• Karin Bat

Die literarische Jungfrau

Astrologische Spuren in Romanfiguren. Planetare Einflüsse der Merkur-Energie in den Werken großer Dichter – die Jungfrau, wie sie im Buche steht.


In der sechsten von insgesamt zwölf Episoden des Astrologischen Antiquariats besprechen wir drei Erzählungen von Dichtern, die im Sternzeichen Jungfrau geboren wurden, und deren Protagonisten deutliche Charaktereigenschaften erkennbar werden lassen, die dieser Konstellation zugesprochen werden. Unsere astrologische Betrachtung der Romanfiguren gibt tiefe Einblicke in das Wesen des Zeichens ihrer Erfinder, wie es kurze Textauszüge und Dialoge veranschaulichen. Die drei ausgewählten Literaturklassiker sind:

  • Ein ruhmreicher Sieg von Taylor Caldwell, * 7. September 1900 (Jungfrau) in Prestwich bei Manchester, GB

  • Geschichte der Abderiten von Christoph Martin Wieland, * 5. September 1733 (Jungfrau) in Oberholzheim, Achstetten, Baden-Württemberg, DE

  • Die erleuchteten Fenster von Heimito von Doderer, * 5. September 1896 (Jungfrau) in Hadersdorf-Weidlingau (Wien), AT

Das vom Planeten Merkur regierte Sternzeichen Jungfrau gehört dem Element Erde an, weshalb sie großen Wert auf praktische und nützliche Handlungsweisen legt. Sie bevorzugt Ordnung, Kontrolle und Sicherheit, sie lehnt Spontanität ab, um die aus ihr folgende Unübersichtlichkeit zu vermeiden. So versucht sie, die Welt der Gefühle und geistigen Höhenflüge – wenn überhaupt – nur mit größter Vorsicht in ihr Leben zu lassen. Am liebsten bewegt sich eine Jungfrau in einem vorgegebenen Ordnungsrahmen, wie ihn zum Beispiel Verwaltung, Technik und Rechnungswesen bieten. Dieser Hang zur Gefühlsabwehr zeigt sich in den Romanen der Jungfrauen in einer ausgefeilten, distanzierten Sprache, kann aber auch zu einer unvergleichlich geschärften Ironie führen.

TAYLOR CALDWELL

Ein ruhmreicher Sieg


In ihren mehr als 30 Romanen, die Taylor Caldwell erst im Alter von 38 Jahren zu schreiben begann, stehen oft Unternehmer im Mittelpunkt, die trotz Machtintrigen und leidenschaftlichen Verirrungen anderer Familienmitglieder die Firma mit Vernunft und Umsicht zu wirtschaftlichem Erfolg führen.


Der deutschstämmige Unternehmer Karl (Charles) besitzt eine Werkzeugmaschinenfabrik in Amerika und führt diese durch die schwierigen Zeiten des I. Weltkrieges, ohne sich von der Kriegsstimmung zu unlauteren Geschäften hinreißen zu lassen. Eine Jungfrau möchte immer korrekt und für andere nachvollziehbar handeln, wobei jedoch immer die Effektivität im Vordergrund steht. Deshalb verabscheut sie chaotische Zustände und erst recht von Emotionen gesteuertes, zerstörerisches Agieren.


Karl, der noch drei Brüder hat, wurde von seinem Vater zum Erben der Firma bestimmt, weil er einen »ungetrübten Blick« auf die Wirklichkeit hat und »immer so ungemein realistisch« ist. Außerdem ist er »anständig, verlässlich und korrekt«. Aus diesem Grund ist er am besten geeignet, die Geschicke der Firma zu lenken. Auch eine Bekannte sieht es so: »Sie sind so schrecklich prosaisch, mein Bester. Deshalb werden Sie von vielen Leuten Charlie genannt. Charlie klingt nach Verlässlichkeit, Dickköpfigkeit, Geld auf der Bank und nüchternem Verstand […] Ihre Bücher und Konten sind bestimmt jeder Prüfung gewachsen.«

Hierin wird Charles als reine Jungfrau erkennbar, die sich nicht von ihren Gefühlen oder Vorlieben leiten lässt, sondern immer die Auswirkungen ihres Handelns auf die realen Verhältnisse im Blick hat und sich danach richtet. Diese realen Verhältnisse will sie beherrschen und zu materiellem Erfolg bringen.

