologische Betrachtung der Romanfiguren gibt tiefe Einblicke in das Wesen des Zeichens ihrer Erfinder, wie es kurze Textauszüge und Dialoge veranschaulichen. Die drei ausgewählten Literaturklassiker sind:

  • Der Geisterseher. Bilder aus Nordland von Jonas Lie, *6.11.1833 bei Drammen, NO

  • Die zukünftige Eva von Auguste de Villiers de L’Isle-Adam, *7.11.1838 in Saint-Brieuc, FR

  • Die Verwirrungen des Zöglings Törleß von Robert Musil, *6.11.1880 in St. Ruprecht/Klagenfurt, AT

Der Skorpion gehört dem Element Wasser an, weshalb es sein größtes Anliegen ist, Gefühle und damit auch seelische Widersprüchlichkeiten zum Ausdruck zu bringen. Dabei geht es ihm auch darum, verdrängte Gefühlsebenen hervorzukehren, so dass er immer wieder in tabuisierte Bereiche gerät. Dieses Eindringen in verbotene Zonen schärft das Wahrnehmungsvermögen des Skorpions für unterschwellige Vorgänge und damit auch für das, was sich vorbereitet und erst in der Zukunft konkret werden wird. So sind viele literarische Werke von Skorpiongeborenen selbst noch nach vielen Jahrzehnten für den heutigen Leser von großer, dramatischer Spannung und tiefer Gefühlskraft.

JONAS LIE

Der Geisterseher. Bilder aus Nordland. (Norwegen).

Als vollendeter Dichter und Mystiker vermochte Jonas Lie aus dem reichen Born seiner Seele zu schöpfen und durch den Reiz seiner Erzählungsweite die Aufmerksamkeit seiner Leser in vollem Maße zu fesseln.


In Nordnorwegen herrschen ganz andere elementare Kräfte in der Natur als in Südnorwegen. Es sind »Verhältnisse mehr für die Phantasie, das Märchen und den Hazard, als für den einfachen Verstand und die stille, sichere Tätigkeit.« Deshalb findet man im Nordland »viel interessantere Leute, als der graue Haferbauer, dessen Phantasie kaum über seinen Acker hinausreicht.« Zwar wirken die Nordländer auf den ersten Blick äußerlich ruhig und gutmütig, doch darf man diese Ausstrahlung nicht »mit einfältiger Ruhe verwechseln«. Vielmehr verbirgt sich hinter dieser Ruhe ein ständig wachsames Misstrauen: »Tief in seiner Seele wurzelt der stille Verdacht […]. Das Plötzliche, die Möglichkeit alles Möglichen in der Natur, ist er von Kindheit an gewohnt gewesen, er denkt sich den Zufall wie ein Schwert, das über jeder friedlichen, stillen Stunde hängt.«


Jonas Lie (1833–1908), einer der großen norwegischen Poeten des 19. Jahrhunderts, übte großen Einfluss auf Thomas Mann aus

Mit dieser Beschreibung des Nordländers hat Lie die Natur des Skorpions, die unter einer ständigen Bedrohungserwartung steht, genau erfasst. Dieses Lebensgefühl überträgt sich auch auf den Umgang der Menschen untereinander. Während der Nordländer einem Gesprächspartner nicht offen gegenübertritt, versucht er doch gleichzeitig, dem anderen alles zu entlocken, so wie es auch ein Skorpion gerne macht: »Er entgeht Dir, entschlüpft Dir, schleicht sich mit seiner Phantasie und seinem vorsichtigen Verdacht in und rings um Deine Gedanken […so] dass er, ohne dass Du eine Ahnung davon hast, gleichgültig scheinend, figürlich gesprochen, quer durch Deine Seele hindurch, zur Stirne hinein und zum Hinterkopfe hinaus gehen kann. Als geheimer Agent der Polizei und als Diplomat würde er daher unschätzbar sein.«


