• Karin Bat

Die literarische Waage

Astrologische Spuren in Romanfiguren. Planetare Einflüsse der Venus-Energie in den Werken großer Dichter – die Waage, wie sie im Buche steht.


In der siebten von insgesamt zwölf Episoden des Astrologischen Antiquariats besprechen wir drei Erzählungen von Dichtern, die im Sternzeichen Waage geboren wurden, und deren Protagonisten deutliche Charaktereigenschaften erkennbar werden lassen, die dieser Konstellation zugesprochen werden. Unsere astrologische Betrachtung der Romanfiguren gibt tiefe Einblicke in das Wesen des Zeichens ihrer Erfinder, wie es kurze Textauszüge und Dialoge veranschaulichen. Die drei ausgewählten Literaturklassiker sind:

  • Schau heimwärts, Engel! von Thomas Wolfe, *3. Oktober 1900 (Waage) in Ashville, North Carolina, USA

  • Mars im Widder von Alexander Lernet-Holenia, *21. Oktober 1891 in Wien, AT

  • Marianna Sirca von Grazia Deledda, *27. September 1871 (Waage) in Nuoro, Sardinien, IT

Die Waage wird von der auf Schönheit und Liebe bedachten Venus regiert, die in diesem Zeichen dem Element Luft zugehörig ist. In der vorwiegend epischen Literatur von Waagegeborenen geht es deshalb zentral um Liebesbegegnungen, Liebesbeziehungen – in und außerhalb der Ehe – und auch um Liebesverwirrungen. Die Waage mag aufgrund ihres Harmoniebedürfnisses Probleme nicht. Sie geht in ihren Beziehungen daher oft strategisch-taktisch vor, aber dies lässt sich in den Unvorhersehbarkeiten des Paarlebens nicht immer durchhalten. Was die Waage aber doch durch alle Widrigkeiten hindurch aufrechterhält, ist der ästhetische Lebensgenuss, dem in der Waageliteratur nicht nur thematisch, sondern auch mit einer verfeinerten, ausdifferenzierten Sprache gehuldigt wird.

THOMAS WOLFE

Schau heimwärts, Engel! (1929)


In seinem generationenübergreifenden, stark autobiografischen Familienroman entflieht der empfindsame Protagonist den schwierigen Verhältnissen einer nordamerikanischen Familie und gewinnt so eine mittlere Distanz zu den Dingen.


Eugene Gants Vater arbeitet als Steinmetz, sieht sich aber weniger als Handwerker, denn als Künstler und projiziert seine gescheiterten Wünsche auf seinen Sohn. Eugene entspricht dieser Projektion, ist er doch »von Natur Aristokrat«. Er stellt sich ein Leben wie »eine göttliche Unbekümmertheit« vor, im »Zustand glücklicher Sorglosigkeit«, getragen von dem »Wunschbild eines einfachen, ruhigen, gemütlichen Glücks«, so wie es jedem Waagegeborenen vorschwebt. Das Leben seiner Mutter, die eine Pension betreibt, sieht jedoch ganz anders aus und ist von Streitigkeiten erfüllt, was in ihrem Sohn ein »soziales Minderwertigkeitsgefühl« erweckt, denn »schon damals glaubte er leidenschaftlich an gutes Essen, anständiges Wohnen, selbstverständliche Bequemlichkeit. Er spürte, dass ein zivilisierter Mensch bei diesen Dingen den Anfang machen müsse«.

Die ruheliebende Waage möchte immer die schönen Momente festhalten.

Die Welt der Wohlhabenden und ihr Luxus zieht Eugen an: »Stundenlang blickte er in die Eingangshallen der großen, eleganten Hotels, starrte auf die Beine der Damen auf den Veranden, beobachtete die Großen des Landes bei ihrer Erholung. Er bedachte […], dass er Gestalten aus Gesellschaftsromanen vor sich habe, die hier statt auf dem Papier in Fleisch und Blut ihr göttergleiches Leben führten.« Er malt sich eine solche Zukunft aus: »Er rollte die Zunge im Mund und sah sich schwelgerisch durch erstklassige Konditoreien und Feinkostgeschäfte wandeln […]Wenn seine Wäsche angeschmutzt wäre, dann würde er sich mit neuem, seidenen Unterzeug und den feinsten Hemden bedienen; jeden Tag würde er einen anderen Hut aufsetzen und einen neuen Anzug anziehen, sooft es ihm passte […] Schließlich würde er sich die luxuriöseste Wohnstatt zum Daueraufenthalt wählen und dort die reichsten Schätze aus allen Bibliotheken der Stadt zusammentragen.« Gekrönt wird ein solches Leben von den Frauen: »Er selber war erkoren und wurde geliebt von einem Schwarm weltberühmter Schönheiten.« Denn Eugene ist ganz klar, dass er sich immer bereithalten will für die Liebe: »O Mutter der Liebe, du Wiege des Wesens und Werdens, wie auch immer deine Billionen Namen lauten, ich komme, dein Sohn, dein Liebhaber!«