Bestseller-Autorin des 20. Jahrhunderts: Taylor Caldwell (1900–1985). Viele ihrer Bücher drehten sich um die Vorstellung, dass eine kleine Gruppe reicher, mächtiger Männer heimlich die Welt kontrolliert

Karl (nur in Amerika wird er Charles genannt), der früh seine Frau verloren hat und nun mit ihrem gemeinsamen, fast erwachsenen Sohn lebt, hat diese eindeutige Ausrichtung auf die Wirklichkeit: »Immer galt mein oberstes Interesse dem Betrieb unseres Vaters.« Er will »nichts weiter, als dass unsere Firma floriert. Sie soll auch in Zukunft dafür bekannt sein, dass sie die besten Präzisionswerkzeuge im ganzen Land herstellt.«


Im Arbeitsfeld der Technik fühlt sich eine Jungfrau besonders wohl, weil in diesem Bereich die absolute Kontrolle und überprüfbare Sicherheit gefordert ist, die ihr selbst ein innerstes Anliegen ist. So führt Karl »berufsbedingt ein etwas enges Leben«, hat er doch auch »niemals unbescheidene Wünsche an das Leben gestellt. Der Wunsch nach Ruhm, Donnerhall und Sensation war ihm immer fremd geblieben. Durchschnittliche Gesundheit, Zufriedenheit, etwas fürs Herz, ein stattliches Bankkonto, ein makelloser Ruf und ein gutes Gewissen, das sich auf Redlichkeit stützt – mehr konnte sich seiner Meinung nach niemand wünschen.«


Eine Jungfrau mag keinen emotionalen Überschwang und auch keine materielle Übertreibung. Das Leben soll sich in einem kalkulierbaren Mittelmaß abspielen. Auch die Gottesvorstellung Karls fügt sich in dieses Weltbild ein, denn eine Jungfrau möchte sich nicht in höhere geistige Welten begeben, da sie fürchtet, sich darin zu verlieren. So ist Gott für Karl »ein vernünftiger, etwas materialistischer Gott, sehr konkret und vielleicht sogar ein guter Geschäftsmann«, »ein Superchef mit klarem Verstand, der auf Ordnung achtete«. Doch dieses Gottesbild ist nur eine Konzession an die Konvention, nicht wirkliche Religiosität, denn Karl hat »keinen Glauben […] außer an mich selbst«. Er ist davon überzeugt, dass der Mensch aus sich selbst heraus moralisch handeln muss und mit Logik und gesundem Menschenverstand eine vernünftige Ordnung herstellen kann, die seine Triebnatur im Zaume hält.


Karl ist in seiner Firma »zum Kontrollrädchen geworden, zur Unruhe, die eine höchst komplizierte Präzisionsmaschine in Bewegung und Ordnung hielt und für den korrekten Ablauf des gesamten Gefüges sorgte. Kein Wunder, dass eine solche Unruhe das Herzstück der Familie war, die aus derart labilen Elementen […] bestand, ganz zu schweigen von einem Betrieb, der ständig Energie, Initiative, Einfallsreichtum und gesunden Menschenverstand erforderte.« Karl leitet die Firma mit Umsicht und Augenmaß, wobei er sich niemals zu schnellen Entscheidungen, die schnelle Profite versprechen, hinreißen lässt: »Ich bin ein vorsichtiger Mann […] Ich bin nicht schnell von Entschluss. Ich überlege mir alles sehr gründlich.« Dabei ist für ihn nicht nur die wirtschaftliche Effektivität, sondern auch die moralische Integrität unerlässlich, sowohl gegenüber seinen Arbeitern als auch gegenüber seinen Auftraggebern. Er arbeitet unter der Devise: »Sei jeden Tag moralisch«, weil er der Meinung ist, dass alle »die Vorteile der Industrie nur dann genießen können, wenn sie auch die moralische Verpflichtung auf sich nehmen, die ihnen aus diesem Genuss entsteht.«

