• Karin Bat

Der literarische Steinbock

Astrologische Spuren in Romanfiguren. Planetare Einflüsse der Saturn-Energie in den Werken großer Dichter – der Steinbock, wie er im Buche steht.

 

ARIES ― TAURUSGEMINICANCERLEOVIRGOLIBRA SCORPIUS SAGITTARIUS ― CAPRICORNUS ― AQUARIUS ― PISCES

 

In der siebten von insgesamt zwölf Episoden des Astrologischen Antiquariats besprechen wir drei Erzählungen von Dichtern, die im Sternzeichen Steinbock geboren wurden, und deren Protagonisten deutliche Charaktereigenschaften erkennbar werden lassen, die dieser Konstellation zugesprochen werden. Unsere astrologische Betrachtung der Romanfiguren gibt tiefe Einblicke in das Wesen des Zeichens ihrer Erfinder, wie es kurze Textauszüge und Dialoge veranschaulichen. Die drei ausgewählten Literaturklassiker sind:

  • Wendekreis des Steinbocks von Henry Miller, *26.12.1891 in New York/USA

  • Monolog (Eine gebrochene Frau) von Simone de Beauvoir, *9.1.1908 in Paris/FR

  • Der Baum der Erkenntnis von Pío Baroja, *28.12.1872 in San Sebastian/ES

Der an der Realität orientierte Steinbock nimmt die Herausforderungen des Lebens als notwendige Arbeitsaufgabe an. Er erwartet nicht, dass ihm etwas geschenkt wird, noch dass es möglichst leicht sein soll, seine Ziele zu erreichen. Es liegt ihm aber an einem gerechten Ausgleich aus der tiefen Überzeugung heraus, dass sich jede Mühe lohnen muss. Da sich der Steinbock in diesem Lebenskampf jedoch nicht mit anderen verbindet, bleibt ihm als Grundgefühl eine unüberwindliche Einsamkeit, die häufig Thema von Steinbock-Romanen ist. Weitere Themenschwerpunkte sind der harte Lebenskampf selbst sowie der unablässige Einsatz für Gerechtigkeit.

 

HENRY MILLER

Wendekreis des Steinbocks

In diesem autobiografischen Roman erzählt Miller von den Anfängen seiner Suche nach sich selbst, seinen Weg der Befreiung aus enger, armseliger Kindheit durch den »Todesrhythmus« unzähliger Jobs hindurch zu seinem eigenen Leben.


Miller empfindet sein Leben als »verdorben von Anfang an«. Er spürt eine tiefe Abwehr gegen das Dasein: »Aus Prinzip war ich gegen das Leben.« Damit drückt er eine im Steinbock tief verwurzelte Haltung allem Lebendigen gegenüber aus. Zunächst bekommt diese Verweigerung seine Familie zu spüren, die aus Deutschland in New York eingewandert ist. Er bezeichnet sie allesamt als »Idioten«: Seine Leute haben »nie den geringsten Abenteuergeist besessen, aber dennoch die Erde durchwühlt, sie auf den Kopf gestellt und überall ihre Spuren und Ruinen hinterlassen […] Ruhelose Geister, aber keine Abenteurer. Gequälte Geister, unfähig in der Gegenwart zu leben.«


Jahrelang lastet auf Miller »ein schreckliches Gefühl der Verzweiflung«, eine dunkle Welt der negativen Gefühle, in die sich der Steinbock nur allzu leicht verlieren kann und die er mitunter zu einem sardonischen Lebenshass ausbaut: »Wenn man lange genug am Rande des Abgrunds balanciert, wird man sehr, sehr geschickt. Ganz gleich, wie man herumgestoßen wird, man richtet sich immer wieder auf. Bei stetigem Training entwickelt man eine wilde Lustigkeit, eine unnatürliche Lustigkeit, möchte ich sagen […] Man lacht immer im falschen Augenblick; man wird für grausam und herzlos gehalten, während man in Wirklichkeit nur zäh und ausdauernd ist.«

Diese beiden letztgenannten Eigenschaften sind wiederum elementare Qualitäten des Steinbocks, denn Aufgeben kommt für ihn nicht in Frage. Doch er verabscheut ineffektives Getue ohne nachhaltigen Erfolg, denn er will vorwärtskommen und materielle Sicherheit erreichen.


