• Karin Bat

Der literarische Wassermann

Astrologische Spuren in Romanfiguren. Planetare Einflüsse der Uranus-Energie in den Werken großer Dichter – der Wassermann, wie er im Buche steht.


In der elften von insgesamt zwölf Episoden des Astrologischen Antiquariats besprechen wir drei Erzählungen von Dichtern, die im Sternzeichen Wassermann geboren wurden, und deren Protagonisten deutliche Charaktereigenschaften erkennbar werden lassen, die dieser Konstellation zugesprochen werden. Unsere astrologische Betrachtung der Romanfiguren gibt tiefe Einblicke in das Wesen des Zeichens ihrer Erfinder, wie es kurze Textauszüge und Dialoge veranschaulichen. Die drei ausgewählten Literaturklassiker sind:

  • Frost von Thomas Bernhard, *9.2.1931 in Heerlen/NL

  • Johann Christof von Romain Rolland, *29.1.1866 in Clamecy, Nièvre/FR

  • Orlando von Virginia Woolf, *25.1.1882 in London/GB

Der im Sternzeichen Wassermann Geborene schaut immer aus einer gewissen Distanz auf das irdische Treiben. Dadurch leidet er unter den Ungerechtigkeiten der gesellschaftlichen Rangordnung und strebt eine Gleichberechtigung aller Einzelwesen an. Häufig schon von Kindheit an materielle oder emotionale Entbehrungen gewöhnt, fühlt er sich innerlich einsam und niemandem zugehörig. Im Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Toleranz findet er einen Weg aus dieser Vereinzelung. Damit entspricht er seinem inneren Auftrag, die Entwicklung der Menschheit als Ganzes zu immer höheren Stufen der geistigen Durchdringung unseres Erdendaseins voranzutreiben. Dieses Ziel ist auch der wesentliche Antrieb des Wassermanns in seinem literarischen Schaffen.

 

WIDDERSTIERZWILLINGEKREBSLÖWEJUNGFRAUWAAGE SKORPION SCHÜTZE STEINBOCK ― WASSERMANN ― FISCHE

 

THOMAS BERNHARD

Frost

Dem Wassermann sind alle emotionalen Abgründe einer Liebesbeziehung unheimlich, weil sie in seinen Augen das Gegenteil einer geistigen Entwicklung bewirken. Er ist davon überzeugt, nur ohne diesen Abstieg in die Gefühlswirren zu geistigen Höhenflügen gelangen zu können.


Der alternde, verbitterte Kunstmaler Strauch hat schon von klein auf viele Widrigkeiten erlebt, denn er entstammt einer schwierigen Ehe: »Vater und Mutter Beweise für unglückliches, unzurechnungsfähiges, nicht mehr gut zu machendes Handeln des Instinkts, des Gefühls, des Teufels.«

Strauch spürt schon lange keine Verbindung mehr zu seinen Eltern: »Meine Familie […] war einfach über Nacht in Dunkelheit hinein verschwunden, hatte sich meinen Blicken entzogen, oder ich hatte mich von ihr entfernt, in Dunkelheit verzogen.« Für ihn – er hatte in seiner unglücklichen Kindheit »nie etwas zum Lachen gehabt« – ist es nur eine notwendige Konsequenz, seiner Herkunft zu entrinnen. Auch wenn er versucht, »an etwas Freundliches zu denken. An einen schönen Augenblick, an einen einzigen schönen Augenblick«, gelingt ihm dies nicht: »Ich fand keinen.«

So wird der Maler »ein Menschenhasser«. Hierin zeigt sich die Gefahr für den Wassermann, in seinen negativen Erfahrungen stecken zu bleiben und sich von der Welt abzuschließen. Nur durch die Entwicklung eines relativierenden Überblicks des Geistes kann er sich daraus befreien.