Als Eugene an die Universität kommt, ist er froh, der erdrückenden Atmosphäre seines Elternhauses entronnen zu sein: »Seine ganze Überzeugung bestand darin, dass es überall angenehme Orte und verzauberte Plätze gäbe, wenn er nur fortgehen und sie finden könne […] Er war ein Romantiker, doch es war nicht seine Art, vom Leben weg, sondern in das Leben hinein zu flüchten. Er sehnte sich nicht nach Trugwelten, sondern seine Phantasien erstreckten sich in die Wirklichkeit.«

Er möchte sich nicht in Träumen ergehen, sie in der realen Welt erleben, denn der Waage geht es um das konkrete Erlebnis. In der schön gelegenen Universität findet Eugene einen passenden Ort:

»In dieser herrlichen Umgebung konnte ein junger Mensch gemütlich und vergnügt vier üppige und träge Jahre zubringen.«

Thomas Wolfe (1900-1938)

Wie jede Waage, liebt Eugene die Ruhe und mag sich nicht mit schnöden Alltäglichkeiten beschäftigen:

»Die praktischen Dinge des Lebens gingen ihn nichts an« und »er hasste es, zu handeln.« Vor allem hasst er »die unerbittlichen Fluten der Notwendigkeit«: »Schon der Gedanke, dass er sich um seine Sachen kümmern solle und sie zur Reparatur bringen müsse, war ihm einfach unerträglich.« Wenn er nicht »schlafsüchtig auf seinem Altane« liegt, lässt er sich vom Studentenleben anregen. Doch schätzt er die politisierten Diskussionen nicht, hat er doch »für Parteigängerei kein Talent«: »Ein Rebell […] war Eugene nicht. Er hatte kein […] Bedürfnis nach Revolution«. Er will lediglich gut leben: »Er war vollauf zufrieden mit jedem System, das ihm Behaglichkeit und Sicherheit verbürgte, ihm Geld genug zu einem Leben, wie er es begehrte, gab und seine Freiheit zu denken, essen, trinken, lieben, lesen und schreiben, was ihm passte, unangetastet ließ.« Denn Eugene ist davon überzeugt, dass »die zutiefst konventionellen Lebensumstände dem Daseinsgenuss am förderlichsten sind.« Damit ist das Sicherheitsbedürfnis der Waage und ihr Hang, die bestehenden Verhältnisse zu akzeptieren und bestmöglich für sich zu nutzen, klar umrissen.

Doch die meistens vom Lande stammenden Studenten haben nicht die Verfeinerung und Kultiviertheit, nach der Eugene sich sehnt. Nur die Liebe bringt ihm Tage von märchenhafter Erlesenheit, so bei einem Ausflug mit der überaus eleganten Laura:

»Sie lagen umschlungen auf dem paradiesischen Zauberteppich […] Die ganze zaubrische Welt – Blumen und Feld und Himmel und Berg und all die lieblichen Waldrufe, Klang, Anblick, Duft – das wuchs in ihn hinein, wurde eine einzige Stimme in seinem Herzen, eine Sprache in seinem Hirn, harmonisch, strahlend und ganz – ein einziger, leidenschaftlicher, lyrischer Laut […] Sie umschlangen einander im Wunder dieses strahlenden Augenblicks, hier auf dieser verzauberten Insel, wo die Welt so still war […] Dies würde ewig dauern.«

Nach seinem erfolgreichen Universitätsabschluss ist es für Eugene »undenkbar als Kaufmann oder Jurist« weiterzumachen. Gerade jetzt, wo er sich frei fühlt: »Die Welt lag vor ihm, er brauchte sie nur zu fassen, mit ihren herrlichen Städten, goldenen Weinlesen, […] schönen Frauen, voll von tausend ungekannten, großartigen Möglichkeiten. Nichts war trüb oder beschlagen. Die fremden zauberhaften Küsten waren unbesucht. Und er war jung und unsterblich.« Er entschließt sich – so wie auch der Autor Thomas Wolfe – nach Harvard zu gehen:

»Für ihn war das nicht der Name einer bloßen Universität, sondern stand für ausschweifenden Zauber, Geld, Eleganz, Glück […] wundervolle Bücher und goldene Stunden des Herumschmökerns; es war ein magischer Name wie Kairo oder Damaskus.«


CALENDARIUM ASTRUM ARTIFICIUM LIBRA

Die schönen Künste im Zeichen der Waage

Max SlevogtJames TissotMark RothkoArnold BöcklinNicholas Roerich

ALEXANDER LERNET-HOLENIA

Mars im Widder (1947)


Kurz vor dem Einmarsch der deutschösterreichischen Truppen in Polen im II. Weltkrieg wird der Offizier Graf Wallmoden, der seit dem I. Weltkrieg keine Waffe mehr in der Hand gehalten hat, zu einer einmonatigen Wehrübung beordert. Unversehens befindet er sich wieder im militärischen Umfeld. Das hindert ihn aber nicht, sich vor allem im Kasino aufzuhalten und Bekanntschaft mit Frauen zu suchen, denn eine Waage möchte in jeder Situation so weit möglich die angenehmen Seiten erfahren.

Bei der Ehefrau eines Offizierskollegen lernt er die schöne Dame Cuba kennen. Man munkelt von ihren schillernden Lebensumständen, was Wallmoden nicht abhält, ihre nähere Bekanntschaft zu suchen. Angesichts ihrer Schönheit interessiert Wallmoden erst gar nicht ihr Ruf:

»Frauen, die nicht zumindest zeitweise, wagen, in schlechten Ruf zu geraten, sind eigentlich überhaupt keine Frauen. Es gibt solche, die wirklich zu lieben imstande sind, und andre, die niemals lieben können, das ist der ganze Unterschied – oder das sollte zum mindesten der ganze Unterschied sein […] Hätte man, selbst bei der anständigsten Frau, nicht die Illusion, sie sei zu allem – oder zumindest zu vielem – fähig, es gäbe nichts Trostloseres als eine anständige Frau. Sie muss ihre Möglichkeiten ja nicht unbedingt in die Tat umsetzen, aber haben muss sie sie.«

Alexander Lernet-Holenia (1897-1976)

Gerade in der Beziehung zwischen Mann und Frau kann es nicht um Moral gehen, im Gegenteil: »Sünden unterlassen zu haben ist wahrscheinlich die einzig wirkliche Sünde.«

Als Wallmoden Cuba zum ersten Mal in ihrer Wohnung aufsucht, ist die Atmosphäre sofort sinnlich aufgeladen: Sie »bot ihm Zigaretten an. Dabei stand sie nahe vor ihm, und er spürte ihren Duft. Wenngleich hochgewachsen, war sie ein wenig kleiner als er, sie reichte ihm bis an die Augen. Ihr Antlitz, insbesondere die Linie ihrer Wangen, war noch von unglaublicher Jugendlichkeit. Eine Spange, die mit Diamanten besetzt war, glänzte in ihrem Haar. Im Stehen bewegte sich ihre Gestalt, fast unmerklich, auf den hohen Absätzen ihrer Schuhe, es war, als reiche sie ihm, ein wenig vorgeneigt und mit niedergeschlagenen Blicken, die Rosenknospen ihres Busens hin.« Wallmoden kann nicht umhin, sie zu küssen: »Sie erwiderte seine Küsse […] Durch die Seide, die sie trug, ihren Busen zu fühlen, verwehrte sie Wallmoden nicht, es war wirklich nur eine Kavaliershand voll, einer von jenen Busen hübscher Frauen, wie sie seit eh und je die beringten Hände der Kavaliere ausgefüllt haben.«

Der Waagemann will sich einer Frau nicht aufdrängen, sondern im Spiel der Begegnung auf ihre Antwort eingehen. Hier entzieht sich Cuba noch dem Werben, aber eine weitere Verabredung ist getroffen.