Doch viele halten den starken Gegensätzen der Natur nicht stand und verfallen in Schwermut und Traurigkeit, »die so oft in Geistesverwirrung und Selbstmord ausarten.« Eine weit verbreitete »Seelenkrankheit« im Nordland ist das »Zweite Gesicht […] das Hell- oder Geistersehen«: »Man ist gleichsam mit einem dritten Fenster im Hause seiner Seele, außer den zwei gesunden Augen geboren, einem Fenster, welches die Aussicht in eine Welt gewährt, die Andere nur ahnen und durch welches man verdammt ist, wenn es über Einen kommt, hinauszublicken.« Der Skorpion hat großes Interesse, einen Blick in die Welt der Geistwesen zu tun, und selbst wenn es ihn schreckt, zieht es ihn doch auch an.


Auch der Kaufmannssohn David Holst hat die Fähigkeit des Zweiten Gesichts von seiner Mutter geerbt. Sie verfällt, als sie das merkt, dem Irrsinn und wird »in ein Asyl für Geisteskranke« verbracht, wo sie kurze Zeit später stirbt. David sucht instinktiv Stabilität durch die Beziehung zur Pfarrerstochter Susanne, in die er schon von früher Jugend an verliebt ist und die diese Liebe auch erwidert. Doch für die Ausbildung an einer Seminarschule muss er sich von ihr trennen. Beide nehmen diese Trennung als Prüfung ihrer Liebe an. David wird immer wieder von Phantasien übermannt, die die Kränklichkeit seines Nervensystems offenbaren und auch schon zu einem Zusammenbruch geführt haben: »Meine Phantasie strömte über wie ein Fluss, dem alle Dämme aufgezogen sind, und raste in den wildesten Bildern. Mir war es, als tanzten und nickten Höllengestalten rings um mich her.« Ein Arzt diagnostiziert den »Ausbruch einer Disposition zur Geisteskrankheit«. Als David Susanne nach zwei Jahren wiedersieht, bekennt er ihr, dass er sie wegen dieser Veranlagung nicht heiraten könne. Doch Susanne will davon nichts wissen, da sie bei einer Trennung ihrerseits »gemütskrank werden und verzweifeln würde«. Schließlich liegen sie sich weinend in den Armen und schwören sich ewige Treue, David in dem glücklichen Gefühl, durch Susannes Liebe vom Wahnsinn geheilt zu werden.


Jonas Lie, »Der Geisterseher. Bilder aus Nordland. (Norwegen)«, dt. Originalausgabe aus 1876

Beide befinden sich auf einer Tanzveranstaltung, bei der Susanne aus Höflichkeit mit einem anderen Mann tanzt, da befällt David bei der versunkenen Betrachtung des tanzenden Paares eine Vision: »Ich sah Susannes Antlitz, während sie mit Martinez tanzte, blass und weiß wie das Gesicht einer ergreifend schönen Verstorbenen: der grüne Kranz mit den kleinen weißen Blumen hing ihr in dem Haar, als sei derselbe in nasses Seegras verwandelt worden. Es war, als triefe sie von Wasser.« Die Vision erschreckt ihn so sehr, dass er zusammenbricht: »Das Blut strömte mir zu Herzen; der Saal schien bald finster zu sein, bald drehte er sich mit Funken, wie von tausenden von Lichtern, um mich herum.«


Kurze Zeit später ertrinkt Susanne bei einer sturmbewegten Bootsfahrt. Für David aber lebt sie weiter in seinen inneren Bildern, den Gesichten, die ihn immer wieder befallen. Sie geben ihm das Gefühl, dass nichts, »selbst die schwersten aller Prüfungen – selbst der Wahnsinn, wenn er käme und mich packte – uns zu trennen imstande sein werde«: »Meine Liebe zu Susanne ist […] der Born der Gesundheit gewesen, der mich vor dem Äußersten, – dem Wahnsinn rettete. Wenn die Unruhe über mich kam und ich in Feld und Wald umherirrte, kam stets ein Augenblick, wo ich Susanne in ihrer weißen Tracht an mir vorüberschweben sah; zuweilen kam sie auch sanft lächelnd auf mich zu, und dann war die Krisis für dieses Mal vorüber.«