Thomas Bernhards Erstlingsroman »Frost« (1963) veranschaulicht, dass sich ein Wassermann nur ungern bindet und es ihm oft schwer fällt, seinen eigenen Gefühlen zu vertrauen

Strauch vermag es nicht, Distanz zu diesem Dilemma zu gewinnen und entwickelt eine tiefe Abneigung gegen jede innige Vertrautheit: »Eheliches Zusammenleben, wissen Sie, das bedeutet ungerechtfertigte Marter bis zum Ende der Ehe. Wenn sich die Zustände zweier Menschen ins Unerträgliche ineinanderschieben wie Gesteinsflöze […] Ein Kopf voll Schmach und Öde, das sei die Ehe für Mann und Frau.« Überall sieht Strauch nur »hinterhältige Familienkatastrophen«. So bleibt ihm – »von allem zurückgezogen« – nur die Isolation: »Das Alleinsein beschäftigt mich, soweit ich zurückdenken kann. Auch der Begriff des Alleinseins. Des Eingeschlossenseins in sich selbst.« So bleibt es für Strauch sein ganzes Leben: »Kindheit und Jugend waren ein ebenso grausames Alleinsein, wie mein Alter ein grausiges Alleinsein ist.« Der Maler lebt »so für sich allein, dass keiner ihn jemals versteht«. Sein Leben besteht aus »Expeditionen in Urwälder des Alleinseins«.

Strauch lässt sich nur deshalb nicht auf die Menschen ein, weil sie nicht bereit sind, über sich hinaus zu denken. Sie sind »ihr Leben lang […] unfähig zu etwas Höherem«, weil sie »alles Geistige hassen«. Der Maler aber spürt in sich »die Möglichkeit einer neuen Entwicklung des Geistes«. Er strebt »ein unter der Logik reflektierendes Hochgeistestum« an und hegt den Wunsch, »der zweite Schöpfer« zu sein, um im Handumdrehen die Jahrtausende zurückzukurbeln und sie »in anderer, besserer Richtung sich wiederentwickeln lassen.«

Hier kommt die weite Perspektive des Wassermanns zum Ausdruck, dem es immer um die Höherentwicklung der gesamten Menschheit geht. »Alles in eine andere Richtung lenken wollte ich.«


Da dieser Neuanfang unmöglich ist, bemüht sich Strauch wenigstens »die Finsternis hinter mich zu bringen«. Dazu setzt er sich eisernen Übungen aus, denn »ich habe ein strenges Gewissen«: »Er habe sich immer wieder in Not und Hungerübungen eingelassen […] In die Anspruchslosigkeit.« »Was mich betrifft, bin ich von unglaublichen Härtegraden.«


Thomas Bernhard (1931–1989): Der idealistische Wassermann denkt im Wesentlichen gesellschaftspolitisch und will die Welt zum Besseren verändern

So versucht der Wassermann persönliche Bedürfnisse hintanzustellen, die ihn materiell und emotional binden, um zu einer geistigen Freiheit zu gelangen. Von sich selbst sagt Strauch: »Ein scharfes Kennzeichen meiner Natur ist ja mein Zurücksetzen meiner Person.«

Mit dieser Unerbittlichkeit gegen sich selbst wird Strauch »ein Meister der Menschenbeherrschung […], der sich immer habe aufs äußerste einschränken können.« Kein geringeres Ziel schwebt ihm vor, als »einen neuen Menschen« machen zu wollen.

Die Allgemeinheit zieht aber mit diesen Anstrengungen nicht mit, im Gegenteil ist »die Welt ein stufenweiser Abbau von Licht«. Nun nehmen Kälte und Finsternis zu unter den Menschen und es herrscht der »grimmige […] Frost. Er könne an allen Gegenständen, an allen Pflanzen, an allem feststellen, wie der Frost sich vorbereite. Ein ungeheurer Frost. Man sieht es an den Bäumen, am Gestein. Man hört es, wenn man das Vieh hört. Und eines Tages werde alles einfrieren und tot sein. Die Welt, wie sie im Augenblick ist. Selbst die Luft wird erstarren.«

Wenn der Wassermann im Außen weder eine menschenfreundliche Aktivität noch geistige Resonanz finden kann, fühlt er sich einer großen Kälte ausgeliefert. »Der Frost ist allmächtig« geworden und erfasst den Maler in tiefsten Schichten: »Man friert innerlich.« »Die Kälte beißt in die Kräfte hinein, in die Menschenkräfte, in die über alles hochtrabende Muskelkraft des Verstandes. Es ist dieser Milliarden Jahre alte, stupid alles ausnutzende Tourismus der Kälte, der in mein Gehirn eindringt, der Einbruch des Frosts.« Die Kälte tötet alle seine Lebensimpulse ab: »Alles in ihm komme vor Kälte um.« Und das Leben wird zu einem einzigen großen »Kälteverdruss«.