Doch als Wallmoden zu seiner Schwadron zurückkehrt, ist der Krieg erklärt und der Marschbefehl ergangen. Wallmoden kann es nicht glauben: »Ins Feld […] Aber in welches Feld? […] Gab es denn überhaupt eines?« Bei dem Marsch gen Osten ist seine einzige Sorge, dass er nun die verheißungsvolle Verabredung mit Cuba nicht einhalten kann. Für Waagegeborene ist ein Liebesversprechen immer wichtiger als etwaige Pflichten. So hat Wallmoden das Gefühl, sich nicht auf Polen zuzubewegen, sondern auf Cuba:

»Er kam von der Frau, die er liebte. Er war ganz sicher gewesen, dass er diese Straße nur zu ihr zurückfahren werde […] Aus irgendeinem Grunde glaubte er nicht daran, dass der Weg anderswohin führen könne als zu ihr. Zugleich sagte er sich natürlich, dass es vollkommen lächerlich sei, noch immer nicht an die Wirklichkeit zu glauben […] Die Regimenter – nicht nur sein eigenes, sondern auch andre – marschierten. Doch so oder so: es konnte immer nur zu ihr sein, dass dieser Weg führte.«

Der Buchtitel »Mars im Widder« bezieht sich auf einen Offizier im Krieg, in dem sich der Mars entfesselt. Die Waage mag eigentlich keine Romane über Kriegshandlungen, denn es kommen darin meist nur Männer vor, weshalb in diesem Fall eine Liebesgeschichte im Vordergrund steht

Wallmoden kann sich nicht auf die Tatsache des Krieges einstellen, ist doch eine Waage zutiefst überzeugt davon, dass sich alle politischen Probleme auf diplomatischem Wege/Verhandlungswege lösen lassen. Obwohl die Truppen bald die polnische Grenze überschreiten und entscheidende Kriegshandlungen bevorstehen, »merkte man eigentlich nichts davon«: »Was denn in Vorbereitung sein solle? fragte Wallmoden […] Und aus welchem Grund etwas im Begriff sein solle, sich vorzubereiten?« Selbst als ein Angriff befohlen wird, bekommt Wallmoden nicht das Gefühl, im Krieg zu sein: »Er wartete jeden Augenblick, die Vorschwärmenden in die Garben von Maschinengewehrfeuer geraten zu sehen. Aber es geschah nichts dergleichen.« Die Polen sind längst vor der anrückenden Armee geflohen: »Es war dann alles ganz still.«

Als es später doch zu Kampfhandlungen kommt, entsteht ein Durcheinander, bei dem Wallmoden seine Truppe verliert. Er findet ein zerstörtes Haus, in dem eine Frau wie er (ebenfalls) Unterschlupf gefunden hat. Diese Frau ist Cuba. So wird Wallmoden mitten im Krieg nicht von Gewehrkugeln, sondern von der Schönheit getroffen: »Als schösse jede einzelne Stelle ihres Körpers schimmernde Pfeile ab, die ihn entweder in geradem Fluge trafen oder von dem Spiegel, wie wenn Strahlen brechen, auf ihn zurückgeschleudert wurden, traf ihn jeder Strahl, der von ihrer Oberfläche ausging, wie ein Pfeil, an dessen Befiederung, als hätten goldfarbene Fäden ihres Haars sich darin verfangen, Schönheit zu ihm hinübergetragen ward.«

Wallmoden ist zutiefst bewegt, dass seine Vorahnung einer Liebesbegegnung auf so unerwartete Weise Wirklichkeit wird. Und er bewahrt, wie es die Waage immer versucht, auch in der völlig veränderten Situation, die Form:

»Nun griff er nach ihrer Hand und küsste sie […] Als er sie ansah, hatte sie ihren Kopf ein wenig zurücksinken lassen, als erwarte sie, dass er sie auch auf den Mund küssen werde, und mit ihren Augen, die sie halb geschlossen hatte, sah sie ihn an wie mit Monden […] Er neigte sich über sie und küsste sie. Sie legte die Arme um seinen Hals, er sah, wie sie sich, schimmernd, hoben und um ihn legten. Danach sanken sie zusammen nieder.«

So siegt die Liebe nach all den Wirren doch noch über den Krieg.

BABYLONISCHE STERNKUNDE

Das Hexagesimalsystem und der Zodiak

12 = 6 x 2 / 36 = 6 x 6

GRACIA DELEDDA

Marianna Sirca


Fast alle Geschichten von Deledda handeln vom Leben, von der Liebe, von Tragödien und Triumphen in der Heimat der Autorin – der abgelegenen, isolierten und oft abweisenden Insel Sardinien.


Als Vater hat der Hirte Berte Sirca seiner einzigen Tochter Marianna immer nur gutes tun wollen, denn »sein Herz schlug wie das einer Frau«. Da er ihr nur ein armseliges Leben in den Bergen bieten kann, gibt er sie zu seinem Bruder, einem »wohlhabenden Priester«, in die Stadt. In dessen Haus »mit seiner Wärme, seiner Dunkelheit, seiner Ruhe, mit allen seinen Schönheiten und Bequemlichkeiten« findet der alte Sirca seine Tochter besser aufgehoben, zumal sie auch als Erbin ihres Onkels eingesetzt wird.