Doch David hängt seit Susannes Tod nicht mehr am Leben. Er führt eine ruhelose Existenz als Lehrer und Redakteur in einer südnorwegischen Stadt und stirbt früh an einer Lungenkrankheit. Dem betreuenden Arzt erzählt er von seiner Liebe zu Susanne und seinen Gesichten: »Sie wird Dir erzählen, dass mir die Welt schwer, sehr schwer gewesen ist, und dass ich so froh, wie ein seinem Käfig entflogener Vogel gewesen bin, indem ich dieselbe verließ.«

CALENDARIUM ASTRUM ARTIFICIUM SCORPIUS

Die schönen Künste im Zeichen des Skorpions

Claude MonetRené MagritteRoy LichtensteinGeorgia O’Keeffe

AUGUSTE DE VILLIERS DE L’ISLE-ADAM

Die Eva der Zukunft


Mit diesem Werk schuf Villiers 1886 einen frühen Science-Fiction-Roman, in dem er technische Erfindungen satirisch übertrieb und so die Fortschrittsgläubigkeit seiner Zeit persiflierte.


Der berühmte Erfinder Edison lebt auf seinem Anwesen Menlo Park, wo er ein großes Laboratorium eingerichtet hat, das mit all seinen Gerätschaften den Eindruck erweckt, es stamme aus der »Zeit der mittelalterlichen Magier und blasebalgtretenden Alchimisten«: »Dieses Laboratorium erschien wirklich als ein magischer Ort; hier konnte das Natürliche nur das Außerordentliche sein.« In Melo Park erfindet Edison viele »Zaubereien« wie das Telephon, den Phonograph oder das Mikrophon, was ihm von der erstaunten Öffentlichkeit verschiedene Beinamen einträgt wie: »der Zauberer des Jahrhunderts, der Hexenmeister von Menlo Park« oder »der Magier des Ohrs«.


Kann ein Automat eine Frau ersetzen? »Die Eva der Zukunft« ist der elektrische Mensch, wie ihn Villiers nach Edisons Methode konstruiert. Zugleich behandelt der Autor einen Stoff, der zu dem intimsten, geheimnisvollsten und unheimlichsten des Seelenlebens gehört

Edison selber genügen seine erfolgreichen Erfindungen nicht. So können seine Phonogeräte zwar im Sinne eines »seriöse(n) […] Spiritismus« Geräusche aufnehmen und wiedergeben, sogar auf beträchtliche Distanz, aber sie können nicht die Geräusche »der mystischen Welt« einfangen und damit nicht »den geheimen Sinn«, der »die wirkliche Welt darstellt«. Edison leidet darunter, dass er die Sichtbarkeit zwar durch Instrumente steigern kann, aber damit dem Unsichtbaren doch nicht näher kommt. Dies ist das Leid des Skorpions, dass er die sichtbare Wirklichkeit nicht für die Wahrheit halten kann, sondern hinter ihr tiefere Kräfte erahnt. Edison lässt dies keine Ruhe. Als »furchtloser Forscher« dringt er in das »Grenzgebiet zwischen experimenteller Forschung und […] reiner ›Phantastik‹« vor, indem er sich mit Hypnose und Magie beschäftigt, Gebiete, die den Skorpion faszinieren. Edison gelangt darin zu erstaunlichen Fähigkeiten. Den Menschen seiner Zeit ist dies noch unheimlicher als der elektrische Strom: »Dieser respekteinflößende Zauber bleibt dem Verstand einigermaßen zugänglich, weil es – als magisches Beförderungsmittel – greifbare Leitungen gibt, in denen der Strom mächtig vibriert! Wie soll man dagegen mit der Tatsache fertig werden, dass sich mein lebendiger Gedanke auf HALB STOFFLICHEM Weg überträgt, auf große Distanzen und ohne noch so winzige elektromagnetische Verbindung?« Edison lässt sich in seinen Forschungen nicht von den Vorurteilen seiner Zeit abhalten, denen er mit »harten Sarkasmen« begegnet. Er will immer weiter vordringen in die Geheimnisse des Lebens bis in das »unfassliche Jenseits«, getrieben von »Empfindungen, denen jener Ewigkeitscharakter eigen ist, ohne den alles menschliche Treiben nicht mehr als eine Komödie« ist. Dieses Empfinden entspricht dem Skorpion, denn ihm bleibt das Streben nach rein äußeren Dingen und Erfolgen zutiefst fremd.