 

CALENDARIUM ASTRUM ARTIFICIUM AQUARIUS

Die schönen Künste im Zeichen des Wassermanns

Éduard ManetGerhard RichterH. R. GigerErnst FuchsCarl Spitzweg

 

ROMAIN ROLLAND

Johann Christof


Um in seiner Literatur die Schwächen der Gesellschaft aufzuzeigen, dient dem Autor und Friedensaktivisten Romain Rolland sein Romanheld Johann Christof, der die Hoffnung auf eine versöhnte Menschheit verkörpert. Der Musiker muss eine Reihe von schweren Prüfungen durchlaufen, ehe der die Harmonie erreicht, die mit dem Rhythmus des universellen Lebens übereinstimmt.


Der junge Johann Christof wächst in einer verarmten, vom Vater tyrannisierten Musikerfamilie auf. Sie müssen oft Hunger leiden, wobei sich Christof schon als »kleiner Junge das Essen versagte, damit die andern umso mehr hätten«. Ein Wassermann stellt die Bedürfnisse der andern gerne vor seine eigenen. Dies wird Christof allerdings nicht mit Liebe, sondern mit noch mehr Härte vergolten, was ihn sehr einsam macht.

Christof fand es »gar nicht heiter, zu leben, Hunger zu haben, den betrunkenen Vater zu sehen, brutal behandelt zu werden, auf tausend Arten zu leiden – durch die Schlechtigkeit anderer Kinder, durch das beleidigende Mitleid der Großen – und von niemand, selbst nicht von seiner Mutter verstanden zu werden. Alle Welt demütigte einen, keiner liebte einen, man war allein, ganz allein und zählte so wenig«. Damit teilt Christof das Schicksal einer lieblosen, trostlosen Kindheit vieler im Zeichen Wassermann geborener Menschen.

Als ein Nachbarskind stirbt wird »seine Kindheit durch den Todesgedanken vergiftet«: »Diese Angst vor dem Tode quälte ihn jahrelang – einzig gemildert durch den Ekel vor dem Leben, die Trübsal seines Lebens.«


Romain Rolland (1866–1944) erhielt für seinen Bildungsroman »Johann Christoph« 1915 den Literaturnobelpreis

In dieser Düsternis, die ihn umgibt, erlebt Johann Christof die Musik als rettendes Licht: »Inmitten des schweren Dunkels dieses Daseins, in der erstickenden Nacht, die sich von Stunde zu Stunde rings um ihn her zu verdichten schien, fing wie ein verlorener Stern im düstern Raume ein Licht zu glänzen an, das sein Leben erleuchten sollte: die göttliche Musik.«


Der Wassermann braucht geistige Nahrung, um die beengende Wirklichkeit hinter sich lassen zu können. Seine Eltern fördern Christofs musikalische Begabung jedoch nur, damit er möglichst bald zum Lebensunterhalt beitragen kann. Schon mit elf Jahren muss er Geld als Hofmusiker verdienen, so dass ihm das Klavier oftmals zum »Folterinstrument« und er allmählich »das ernste und besorgte Aussehen eines kleinen Mannes« annimmt. Es wird »ihm zur Gewohnheit, verschlossen zu sein und sich abseits von den Kindern seines Alters zu halten«. Wer unter dem Sternzeichen Wassermann geboren ist, fühlt schon als Kind die Verantwortung, die das Leben mit sich bringt, sodass er kaum zu einem Gefühl kindlicher Unbeschwertheit und Sorglosigkeit finden kann.

Doch je größer die Not und Einsamkeit werden, desto stärker wird in Johann Christof auch das Verlangen, sich von alldem zu lösen, denn der Wunsch nach Befreiung, nach Freiheit ist der stärkste Antrieb im Wassermann: »Je enger sich um Christof das Gefängnis der Sorgen und kleinlichen Aufgaben schloss, umso mehr fühlte sein aufrührerisches Herz seine Unabhängigkeit […] Unterm Joch wurde er sich des Werts der Freiheit voll bewusst.«

Johann Christof geht nach Paris, doch stürzt er sich dort nicht in das wirbelnde Leben. Er ist vielmehr angewidert von der erotischen, sinnlichen Atmosphäre und arbeitet noch zurückgezogener an seinen Kompositionen: »Seine Sinne waren für alles, was ihn umgab, verschlossen.« Er lebt eher wie ein Mönch in seiner Klause: »Er führte ein streng keusches Leben […] Christofs Elend, seine Jagd nach dem täglichen Brot, seine außergewöhnliche Mäßigkeit und sein Schaffensfieber ließen ihm weder Zeit noch Lust, an sinnliche Freuden zu denken. Er war in dieser Hinsicht nicht allein gleichgültig; aus Widerspruch gegen Paris hatte er sich in eine Art sittlichen Asketentums gestürzt.«