Als der Krieg ausbricht, sieht Karl seine Lebenswerk in großer Gefahr, ist doch ein Krieg ist wider die Vernunft: »Für die Bewässerung von Wüstengebieten ist nie Geld vorhanden […] Und um Bahnverbindungen über alle Berge herzustellen oder Frachtschiffe zu bauen, dafür reicht das Geld auch nie. Nur für den Völkermord, da ist immer genug Geld vorhanden. Wieso nur?«

In einem Krieg kann Karl mit seiner moralischen Standhaftigkeit nicht gegen die gierigen, zerstörerischen Kräfte ankommen. Er kann die Ereignisse nicht mehr mit vernünftigem Handeln steuern:

»Dieses Gefühl ist entsetzlich, dass ich nichts beeinflussen kann, einerlei, wie sehr ich mich auch bemühe – ich dachte immer man könnte die Dinge steuern – aber sie entschlüpfen einem – geschehen einfach […] Ich ertrage diesen Krieg nicht.«

Für eine Jungfrau ist ein Krieg eine unzulässige Verschwendung von natürlichen Ressourcen und eine mutwillige Zerstörung der mit Mühe und Arbeit hergestellten Güter. Auch setzt diese »vorsätzlich heraufbeschworene Tragödie« Vernunft und Moral außer Kraft: »Der Krieg macht jeden hysterisch.« »Der Krieg kennt keine Moral.« Schnell ist »jedes festes Fundament der Vernunft versunken.«

Karl lässt sich aber nicht in den Strudel ziehen, er weigert sich »standhhaft« und »unbeugsam«, sich durch den Verkauf seiner Patente am Kriegsgewinn zu beteiligen.

CALENDARIUM ASTRUM ARTIFICIUM VIRGO

Die schönen Künste im Zeichen der Jungfrau

Anselm FeuerbachJacques Louis DavidJoseph Wright of DerbyCaspar David Friedrich

CHRISTOPH MARTIN WIELAND

Geschichte der Abderiten


In diesem satirischen Roman aus dem Jahr 1774, der in Form einer historischen Abhandlung verfasst wurde, schildert der Dichter das dumme, fröhliche Volk der Abderiten, das zur Zeit der athenischen Demokratie als »Beitrag zur Geschichte des menschlichen Verstandes« lebte.


Nachdem Wieland zunächst betont christliche Dichtung angestrebt hatte, bekräftigt der in einem schwäbischen Pfarrhaushalt aufgewachsene Dichter mit diesem Werk seinen Wandel von religiöser Schwärmerei zur konkreten Naturanschauung. Die Abderiten verhalten sich so, wie es eine Jungfrau mit ihrem Ordnungssinn und ihrem Nützlichkeitsdenken kaum ertragen kann, denn sie handeln »mit einer ganz anderen Logik als vernünftige Menschen«. Bei allen ihren Vorhaben lassen sie sich von wuchernder Einbildungskraft leiten:

»Ihre Einbildung gewann einen so großen Vorsprung über ihre Vernunft, dass es dieser niemals wieder möglich war, sie einzuholen.«

Eine sehr wahrscheinliche Geschichte: Die antike griechische Gemeinde Abdera mit ihren kleinlichen Bürgern steht stellvertretend für zeitgenössische deutsche Kleinstädte, die Wieland persiflierte

Dieses Volk lässt sich von Leidenschaften, Aberglauben und ungeprüften Urteilen leiten. Nicht einmal die Philosophen vertreten in Abdera die Vernunft, da sie sich vornehmlich mit Fragen beschäftigen, die »außerhalb der Grenzen des menschlichen Verstandes liegen«, so dass niemand die Aussagen überprüfen und sie »Lügen strafen kann«.