Mann (Henry Miller) mit Hut und Brille eine Zigarette rauchend
Henry Miller (1891–1980)

Da Miller alles ablehnt, »was Väter und Mütter schufen«, bricht er, um der Verzweiflung zu entrinnen und ein neues Leben zu beginnen, in sein Traumland Kalifornien auf. Doch er findet immer nur Jobs, in denen er bis zum Rand der Erschöpfung ausgebeutet wird, bis er als Abteilungsleiter selbst gnadenlos ausbeuten muss und »Teil einer riesigen Todesmaschine« wird. Egal, auf welcher Stufe der Hierarchie er arbeitet, »praktisch wurde jeder ausgenutzt« und »im Dienste des Todes hin- und hergeschoben.«

Damit beschreibt Miller die negative Seite der Steinbock-Energie, die rücksichtslos alle menschlichen Ressourcen verbraucht, ohne auch nur im Geringsten an den Sinn dieses Tuns und an das Ziel des Wohlergehens aller zu denken. Miller erlebt diese Gnadenlosigkeit der Wirtschaftswelt als fatalen Kreislauf (Welt des Todes). Alle Menschen erscheinen ihm »einsam und ohne Verbindung miteinander, weil alle ihre Erfindungen nur vom Tode zeugen. Der Tod ist der Roboter, der die Welt der Geschäftigkeit regiert.«


Die materielle Seite des Lebens kann beim Steinbock so sehr in den Vordergrund treten, dass er nur die geschäftliche Seite der Begegnungen sieht, und nicht die tiefe Sehnsucht der Menschen nach Verbindung und Zugehörigkeit.

»In Geld zu waten durch das nächtliche Gewimmel, geschützt durch das Geld, eingewiegt vom Geld, verdummt vom Geld, das Gewimmel selber Geld, der Atem Geld, nirgendwo auch nur das kleinste Ding, das nicht Geld ist, überall Geld, Geld und nochmals Geld […] Wieder die Tanzdiele, der Rhythmus des Geldes, die Liebe, die übers Radio kommt, die unpersönliche, unbeschwingte Berührung der Menge. Eine bis in die Schuhsohlen hinab reichende Hoffnungslosigkeit, ein Lebensüberdruss, eine Verzweiflung […] So tanzen wir zu einem eiskalten, rasenden Rhythmus, zu Kurz- und Langwellen, einen Tanz an der Innenseite des Bechers des Nichts, jeder Zentimeter Lust kostet Dollars und Cents.«

Doch auch im Freizeitleben überschattet die Tristesse das Leben: »Nacht, wieder die Nacht, die unberechenbare, leere, kalte, mechanische Nacht von New York, wo es keinen Frieden, keine Zuflucht, keine Vertraulichkeit gibt. Die unermessliche, gefrorene Einsamkeit des millionenfüssigen Pöbels […]«


Der Steinbock sieht oft auch dort, wo Vergnügen angesagt ist, nur einen »Totentanz« und die Vereinzelung: »Diese Musik ist gesprenkelt mit Rattengift […] Diese Musik ist ein Durchfall, ein stagnierender Benzinsee mit Kakerlaken und abgestandenem Pferdeurin. Die sabbernden Töne sind Schaum und Geifer des Epileptikers […] Der Tanz vom Samstagabend, der Tanz der in der Abfalltonne verfaulenden Warzenmelonen, der Tanz von frischem grünen Rotz und schmierigen Salben für die empfindlichen Teile. Der Tanz der Musikautomaten und Ungeheuer, die ihn erfunden haben.«

Blauer Schutzumschlag von Henry Millers Buch "Wendekreis des Steinbocks"
Nach »Wendekreis des Krebses« (1934) spielte Henry Miller auch im Titel seines zweiten romanhaft-autobiografischen Berichtes »Wendekreis des Steinbocks« (1939) auf die Ekliptik der Erde an