Mit dieser Haltung empfindet Johann Christof »eine Müdigkeit vor dieser fieberhaften und unfruchtbaren Welt, vor diesen Schlachten der Eigensucht, vor diesen menschlichen Auslesen, diesen Ehrgeizigen, diesen Eitlen, die sich für die Vernunft der Welt halten und doch nur ihr böser Traum sind. Und seine Liebe strömte tausend schlichten Seelen aller Nationen entgegen, die schweigend brennen, reine Flamme der Güte, des Glaubens und der Aufopferung – Herz der Welt.« Den Wassermann zieht es nicht in die glanzvollen Höhen der Aufgestiegenen, sein Herz schlägt für die Erniedrigten und Beleidigten, die die Mehrheit der Weltbevölkerung bilden.


Mit seinem mehrteiligen Romanzyklus Johann Christof (1904–1912), der das gesamte Leben eines genialen Musikers umspannt, eroberte Rolland das französische Lesepublikum im Sturm

Johann Christof macht sich daran, eine Musik zu komponieren, die »den Aufschwung unserer Bruderseelen« fördert, in der »die schönsten musikalischen Kräfte seiner Zeit verschmelzen: die innige und weise Gedankenwelt Deutschlands mit ihren dämmrigen Tiefen, die leidenschaftliche Musik Italiens und der lebenssprühende Geist Frankreichs«. In der völkerverbindenden Sicht des Wassermanns denkt Rolland den vorherrschenden Nationalismen seiner Zeit weit voraus. Seinen Johann Christof beseelt sozusagen das »religiöse Streben nach Brüderlichkeit der Nationen und Rassen«, einer im Wassermann tiefverwurzelten Vision.

In der Musik wird die Einheit vorweggenommene Wirklichkeit: »Es gilt, alles zu umfangen und tapfer und fröhlich in den Schmelzofen unseres Herzens ebenso die verneinenden wie die bejahenden Kräfte, die feindlichen wie die freundlichen hineinzuwerfen, kurz, das ganze Metall des Lebens. Das Ergebnis alles dessen ist die Statue, die sich in uns herausarbeitet, ist die göttliche Frucht des Geistes; und alles ist gut, was dazu beiträgt, sie schöner zu gestalten, sei es auch durch das Opfer unseres Selbst erkauft.«

In diesen Kompositionen findet Christof den Frieden, der ihn nicht nur mit den Menschen in seiner Umgebung, sondern mit der ganzen Welt verbindet: »Da löste sich sein Herz. Ein unaussprechlicher Frieden erfüllte den bestirnten Raum, über den die Musik der Sphären ihre reglosen und undurchdringlichen Flächen breitete.«

Auch in anderen Künsten und in der Meditation kann es dem Wassermann gelingen, die irdische Polarität, die er als zutiefst beengend empfindet, zu überwinden, und sein Herz und seinen Geist den höheren Sphären zu öffnen.

 

BABYLONISCHE STERNKUNDE

Das Hexagesimalsystem und der Zodiak

12 = 6 x 2 / 36 = 6 x 6

 

VIRGINIA WOOLF

Orlando


Orlando wurde in eine sehr wohlhabende, adlige Familie hineingeboren, die immer in der Gunst der Könige stand. Doch Orlando interessiert sich überhaupt nicht für die angestammten Möglichkeiten des Adels, seine Besitztümer auszuweiten und auf Ruhm und Macht zu pochen. Er hat vielmehr das »grüblerische Temperament« in sich und ist – »ein der Gelehrsamkeit Beflissener« mit einer »Vorliebe für Einsamkeit und Bücher«. Auch wenn ihm sein Stand alle Freiheiten gewährt, verkehrt er doch nicht gern in der Gesellschaft. Dort bewegt er sich trotz seiner anmutigen Ausstrahlung »unbeholfen und ein wenig geistesabwesend«.