Als ein hochgestellter, verheirateter Freund von Edison aus Liebe zu einer Theaterstatistin Selbstmord begeht, erweckt dies in dem Wissenschaftler »den unwiderstehlichen Drang […], das Wesen der Verführungstechnik ganz genau zu analysieren, mit der man sein Herz, seine Sinne und sein Gewissen umgarnt hatte – bis zu diesem Ende.« Er ist überzeugt davon, dass diese Theaterstatistin ihre Schönheit bewusst eingesetzt hat, um Macht über ihren Geliebten zu gewinnen. Eine solche Schönheit wirkt wie Gift, so »dass der göttliche Schleier dieser fast überirdischen Schönheit einen Charakter von derart platter Mittelmäßigkeit verhüllt, einen vulgären Geist, der ausschließlich und wahnhaft nur an dem hängt, was am Gold, am Glauben, an der Liebe und an der Kunst rein äußerlich, das heißt eitel und betrügerisch ist«. Nun will Edison »das Geheimnis ihres bösartigen Zaubers« lüften, denn wenn ein Mann in die Fänge einer solchen Frau gerät, wird er »verhext«, »erblindet« in einem »immer tragischeren Liebeswahn«, der »bis zur Gehirnerweichung und zur schändlichen Kapitulation im Elend oder bis zum stumpfsinnigen Selbstmord« führen kann. Dem Skorpion erscheint der Selbstmord schnell als Ausweg, vor allem wenn er sich von zu heftigen Liebesverstrickungen, die ihn ja gleichzeitig anziehen, befreien will.


So macht sich Edison heimlich daran, eine neue Eva, eine ideale Frau, zu konstruieren, die er Hadaly nennt, das persische Wort für »Ideal«. Er gestaltet eine elektrisch gesteuerte Frau, die er in einer »magischen Grabkammer« unter seinem Laboratorium unterbringt, einem »unterirdische(n) Garten Eden« im Stile persischer Gärten und Paläste. Seinem von Liebeskummer geplagten Freund Lord Ewald, der nur an Selbstmord denkt, will er der schwarzen Magie von dessen Verführerin Alicia die »weiße Magie« von Hadaly entgegensetzen. Er lädt ihn in sein unterirdisches Laboratorium ein: »Fahren wir in die Tiefe! […] Es scheint ja eindeutig so zu sein, dass wir zuerst durch das Reich der Maulwürfe müssen, bevor wir das Ideal finden.« Bei dieser Fahrt fühlte sich Lord Ewald »in einen Abgrund geworfen.« Mit diesem Gefühl beschreibt der Dichter die seelischen Nöte, durch die ein Skorpion hindurch muss, wenn er sich von seinem Hang zu leidenschaftlichen Verstrickungen befreien will.


Auguste de Villiers de L’Isle-Adam (1838-1889), Geschichten voller Geheimnisse und Fantasie