Demokrit ist zwar ein Sohn dieses Volkes, doch steht er auf der Seite der vernunftorientierten Jungfrau, weshalb er seine Mitmenschen sehr kritisch sieht. Er ist ein Mann von »dem durchdringenden Verstande und dem brennenden Durste nach Wahrheit«, dem einzig sachlich begründete, auf Beobachtung fußende Urteile etwas gelten. Er ist ein »Naturforscher«, ein »Beobachter der Natur, ein Zergliederer, ein Sternseher«. Er sucht nach natürlichen Erklärungen von Erscheinungen und gibt sich nicht, wie die Abderiten, mit vorschnellem Wunderglauben zufrieden: »Ich hatte so viel mit Betrachtung des Natürlichen zu tun, dass ich fürs Wunderbare keine Zeit übrigbehielt.«


Ganz im Sinne der gerne neutral bleibenden Jungfrau soll für Demokrit das Erforschen der Natur ohne metaphysisches Beiwerk geschehen. Es gilt, die Dinge im rechten Licht zu sehen:

»Zu viel Licht ist ebenso unbequem als zu wenig […] Ich setze zum Voraus, dass Sie überhaupt sehen können. Denn wenn dies nicht wäre, so begreifen Sie wohl, dass wir beim Lichte von zehntausend Sonnen nicht besser sehen würden als beim Schein eines Feuerwurms.«

Beim Beobachten und Erforschen geht es nicht um die eigene Meinung, weil Meinungsstreitigkeiten immer Unordnung stiften. Es geht vielmehr um die Gewinnung sachlicher Ergebnisse: »Nicht die Gegenstände, sondern unsere Meinungen von denselben sind die Ursache unordentlicher Leidenschaften.«

So hält sich Demokrit immer an die Gegenstände selbst. Er hat »ein Buch von Steinen und Metallen geschrieben« und von seinen Reisen »eine schöne Sammlung von Naturalien aus allen Reichen der Natur mitgebracht: ausgestopfte Tiere und Vögel, getrocknete Fische, seltene Schmetterlinge; Muscheln, Versteinerungen, Erze usw.« Doch eine Jungfrau will die Gegenstände nicht nur sammeln, sondern auch ihre Nützlichkeit für den Menschen erforschen. So zeigt es Demokrit am Beispiel eines äthiopischen Kriechtieres (der äthiopischen Raupe): »Es gibt eine Raupe im Land der Seren, welche Millionen Menschen kleidet und nährt: Wer weiß, ob es nicht auch am Niger nützliche Raupen gibt? Mit dieser Art zu denken hat Demokrit auf seinen Reisen einen Schatz von Wissenschaft gesammelt, der in seinen Augen alles Gold in den Schatzkammern der Könige von Indien und alle Perlen an den Hälsen und Armen ihrer Weiber wert war.«

Der bedeutendste Schriftsteller der Aufklärung im deutschen Sprachgebiet beherrschte die Kunst der Satire meisterlich: Christian Martin Wieland (1733–1813)

Demokrit möchte seiner Vaterstadt mit seinem Wissen dienen. Er rät den Abderiten, sich an beobachtbare Tatsachen zu halten, statt in unüberprüfbaren, aufgebauschten Gedankengebäuden zu verlieren: »Wenn es euch wirklich etwas darum zu tun sein sollte, die Beschaffenheit der Dinge, die euch umgeben, kennenzulernen […] dächte (ich), ehe wir Kosmogonien und Kosmologien träumten, setzten wir uns hin und beobachteten zum Beispiel den Ursprung einer Spinnwebe, und dies so lange, bis wir so viel davon herausgebracht hätten, als fünf Menschensinne, mit Verstand angestrengt, daran entdecken können. Ihr werdet zu tun finden, das könnt ihr mir aufs Wort glauben. Aber dafür werdet ihr auch erfahren, dass euch diese einzige Spinnwebe mehr Aufschluss über das große System der Natur und würdigere Begriffe von seinem Urheber geben wird als alle feinen Weltsysteme, die ihr zwischen Wachen und Schlaf aus eurem eignen Gehirn ausgesponnen habt.«


Demokrit besteht darauf, dass die sinnliche Wahrnehmung die verlässliche und sichere Grundlage für alle Urteile liefern können: »Fünf Sinne sind allerdings, zumal wenn man alle fünf zusammennimmt, vollgültige Richter in allen Dingen, wo es darauf ankommt, zu entscheiden, was weiß oder schwarz, glatt oder rau, weich oder hart, widerlich oder angenehm, bitter oder süß ist. Ein Mann, der nie weiter geht als ihn seine fünf Sinne führen, geht immer sicher.«

BABYLONISCHE STERNKUNDE

Das Hexagesimalsystem und der Zodiak

12 = 6 x 2 / 36 = 6 x 6

HEIMITO VON DODERER

Die erleuchteten Fenster


In »Die Menschwerdung des Amtsrates Julius Zihal« wird ein spießiger Beamter in Rente zum voyeuristischen Fenstergucker, was ihm beinahe hilft, seine lustfeindliche Neurose abzulegen.