Bewegend und einsichtsvoll schildert Virginia Woolf in »Orlando« (1928) die Lebensgeschichte eines Unsterblichen und persifliert die britische Kultur im Wandel der Zeiten von 300 Jahren

Die Jagd nach sinnlicher Entzückung befriedigt Orlando nicht, denn ein Wassermann sieht dies als Oberflächlichkeit an. So ist es für Orlando auch in den Beziehungen zu Frauen:

»Liebe war für ihn nur Sägemehl und Asche gewesen. Die Freuden, welche er von ihr gehabt, hatten einen äußerst schalen Nachgeschmack.« Als er einmal eine wirkliche Herzensbeziehung eingeht, wird er betrogen und außerdem noch wegen der politischen Unbotmäßigkeit der Verbindung vom Hofe verbannt. Diese »Liebe hatte ihn die Seelenqualen der Verdammten leiden lassen«, was ihn dazu veranlasst, die Gesellschaft zu meiden: »Orlando ergab sich nun […] einem Leben in völliger Einsamkeit. Dass er am Hofe in Ungnade fiel und sein Gram so heftig war, das war zum Teil der Grund, aber da er keine Anstrengung machte, sich zu verteidigen und selten jemand aufforderte, ihn zu besuchen, […] hatte es den Anschein, dass es seiner Stimmung zusagte, in dem großen Haus seiner Väter allein zu bleiben. Die Einsamkeit war seine eigene Wahl.«

»Mutterseelenallein« verfällt Orlando häufig »in eine seiner schwermütigen Stimmungen«, die den Wassermann, sofern er noch nicht seine hohen geistigen Ansprüche erfüllt findet, immer wieder heimsuchen: »Alles war finster geworden. Tränen strömten ihm übers Gesicht. Als er zum Himmel aufblickte, war auch dort nichts als Schwärze. Verfall und Tod, dachte er, decken alles zu. Des Menschen Leben endet im Grab.«

Das Dasein seiner Ahnen erscheint ihm angesichts eines solchen Fatums sinnlos. Er erkennt, dass seine Vorfahren zwar »Feld nach Feld angesammelt hatten, Haus nach Haus; Ehren auf Ehren; und doch kein einziger ein Heiliger oder Held oder großer Wohltäter der Menschheit gewesen war.« Er sieht, »wie tätig und wacker sie leiblich gewesen waren, wie träge und furchtsam im Geist«. Und gerade darauf, den Mut, sich geistige Welten zu erringen, kommt es dem Wassermann an.

Als Orlando einmal die Familiengruft aufsucht, erfüllt es ihn »mit reuiger Scham, dass vor kaum drei- oder vierhundert Jahren diese Gerippe da Männer gewesen waren, welche ihren Weg in der Welt zu machen hatten wie irgendein Emporkömmling der Gegenwart, und ihn dadurch gemacht hatten, dass sie Häuser und Ämter, Ordenssterne und -bänder errafften, wie das irgendein anderer Emporkömmling tut, während Dichter vielleicht, und Männer von hohem Geist und Bildung ländliche Stille vorgezogen hatten«.

Mit Begeisterung beschließt Orlando Dichter zu werden, sich »dieser begnadeten, ja gesegneten Bruderschaft« anzuschließen. Für ihn ist »des Dichters Amt […] das höchste Amt von allen […] Seine Worte treffen, wo andere zu kurz gehen. Ein einfältiges Liedchen Shakespeares hat mehr für die Armen […] getan als alle Philanthropen der Welt.«

Die Poesie erscheint ihm deswegen so verehrungswürdig, weil sie den Geist sichtbar machen kann: »Wir müssen unsere Worte zurecht schnitzen, bis sie eine ganz dünne Hülle um unsere Gedanken sind. Gedanken sind göttlich.«

Virginia Woolf (1882–1941): An den Moralkodex ihrer Zeit hielt sich die avantgardistische Literatin nicht. Freiheit und Unabhängigkeit sind für den Wassermann enorm wichtige Privilegien

So nimmt Orlando Kontakt zum Kreise der Schriftsteller auf und muss dort die betrübliche Erfahrung machen, dass auch sie »diesen Tumult, diesen Wirrwarr der Leidenschaften und Gemütsbewegungen« nicht überwinden können. Auch sie beschäftigen sich nur mit sich selbst. Orlando mag nicht »die hohe Meinung, welche Dichter von sich selbst haben; die niedrige, welche sie von anderen haben; und dann die Feindseligkeiten, Beleidigungen, Eifersüchteleien und Gegenhiebe, in welche sie beständig verwickelt sind; und die Redseligkeit, mit welcher sie die mitteilen; und die Raubgier, mit welcher sie Mitgefühl für sich verlangen.«