Seine ganze Lebensabwehr drückt der Steinbock-Schriftsteller oft in ekelerregenden, widerlichen Bildern aus, die keinen Raum für eine liebevolle Sichtweise lassen. So nimmt es nicht Wunder, dass Miller dieses Leben verlassen will, denn in diesem »schwarzen rasenden Nichts der Leere« kann er nur den »höchsten Gipfel der Verzweiflung« erreichen. Er möchte, dass alles endet: »Warum neu beginnen, immer und überall dasselbe, Tod, Tod ist die Lösung.« Er stellt sich vor, alles hinter sich zu lassen und Teil der Erde zu werden: »Ich wollte allein sein, tausend Jahre allein, um über alles, was ich gesehen und gehört hatte, nachzudenken – und um zu vergessen. Ich wollte etwas von dieser Erde, das nicht Menschenwerk wäre, etwas ganz vom Menschlichen, dessen ich überdrüssig war, Abgetrenntes. Ich wollte etwas rein Erdhaftes und vom Denken völlig Entkleidetes […] Nie mehr sprechen oder hören oder denken. Eingeschlossen und umfangen sein, und gleichzeitig einschließen und umfangen. Kein Mitleid mehr, keine Zärtlichkeit mehr. Nur erdhaft Mensch sein wie eine Pflanze, ein Wurm oder ein Bach. Mich auflösen, befreit sein von Licht und Stein, wandelbar wie das Molekül, dauerhaft wie das Atom, herzlos wie die Erde selbst.«

Der Steinbock fühlt eher eine Verwandtschaft zum Anorganischen als zum Organischen, zur unbelebten Natur, und verstärkt damit sein Einsamkeitsgefühl. Erst als Miller sich entschließt, Künstler zu werden und alles Erlebte niederzuschreiben, kommt er zu einem befriedigenden Gefühl seiner selbst. Aber eine hoffnungsfrohe Lebenseinstellung entsteht daraus nicht, vielmehr schreibt er »im grausamen und unerbittlichen Wissen vom Ende« ohne Aussicht auf Heilung, denn für ihn ist »es klar, dass es in dieser Logik keine Erlösung gibt«. So verhärtet der Steinbock in seinem Widerstand gegen das Leben und die ihm innewohnenden Träume. Statt sich den Lebensprozessen zu fügen, wird er mit zunehmendem Alter noch einsamer und abweisender. Henry Millers schwer zugänglicher Privatwohnsitz auf einem Felsen am Meer ist dafür sprechender Ausdruck.

 

CALENDARIUM ASTRUM ARTIFICIUM CAPRICORNUS

Die schönen Künste im Zeichen des Steinbocks

John Singer SargentPaul CézanneGiovanni SegantiniAnton Lehmden

 

SIMONE DE BEAUVOIR

Monolog (Eine gebrochene Frau)


In der Geschichtensammlung »Eine gebrochene Frau« wird das Scheitern und die Einsamkeit alternder Frauen beschrieben. Beauvoir greift damit typische Steinbock-Themen auf, in deren Literatur es häufig um schwerwiegende Trennungen und Verluste durch Tod und Selbstmord geht.


Murielle, eine Frau von 43 Jahren, lebt von ihrem zweiten Mann Tristan getrennt. Ihre Tochter Sylvie hat sie durch Selbstmord verloren und ihren Sohn Francis an den Vater. Sie ist beherrscht von leidenschaftlichem Hass auf das Leben und die Welt. Während sie auf ein Treffen mit Tristan wartet, um die Scheidungsbedingungen zu verhandeln, malt sich sich aus, wie sie unaufgeregt und sachlich darum kämpft, ihren Sohn wieder zu sich nehmen zu können. Doch diese Ruhe ist nur einstudiert:

»Wie sie mich anekelt meine ruhige Stimme; ich möchte ihm viel lieber ins Gesicht schreien: Es ist gegen die Natur, einer Mutter den Sohn zu nehmen! Aber ich bin ja von ihm abhängig […] Ohne Zaster kann man sich nicht verteidigen man ist da weniger als nichts: eine doppelte Null.«


Lachende Frau (Simone de Beauvoir)
Die französische Schriftstellerin, intellektuelle Existentialistin und politische Aktivistin Simone de Beauvoir (1908–1986) nahm bedeutenden Einfluss auf den zeitgenössischen Feminismus

Das Bewusstsein um ihre materielle Abhängigkeit bringt Murielle nun nicht dazu, sich taktisch zu verhalten. Das hat sie noch nie gekonnt, ist doch einem Steinbock die schonungslose Sicht auf die Verhältnisse besonders wichtig:

»Ich war sauber ehrlich unnachgiebig. Von Kind auf habe ich das im Blut gehabt: nicht schwindeln. […] Ich bin sauber ich bin aufrichtig ich kann nicht heucheln und deswegen geifern sie ja so sie mögen es nicht wenn man sie durchschaut sie wollen man soll ihren schönen Worten glauben oder wenigstens so tun.«


Angesichts dieser Gedanken findet Murielle keinen Schlaf. Auch ist sie von Lärm umgeben, denn draußen auf der Straße tobt das Leben:

»Da werden Wagentüren zugeknallt die Leute schreien sie lachen manche singen sie sind schon betrunken und über mir geht das Spektakel weiter. Das macht mich noch krank […] wenn ich daran denke dass ich in dem Atem all dieser Leute bade möchte ich auf der Stelle in die Wüste fliehen; wie soll man sich denn einen sauberen Körper bewahren wenn die Welt so ekelhaft ist und der Schmutz durch alle Poren in die Haut dringt.«

Aus diesem Grund will Murielle ihr Zimmer nicht verlassen, obwohl sie darin wie in einem »Käfig« lebt. Dieses Eingekesseltsein in das lärmige Leben macht sie rasend: »Ich bin eingesperrt ich bin gefangen und schließlich werde ich vor Langeweile sterben wirklich sterben.«


Cover von Simone de Beauvoirs Buch "Eine gebrochene Frau"
In den Geschichten aus »Eine gebrochene Frau« (1968) lässt Beauvoir den Leser an den Erfahrungen dreier Frauen teilnehmen, die sich mit Worten aus ausweglosen Situationen zu befreien versuchen

Wenn sich der Steinbock derart vor dem Leben verschließt, wird sein Gesichtskreis immer enger und er sieht nur noch das Negative. So auch bei Murielle. Sie ist überzeugt, dass es gar nichts bringen würde, die Wohnung zu verlassen und woandershin zu reisen, da sie doch überall nur auf denselben Dreck stoßen würde:

»Zweifelhafte Bettwäsche bekleckerte Tischtücher es ist doch ekelhaft im Schweiß und im Schmutz fremder Leute zu schlafen und mit schlecht abgewaschenen Bestecks zu essen da kann man sich ja Filzläuse oder die Syphilis holen und von den Gerüchen wird mir speiübel; hinzu kommt noch dass ich die ganze Zeit grässlich verstopft bin denn auf den Abtritten, die von Krethi und Plethi benutzt werden bringe ich einfach nichts raus; ich halte nichts von Verbrüderung durch gemeinsames Scheißen […] Und ob sie nun Pommes frites essen oder Paella oder Pizza immer und überall ist es das gleiche Pack das gleiche widerliche Pack: reiche Leute die einen wie den letzten Dreck behandeln arme Leute die einem das Geld abnehmen möchten alte Leute die albernes Zeug schwatzen junge Leute die sich über alles mokieren Männer die großtun Frauen die die Beine breit machen. Da bleibe ich schon lieber zu Hause …«

Doch in der Wohnung über ihr findet eine Party statt und der Feierlärm der Nachbarn steigert Murielles Hass auf das Leben noch mehr:

»Jetzt ist die Zeit wo sie’s in den Betten auf den Sofas auf dem Fussboden in den Autos miteinander treiben jetzt ist die Stunde des großen Kotzens wo man den Truthahn und den Kaviar ausspuckt widerlich ist das ich habe den Eindruck hier riecht alles nach Kotze ich werde gleich mal ein Räucherstäbchen anzünden.« Doch dann: »Dieser Weihrauchduft erinnert mich so an die Trauerfeier: die Kerzen die Blumen der Sarg meine Verzweiflung.«


Erneut überkommt Murielle die Trauer um den Selbstmord ihrer Tochter und sie kommt sich vor wie ein »armer, weißer Rabe: ganz allein auf der Welt«: »Allein krepieren allein leben nein ich will das nicht.« Sie sieht keine Perspektive mehr für sich: »Ich hocke zuhause und sterbe vor Langeweile. Ich hab’s satt ich hab’s satt … (insgesamt 122 Mal).«

 

BABYLONISCHE STERNKUNDE

Das Hexagesimalsystem und der Zodiak

12 = 6 x 2 / 36 = 6 x 6

 

PIO BAROJA

Der Baum der Erkenntnis


Obwohl Andrés Hurtado von Beruf Arzt ist, der täglich mit hilfsbedürftigen Menschen umgeht, fühlt er sich – wie jeder Steinbock – einsam.