Im Mittelpunkt dieses Romans – »einem wohllöblichen K.K.Zentral-Tax-und-Gebühren-Bemessungsamte ehrfurchtsvoll zugeeignet« – steht der soeben pensionierte Amtsrat Julius Zihal. Er hat sich so sehr mit seiner Arbeit identifiziert, dass er durch die Pensionierung aus dem »Concept« kommt: »Er empfand, und vielleicht zum ersten Male in seinem Leben, eine Art Zurückgeworfensein auf sich selbst, also leider auf einen Menschen, mit dem er nichts anzufangen wusste (denn im Grunde sind das doch lauter Gemeinheiten).«

In seiner neuen Wohnung beginnt Amtsrat Zihal über Vorgänge in Nachbars Fenster Buch zu führen

So entspricht seine Berufsauffassung ganz der Jungfrau, die alle Anforderungen mit Ernst und Akribie erledigt, und dadurch einen tauglichen Wall gegen mögliche emotionale Anforderungen errichtet, denn bisher hat sich Zihal durch nichts aus der Fassung bringen lassen, weder durch seine Heirat noch durch den Tod seiner Frau, sodass er »vom Begräbnis seiner Gattin ebenso unverändert heimging, wie seinerzeit […] von der Hochzeitsreise.«


Im Amte konnte Zihal das Leben in »Form von Erledigung eines Aktes« absolvieren, den »Dienstweg des Lebens« abschreiten: »Der ganze Mann (war) […] nur ein Stück jener unübersteiglichen Mauer der geltenden Vorschriften, welche hier einer urgierenden und petulierenden Partei den Damm entgegensetzten, um den Petenten dann zwecks Wahrnehmung allenfalls für ihn noch bestehender Rekursrechte auf Zimmer 289, III. Stock, zu verweisen (von wo aus jener allerdings sogleich nach Zimmer 12, Hochparterre – nach dem Nach-Rekurs-Eingabe-Zimmer für Terminverlustige – verwiesen wurde).« Zihal hat in seinem Amt so gewissenhaft gearbeitet, dass er »nicht, niemals, beanständet worden« war.


Eine Jungfrau orientiert sich auch im privaten Bereich gerne an kontrollierbaren Vorgängen. So überträgt auch Zihal seine amtliche Vorgehensweise ins Private. Dies zeigt sich schon an seinem Sprechen im »definitorisch-ehernen Ton«: »Er pflegte meist zu antworten, indem er definierte.« Ihm ist es wichtig, alles »Törichte beiseite (zu) schieben«, »unerbittlich gegen Unfug, dummes Zeug, das nicht hergehörte«. Sein Beruf liefert ihm die Kategorien für sein ganzes Leben, als er sagt, »dass ich für meinen Teil niemals Romane zu lesen pflege; ich war mein’ Lebtag immer ein sehr ernster Mensch, war ja auch Witwer […] Mein Beruf hat Nüchternheit erfordert.«


Seine Lieblingslektüre ist das Buch mit den Dienstvorschriften:

»Er las nur dieses eine Buch – aber er verstand es zu gebrauchen […] Für ihn war dieses Buch ein Gebrauchsgegenstand und kein bildungsmäßiges Mehr oder Plus, das dann zum Übrigen gelegt wird.«