Orlando muss erkennen, dass die Dichter »nicht Wahrheitsliebe, sondern Geltungsbedürfnis« antreibt. »Ekel« überkommt ihn. Er ist »mit den Menschen […] fertig« und beschließt, »der Gesellschaft auf ewig zu entsagen«: »Ich liebe Bäume […], die ein Jahrtausend wachsen […] und die Nacht. Aber Menschen […] Menschen? […] Ich weiß nicht. Schwatzhaft, gehässig, lügnerisch.«

Doch Orlando gibt nicht auf, nach dem Sinn zu suchen. Er erforscht unablässig das »Sinnbild dessen, was unerreichbar ist«, er will »Licht, Ordnung und heitere Klarheit« erlangen, womit die kristalline Welt des Wassermanns umschrieben ist.

Orlando lebt mehrere Jahrhunderte und macht sogar eine Geschlechtsumwandlung durch. So kann sie als Frau die andere Seite der polaren Welt erfahren und damit eine Perspektive gewinnen, die die Gegensätzlichkeit übersteigt. Dieses Ausbrechen aus der Polarität in eine höhere Sicht ist dem Wassermann ein tiefes Anliegen. Nach diesem Durchbruch erschließt sich Orlando die geistige Welt in kurzen Augenblicken der »Ekstase«. In diesen Momenten gelingt es ihr, »den undurchsichtigen Rollbalken der Gegenwart« beiseitezuschieben. Dann ist sie »vom Druck der Gegenwart erlöst« und ihr »ganzes Sein von einer seraphischen Harmonie durchdrungen«: »Ihr ganzes Wesen verdichtete und beruhigte sich, als würde eine dünne Folie, die einer Oberfläche erst die Rundung und Festigkeit gibt, hinzugefügt, und das Seichte würde tief und das Nahe fern; und alles wäre von ihr gehalten wie Wasser von der Wandung eines Brunnenschachts. So war sie nun dunkel und still und war […] das geworden, was mit Recht oder Unrecht ein einziges Ich, ein wirkliches Selbst genannt wird.«

 

ASTROLOGISCHER LESEZIRKEL

ARIES ― TAURUSGEMINICANCERLEOVIRGOLIBRA SCORPIUSSAGITTARIUS CAPRICORNUS ― AQUARIUS ― PISCES


Weitere Werke von Autoren, deren Protagonisten typische Eigenschaften ihres Zeichens Steinbocks aufweisen und aus Sicht der Astrologie Lesevergnügen bereiten, sind:


David Copperfield von Charles Dickens

Ardinghello und Die glückseligen Inseln von Wilhelm Heinse

Der goldene Topf von E.T.A. Hoffmann

Mein Franz von Assisi von Nikos Kazantzakis

Nathan der Weise von Gotthold Ephraim Lessing


Vorschau

Die nächste Episode des Astrologischen Antiquariats steht im Zeichen der Fische und geht am 21. Februar 2022 online. Wer zeitgerecht erinnert werden möchte, registriert sich für unsere Rubrik Einsichten oder abonniert uns auf Facebook. Besprochen werden die Romane Der Fürst von Eugen Barbu, Die wilde Geschichte vom Wassertrinker von John Irving und Die große Verwirrung von Marie Cardinal.

 

Über diese Studie Die Präposition, dass ein Geburtshoroskop eines Künstlers Auswirkungen auf sein Schaffen zeigen kann und sich mitunter in seinen Werken widerspiegelt, ist der Ausgangspunkt dieser umfassenden Studie, für die 72 Romane von Wassermannautoren sondiert, gelesen und astrologisch interpretiert wurden.


Über die Autorin

Karin Bat, Jahrgang 1953; geboren und aufgewachsen in Ostwestfalen; Studium der Literaturwissenschaft, Theologie Philosophie und Wissenschaftsjournalistik; berufliche Tätigkeit in der Erwachsenenbildung und im Verlagswesen; seit 1992 in Österreich beheimatet; eingehende Beschäftigung mit Jungianischer Psychologie und dem Tarot; Beratungen, Seminar- und Vortragstätigkeit.


Karin Bat

Astrologin, Theologin, Philosophin

Rosengasse 27/19

3130 Herzogenburg, Austria

GSM +43 (0) 664-863 01 22

E-Mail: k.bat@gmx.at

© 2021 Karin Bat | Epiphany | Institut für Kulturgeschichte, Leipzig

 

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