Schon von Kindheit an hat Andrés das Gefühl »einsam und verlassen zu sein«. Der Tod seiner Mutter isoliert ihn von den anderen vollends: »Er fühlte sich ohne Verbindung zur Familie, zur Mutter, sehr einsam, und in seiner Einsamkeit wurde er in sich gekehrt und traurig.« Als Andrés sein Medizinstudium beginnt, gelingt es ihm wiederum nicht, mit seinen Kommilitonen in Kontakt zu treten, die ihm vergnügungssüchtig und desinteressiert erscheinen. So bleibt er auch unter Gleichaltrigen abgesondert. Alles gibt ihm »nur ein Gefühl des Schmerzes und der Bitterkeit: das Studium, die Diskussionen, die Familie, die Freunde, seine Streifzüge, und das alles vermischt mit seinen eigenen Gedanken. Das Leben ganz allgemein, vor allem das seine, schien ihm etwas Hässliches, Trübes, Schmerzliches, nicht zu Bewältigendes.«


Spanische Ausgabe von Pío Barojas Buch "Der Baum der Erkenntnis"
In seinem halbautobiografischen Roman »Der Baum der Erkenntnis« (1911) verarbeitet Pío Baroja seine Zeit als Medizinstudent und praktizierender Arzt, ehe er als Schriftsteller reüssierte

Diese Melancholie ist eine Grundempfindung des Steinbocks und oft sieht er das Leben wie einen unbezwingbaren Berg vor sich und gibt doch seine feste Überzeugung nicht auf, dass er alle Hürden alleine schaffen muss. Während der Ausbildung lernt Andrés in einer Krankenhausabteilung für Geschlechtskrankheiten das qualvolle Leid der Patienten kennen: »Der Besuch im Hospital San Juan de Dios war für Hurtado eine neue Ursache der Niedergeschlagenheit und der Melancholie. Er meinte, aus irgendeinem Grund wolle die Welt ihm ständig ihr hässlichstes Gesicht zeigen […] Die Kranken waren unvorstellbar elend und heruntergekommen. Es war qualvoll beklemmend, so viele unglückliche, verlassene Frauen ohne Heim und Familie in einem lichtlosen Saal wie auf einem menschlichen Misthaufen zu finden und mit eigenen Augen zu sehen, wie viel Fäulnis das sexuelle Leben vergiftet.«


Ein Steinbock blickt auf diese meist verdrängten Seiten der Gesellschaft, weil er die Realität ganz erfassen und sich keinen Illusionen hingeben will. So erscheint Andrés das ganze Leben wie »ein ständiger Kampf, eine grausame Jagd, bei der wir uns gegenseitig nacheinander auffressen. Pflanzen, Mikroben, Tiere.« Er sieht keinen Lichtblick, keine tröstliche Gemeinschaft; nur das Ende selbst ist paradoxer Weise mit Hoffnung verbunden: »Für mich ist es ein großer Trost, wenn ich denke, dass unser Gehirn die Vorstellungen von Zeit, Raum und Kausalität nicht anders produziert als unsere Retina die Farben. Wenn unser Gehirn ein Ende hat, dann hat auch die Welt ein Ende. Die Zeit geht nicht mehr weiter, der Raum ist nicht mehr da, kausale Zusammenhänge gibt es nicht mehr. Das Spiel ist aus, endgültig aus.«

Andrés wird Landarzt in Alcolea, einer Weinbaugegend, wo alles im Argen liegt: »Die Stadt besaß nicht den geringsten Sinn für das Gemeinwesen, für die Gesellschaft. Die Familien saßen in ihren Häusern wie Troglodyten in ihren Höhlen. Es gab kein Gefühl der Zusammengehörigkeit […] Im Grunde war jeder jedem fremd. Oft erschien es Hurtado, als ob Alcolea eine Stadt im Belagerungszustand wäre.«


Der Steinbock fürchtet die überbordenden Lebensprozesse so sehr, dass er alles in eine Ordnung zu zwingen versucht, die in eine herzlose Regelungswut ausarten kann. Das Horten von Dingen, die er nicht verschwenden möchte, kann in der Übertreibung der Saturnkräfte zum Geiz als Selbstzweck führen. »Bei diesem System, alles zu behüten und zu bewahren, erfreute sich Alcolea einer bewunderungswürdigen Ordnung. Nur ein gutgepflegter Friedhof hätte diese Perfektion noch übertreffen können.«


Gemälde von einem Mann (Pío Baroja), in Mantel und Hut in einem Stuhl sitzend
Von Schopenhauer und Nietzsche geprägter Pessimismus: Pío Baroya y Nessi (1872–1956). Der Baske mit der vornehmen Sprache war Ernest Hemingway ein großes literarisches Vorbild