Edison gelingt es durch »außergewöhnliche Suggestionskraft und Willensübertragung«, und mit unwissentlicher Hilfe von Alicia und einer in »magnetischen Tiefschlaf« versetzten Frau, Hadaly in ein lebendiges Wesen zu verwandeln, das nun wie Alicia ausschaut. Lord Ewald lässt sich trotz aller Widerstände gegen eine künstliche Frau von Hadaly in ihren Bann ziehen. Sie hält eine betörende Rede, in der sie den Vorrang des Unsichtbaren vor dem Sichtbaren, des Zaubers vor der Logik der Vernunft, des Ewigen vor dem Vergänglichen herausstellt. Hadaly beschwört Lord Ewald, die »grobschlächtige Realität«, »die armselige Wirklichkeit« nicht dem »IMAGINÄREN« vorzuziehen, denn alle Menschen, die sich rühmen, »die Füße […] auf der Erde« zu haben und alle höheren Ahnungen als »Traumgespinste! Halluzinationen!« abtun, schwächen in sich »fahrlässig den Sinn für das Übernatürliche ab«. Diesen Sinn für das Übernatürliche will der Skorpion auf jeden Fall schärfen.


Lord Ewald will Hadaly, der gegenüber »die Lebende (Alicia) das Phantom darstellt«, per Schiff in seine Heimat bringen. Doch bei der Überfahrt entsteht ein Brand auf dem Schiff. Wie ein Rasender dringt der Lord gegen die Flammen vor, um in den Frachtraum zu gelangen und Hadaly zu retten. Mit aller Gewalt wird er vor dieser aussichtslosen Tat zurückgehalten: »Man musste ihn mit Stricken binden.« Der Lord überlebt das Unglück, ist aber über den »Verlust Hadalys untröstlich«. Auch Edison ist traurig, sein Werk zerstört zu wissen, doch bleibt ihm das Wissen, »wie weit jemand, der will, das Wagnis dieses Willens treiben kann«. Er muss sich nun damit abfinden, dass er trotz aller Forschungen »das unbegreifliche Geheimnis des Weltraums« und des Lebens niemals gänzlich wird ergründen können.

BABYLONISCHE STERNKUNDE

Das Hexagesimalsystem und der Zodiak

12 = 6 x 2 / 36 = 6 x 6

ROBERT MUSIL

Die Verwirrungen des Zöglings Törleß


Die Handlung spielt vor dem Hintergrund der Ichfindung des jungen Törleß im Spannungsfeld von Rationalität und Emotionalität einerseits sowie Intellektualismus und mystischer Welterfahrung andererseits.


Der junge Törleß besucht ein fern seiner Heimat gelegenes Konvikt. Dort plagt ihn die erste Zeit großes Heimweh, »dessen Sehnsucht ihn züchtigte und ihn doch eigenwillig festhielt, weil ihre heißen Flammen zugleich schmerzten und entzückten«. Nach einer Zeit der Eingewöhnung verliert sich das Heimweh, obwohl er sich im Konvikt keineswegs wohler fühlt. Vielmehr hinterlässt das verflogene Heimweh eine Leere, da nun seine Sehnsucht nach intensiven Gefühlen unerfüllt bleibt, ein Verlangen, das den Skorpion prägt: »An diesem Unausgefüllten in sich erkannte er, dass es nicht eine bloße Sehnsucht gewesen war, die ihm abhanden kam, sondern etwas Positives, eine seelische Kraft.« Törleß, der, ganz so wie der Skorpion, unentwegt darauf aus ist, »die Kräfte des Inneren zu entfalten«, erlebt nun die Schule verstärkt als »steinernen Zwang«, der sein Bedürfnis nach seelischem Erleben zu ersticken droht. Keineswegs kann die bloße Pflichterfüllung »einen ganz innerlichen Hunger« in ihm stillen.


Robert Musils Erstlingsroman gilt als eines der frühen Hauptwerke der literarischen Moderne Einband der Erstausgabe aus 1906 (Wiener Verlag)