In Momenten der Verunsicherung liest er Paragraphen, durch die er sich »in der genauesten Weise zusammengefasst und zusammengehalten« fühlt. Er nimmt »bei der Dienstpragmatik Anlehnung […] Und nicht eigentlich eine moralische Anlehnung. Sondern, den zuhöchst gekelterten Stoff aus dem ätherblauen Begriffshimmel wieder in sich einströmen lassend, respondierte aus ihm mit der Zeit dieselbe Sprache, schoss jener Stoff in ihm wieder zu durchsichtigem Kristalle: und um solches Gebild konnte des Amtsrats übrige und gesamte Person sich gewissermaßen neu anordnen.«

Heimito von Doderer (1896–1966)

Zihal fühlt sich nur wohl, wenn er sich »mit einer Stelle der Dienstpragmatik im Zusammenhange« weiß. Alles ist bei ihm so »taxämtlich tingiert«, dass die Welt dadurch vollständig »in ein Coordinaten-System gebannt« scheint – eine Weltsicht, die der Jungfrau Sicherheit und Kontrolle über alle Vorkommnisse verspricht.


Durch die Pensionierung ist der Amtsrat nun auf ganz neue, ungewohnte Weise verunsichert, da er »die alles bewältigende, die zurückweisende, gutheißende oder beanständende Wucht des Amtes hinter sich nicht mehr fühlte«, und sich nun der »traurigen Formlosigkeit« des Lebens ausgeliefert fühlt.


Doderer entfaltet in diesem Roman in ausgefeilter ironischer Übertreibung einen Menschen mit äußerst kontrollierter Lebensführung, etwas, was ihm selbst trotz streng entwickeltem Arbeitsplan nie vollständig gelungen ist. Schon der Gang in ein Eckbeisl konnte bei entsprechender Besetzung in einer wüsten Trinkerei enden, was er sich in steter Regelmäßigkeit anderntags zum Vorwurf machte, fühlte er sich doch dann wie der Amtsrat der »traurigen Formlosigkeit« des Lebens ausgeliefert.

ASTROLOGISCHER LESEZIRKEL

ARIES ― TAURUSGEMINICANCERLEO ― VIRGO ― LIBRA ― SCORPIUS ― SAGITTARIUS ― CAPRICORUS ― AQUARIUS ― PISCES


Weitere Werke von Jungfrau-Autoren, deren Protagonisten typische Eigenschaften ihres Zeichens aufweisen und aus Sicht der Astrologie Lesevergnügen bereiten, sind:


Black Coffee von Agatha Christie, (* 15.9.1890)

Stoner von John Williams (* 29.8.1922)

Mein Herz so weiß von Javier Marias (* 20.9.1951)

Der Morgen eines Gutsbesitzers von Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi (* 9.9.1828)

Der Schüler Gerber von Friedrich Torberg (* 16.9.1908)


Vorschau

Die nächste Episode des Astrologischen Antiquariats steht im Zeichen der Waage und geht am 21. September 2021 online. Wer zeitgerecht erinnert werden möchte, registriert sich für unsere Rubrik Einsichten oder abonniert uns auf Facebook. Besprochen werden die Romane Marianna Sirca von Grazia Deledda, Mars im Widder von Alexander Lernet-Holenia und Schau heimwärts, Engel! von Thomas Wolfe.

Über diese Studie Die Präposition, dass ein Geburtshoroskop eines Künstlers Auswirkungen auf sein Schaffen zeigen kann, und sich mitunter in seinen Werken widerspiegelt, ist der Ausgangspunkt dieser umfassenden Studie, für die 72 Romane von Jungfrauautoren sondiert, gelesen und astrologisch interpretiert wurden.


Über die Autorin

Karin Bat, Jahrgang 1953; geboren und aufgewachsen in Ostwestfalen; Studium der Literaturwissenschaft, Theologie Philosophie und Wissenschaftsjournalistik; berufliche Tätigkeit in der Erwachsenenbildung und im Verlagswesen; seit 1992 in Österreich beheimatet; eingehende Beschäftigung mit Jungianischer Psychologie und dem Tarot; Beratungen, Seminar- und Vortragstätigkeit.


Karin Bat

Astrologin, Theologin, Philosophin

Rosengasse 27/19

3130 Herzogenburg, Austria

GSM +43 (0) 664-863 01 22

E-Mail: k.bat@gmx.at

© 2021 Karin Bat | Epiphany | Institut für Kulturgeschichte, Leipzig

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