In dieser Umgebung fühlt sich Andrés »wie ein Klumpen Bakterien in einer mit Karbolsäure gesättigten Brühe«. Kein Wunder, dass er nun selbst krank wird: »Nach acht oder neun Monaten dieses Lebens der Gereiztheit und gleichzeitig der Niedergeschlagenheit fühlte er zum ersten Mal Gelenkschmerzen […].«

Dem Steinbock wird anatomisch das Knochengerüst zugeordnet (Saturn). Auch kann eine Anfälligkeit für Ablagerungen eine Schwächung der Vitalkräfte bedeuten:

»[…] außerdem fiel ihm das Haar in ganzen Büscheln aus […] Der arthritische Zustand verschlechterte sich, im Organismus häuften sich allmählich die Abfallstoffe an, und das musste zur Bildung unvollständig verbrannter Rückstände, besonders von Harnsäure, führen.«

Wie es einem Steinbock naheliegend erscheint, versucht der Arzt – nun selbst erkrankt –, sich mit Askese zu heilen:

»Andrés beschloss, sich Beschränkungen in der Ernährung aufzuerlegen, nur Gemüse zu essen, kein Fleisch mehr, keinen Wein. Ein paar Stunden nach dem Mittag- und Abendessen trank er große Mengen Wasser. Der Hass gegen den Geist der ganzen Stadt hielt ihn in seinem heimlichen Kampf aufrecht. Es war eines der tiefen Hassgefühle, die dem, der sie empfindet, eine unendliche Ruhe verleihen, es war eine epische, hochmütige Verachtung. Für ihn gab es keinen Spott mehr; alles glitt an seiner Unbeweglichkeit wie an einem Panzer ab.«

So hat sich Andrés schon in jungen Jahren in die Erstarrung begeben, die eine echte Gefahr für den Steinbock ist. Er hat sich nun dem Leben gegenüber so sehr verschlossen, dass auch ein Wechsel nach Madrid nichts mehr hilft. Selbst diese pulsierende Stadt ist nur »traurig, traurig. Immer dieses Vorläufige hier in Madrid, die gleiche beklemmende Angst, die schon chronisch geworden ist, das gleiche Leben ohne Leben, immer das gleiche.« Auch Madrid ist für den jungen Mann nur eine »Aschenhalde«.

 

ASTROLOGISCHER LESEZIRKEL

ARIES ― TAURUSGEMINICANCERLEOVIRGOLIBRA SCORPIUSSAGITTARIUS ― CAPRICORNUS ― AQUARIUS ― PISCES


Weitere Werke von Autoren, deren Protagonisten typische Eigenschaften ihres Zeichens Steinbocks aufweisen und aus Sicht der Astrologie Lesevergnügen bereiten, sind:


Himmel über der Wüste von Paul Bowles

Die Schuld des Tages an die Nacht von Yasmina Khadra

Lockruf des Goldes von Jack London

Der Golem von Gustav Meyrink

Der Berg der Seele von Gao Xingjian


Vorschau

Die nächste Episode des Astrologischen Antiquariats steht im Zeichen des Wassermanns und geht am 21. Januar 2022 online. Wer zeitgerecht erinnert werden möchte, registriert sich für unsere Rubrik Einsichten oder abonniert uns auf Facebook. Besprochen werden die Romane Frost von Thomas Bernhard, Johann Christof von Romain Rolland und Orlando von Virginia Woolf.

 

Über diese Studie Die Präposition, dass ein Geburtshoroskop eines Künstlers Auswirkungen auf sein Schaffen zeigen kann und sich mitunter in seinen Werken widerspiegelt, ist der Ausgangspunkt dieser umfassenden Studie, für die 72 Romane von Steinbockautoren sondiert, gelesen und astrologisch interpretiert wurden.


Über die Autorin

Karin Bat, Jahrgang 1953; geboren und aufgewachsen in Ostwestfalen; Studium der Literaturwissenschaft, Theologie Philosophie und Wissenschaftsjournalistik; berufliche Tätigkeit in der Erwachsenenbildung und im Verlagswesen; seit 1992 in Österreich beheimatet; eingehende Beschäftigung mit Jungianischer Psychologie und dem Tarot; Beratungen, Seminar- und Vortragstätigkeit.


Karin Bat

Astrologin, Theologin, Philosophin

Rosengasse 27/19

3130 Herzogenburg, Austria

GSM +43 (0) 664-863 01 22

E-Mail: k.bat@gmx.at

© 2021 Karin Bat | Epiphany | Institut für Kulturgeschichte, Leipzig

 

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