Ihn treiben wilde sexuelle Phantasien um, die den leidenschaftlichen Skorpion verfolgen können. Sie lassen sich auch durch den Besuch einer Hure nicht bändigen. Diese Phantasien, denen er sich mit einer »ausschweifenden Heimlichkeit« hingibt, haben nichts Spielerisches, sondern sind »aufgewühlt und von wirklicher Schamlosigkeit gepeitscht«. Dadurch fühlt sich Törleß getrennt von seiner Umgebung. Niemandem kann er sich anvertrauen, auch nicht seinen geliebten Eltern, denn er hat das dunkle Vorgefühl, »dass seine Eltern wohl durch das allzu taghelle ihres Daseins blind gegen das Dunkel seien, in dem seine Seele augenblicks wie eine geschmeidige Raubkatze kauerte«. In ihm wächst das Gefühl, dass die oberflächlichen Daseins- und Umgangsformen nur dazu da sind, etwas Dunkles, Abgründiges zu verbergen: »Er fühlte sich gewissermaßen zwischen zwei Welten zerrissen: Einer solid bürgerlichen, in der schließlich doch alles geregelt und vernünftig zuging, wie er es von zu Hause her gewohnt war, und einer abenteuerlichen, voll Dunkelheit, Geheimnis, Blut und ungeahnten Überraschungen.« Damit ist das Lebensgefühl des Skorpions umrissen, der der bürgerlichen Fassade niemals trauen kann.


Törleß lebt in der beständigen Erwartung, dass sich ihm dieses Dunkel auftun möge, denn der Skorpion hat den Drang, in dieses einzudringen und es zu verstehen, um es beherrschen zu können. Törleß kommt dieses Dunkel vor wie eine eigenständige, gefährliche Macht, der er ausgeliefert ist und die er trotzdem sucht: »Es war eine Welt für sich, dieses Dunkel. Wie ein Schwarm schwarzer Feinde war es über die Erde gekommen […] Die Welt erschien ihm […] wie ein leeres, finsteres Haus, und in seiner Brust war ein Schauer, als sollte er nun von Zimmer zu Zimmer suchen, – dunkle Zimmer, von denen man nicht wusste, was ihre Ecken bargen, – tastend über die Schwellen schreiten, die keines Menschen Fuß außer dem seinen mehr betreten sollte, bis – in einem Zimmer sich die Türen plötzlich vor und hinter ihm schlössen und er der Herrin selbst der schwarzen Scharen gegenüber stünde. Und in diesem Augenblick würden auch die Schlösser aller anderen Türen zufallen, durch die er gekommen, und nur weit vor den Mauern würden die Schatten der Dunkelheit wie schwarze Eunuchen auf Wache stehen und die Nähe der Menschen fernhalten.« In diese Phantasien eingeschlossen verbringt Törleß seine Tage in »hohe(r) Anspannung […], (im) Lauschen auf ein ernstes Geheimnis«. Die Nächte sind noch geheimnisvoller. Sie »erschienen ihm wie dunkle Tore zu geheimnisvollen Freuden, die man ihm verheimlicht hatte«.


Törleß kann der Wirklichkeit, dem Sichtbaren nicht mehr trauen. Als er im Mathematikunterricht von den imaginären Zahlen erfährt, sieht er darin sofort den Beweis, dass alles Sicht- und Berechenbare nur brüchige Oberfläche ist, die tiefe Abgründe verbirgt. Die Existenz der imaginären Zahlen weist darauf hin, »dass unser Denken keinen gleichmäßig festen Boden hat, sondern über Löcher hinweggeht […] Unser Wissen ist auf allen Gebieten von solchen Abgründen durchzogen.« Die imaginären Zahlen erzeugen eine »Lücke in der Kausalität unseres Denkens«, »durch die man in eine unendliche, unbestimmbare Weite sieht«.


Robert Musil (1880–1942) schrieb mit »Genauigkeit und Seele«, einer Synthese von Ratio und mystischer Erfahrung

Durch seine Einsamkeit und seine Phantasien gerät Törleß immer mehr in den Bann einer kleinen Gruppe von Schülern, die sich ihre Zeit mit homosexuellen Machtspielen vertreiben, wobei sie den zunächst willigen Mitschüler Basini immer raffinierter und grausamer quälen. Törleß findet eine Zeitlang Interesse daran, denn durch seine Teilhabe an diesen Vorgängen »wurden die verschwiegenen Verstecke, in denen sich alles Heimliche, Verbotene, Schwüle, Ungewisse und Einsame von Törleß’ Seele gesammelt hatte, aufgestoßen«. Bald aber werden ihm diese Treffen zu brutal und er verliert das Interesse. Sie sind für ihn nun nicht mehr rätselhaft, sondern lediglich »eine gedankenlose, öde, ekelhafte Quälerei«. Auch an Basini konnte Törleß nur Interesse haben, »solange mir Basinis Zustand dabei ein Rätsel war«. Jetzt aber vermag er in dessen Gesellschaft »nicht mehr das Geringste zu fühlen«.


Eines Tages fliegt die Sache auf und es gelingt den betroffenen Schülern, alle Schuld auf Basini zu wälzen, der daraufhin relegiert wird. Törleß hat danach »Gefühle einer gänzlichen Befreiung«. Doch nun hält ihn nichts mehr an der verhassten Schule. Er bittet seine Eltern, die Schule verlassen und Privatunterricht nehmen zu dürfen.


Als Erwachsener erzählt Törleß offen und ohne Scham- und Schuldgefühle von diesen Ereignissen. Er bedauert diese Geschehnisse nicht, weil auch sie »das Wachstum der Seele« gefördert haben, ein Wachstum, das für den Skorpion Priorität hat. Diese Geschehnisse haben ihm für immer die Fähigkeit verliehen, mit mehr Verständnis hinter die Oberfläche zu schauen. Nun kann Törleß nie mehr einfach einer oberflächlichen Sicht vertrauen, denn etwas »blieb für immer zurück: jene kleine Menge Giftes, die nötig ist, um der Seele die allzu sichere und beruhigte Gesundheit zu nehmen und ihr dafür eine feinere, zugeschärfte, verstehende zu geben.«

ASTROLOGISCHER LESEZIRKEL

ARIES ― TAURUSGEMINICANCERLEOVIRGOLIBRA ― SCORPIUS ― SAGITTARIUS ― CAPRICORUS ― AQUARIUS ― PISCES


Weitere Werke von Autoren, deren Protagonisten typische Eigenschaften ihres Zeichens Skorpion aufweisen und aus Sicht der Astrologie Lesevergnügen bereiten, sind:


Okonkwo oder das Alte stürzt von Chinua Achebe

Petersburg von Andrej Bely

Die Pest von Albert Camus

Alles was wir geben mussten von Kazuo Ishiguro

Mit brennender Geduld von Antonio Skarmeta


Vorschau

Die nächste Episode des Astrologischen Antiquariats steht im Zeichen des Schützen und geht am 21. November 2021 online. Wer zeitgerecht erinnert werden möchte, registriert sich für unsere Rubrik Einsichten oder abonniert uns auf Facebook. Besprochen werden die Romane Emma von Jane Austen, Der ewige Spießer von Ödön von Horvath und Der Tod holt den Erzbischof von Willa Cather.

Über diese Studie Die Präposition, dass ein Geburtshoroskop eines Künstlers Auswirkungen auf sein Schaffen zeigen kann, und sich mitunter in seinen Werken widerspiegelt, ist der Ausgangspunkt dieser umfassenden Studie, für die 72 Romane von Skorpionautoren sondiert, gelesen und astrologisch interpretiert wurden.


Über die Autorin

Karin Bat, Jahrgang 1953; geboren und aufgewachsen in Ostwestfalen; Studium der Literaturwissenschaft, Theologie Philosophie und Wissenschaftsjournalistik; berufliche Tätigkeit in der Erwachsenenbildung und im Verlagswesen; seit 1992 in Österreich beheimatet; eingehende Beschäftigung mit Jungianischer Psychologie und dem Tarot; Beratungen, Seminar- und Vortragstätigkeit.


Karin Bat

Astrologin, Theologin, Philosophin

Rosengasse 27/19

3130 Herzogenburg, Austria

GSM +43 (0) 664-863 01 22

E-Mail: k.bat@gmx.at

© 2021 Karin Bat | Epiphany | Institut für Kulturgeschichte, Leipzig

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