Hier zeigt sich der Zugang der Waage zu kulturell gebildeten und demnach gehobeneren Schichten. Der Vater möchte jedenfalls nicht, dass Marianna einen Bauern heiratet:

»Es gab schon genug reiche, ledige Jungbauern von gutem Aussehen, aber für Marianna schienen sie ihm doch nicht das Richtige. Er hätte einen wohlhabenden Bürger, vielleicht sogar einen Advokaten vorgezogen, auch wenn er nicht so reich war […].« Ein Advokat und »seine Familie hatten zu leben, ohne sich große Sorgen machen zu müssen.«

Deleddas Protagonistin Marianna Sirca stellt eine der großen literarischen Vorläuferinnen der befreiten, unabhängigen, modernen Frau dar, was eine ironische Wendung bringt, angesichts der repressiven Kultur, in der sie lebt

Doch Marianna wird in dem Haus ihres Onkels wie eine Magd gehalten und muss ihn letztendlich jahrelang pflegen. Erst nach seinem Tod kann sie aufatmen und das Erbe genießen. Dazu gehört nicht nur das Haus in der Stadt, sondern auch eine kleine Berghütte, die mit allem Komfort ausgestattet ist:

»Ja, es war ein richtiges Haus, fast wie ein Stadthaus, nicht nur eine kleine Hütte armer Hirten, die das ganze Jahr über mit den Menschen und Elementen im Krieg liegen, es war ein Haus, wo alles Friede, Sicherheit und Wohlhabenheit atmete.« Genauso eine Umgebung mag die Waage.

Obwohl Marianna das Bergleben kennt, fühlt sie sich einsam: »Heute war sie dreißig Jahre alt. Aber von Liebe wusste sie nichts

Dabei ist Marianna eine schöne Frau, deren Ausstrahlung durch die Natur noch gesteigert wird: »Ihre schmale, vordem gebeugte Gestalt straffte sich, das unter den dicken schwarzen Zöpfen weiß wie Alabaster leuchtende Gesicht hatte sich schon getönt wie matter Bernstein, und in den großen, ruhigen, kastanienbrauen Rehaugen spiegelte sich hell der grüne Schein der Wälder.«

Auch wenn sie ausgeht, versteht sie es, »lieblich und geputzt« zu erscheinen, denn eine Waage möchte immer gepflegt und angenehm wirken und keinesfalls wie eine schwerfällige Landfrau. Sie zieht sich dann »ihre schönsten Kleider an, das scharlachrote Jäckchen, durch dessen Fältelung das Leibchen schimmerte, wie die rote Frucht aus dem Innern eines Granatapfels. Die Knöpfe aus Silberfiligran hingen schwer vom Unterärmel herab, jeder mit einer Perle an der Spitze, die so blau war, als spiegelte sich in ihnen der Märzhimmel wider.«

Marianna wird bewusst, dass sie eine liebesbereite junge Frau ist: »Ja, das war ein anderes Mädchen, das nun dieses Zimmer bewohnte, ein von Leben erfülltes, schönes Geschöpf.« Sie schaut sich wie jede schöne Waage gerne im Spiegel an: »Warum sollte sie sich nicht betrachten? Sie drehte sich entschlossen dem Spiegel zu und prüfte sich mit keuschem Ernst, wie man eine Statue ansieht. An ihren schlanken Beinen schimmerten wie zwei polierte Mamorkugeln die kleinen Knie, so blass und glatt, dass sie das Verlangen ankam, sie in die Hände zu nehmen. Dann beugte sie sich nieder, um sich die Schuhe anzuziehen. Tiefschwarz fielen ihr die Locken der gelösten Haare über die Schultern und über die weiße, hie und da bläulich geäderte Brust. Mit einer Handbewegung warf sie ihr Haar zurück, um dann wie spielerisch einen Fuß, dessen Ferse rosig schimmerte, in die Hand zu nehmen und zu streicheln.«

Marianna lässt sich auf eine Beziehung zu dem jungen Mann Simone ein, der früher im Haus des Priesters beschäftigt war, aber nun ein von der Polizei gesuchter Bandit ist. Das hindert ihn aber nicht, sich – wie es sich für eine Waage gehört – der Angebeteten angemessen zu nähern. Er schenkt ihr einen »Blick, durchdringend wie die zärtliche Berührung einer liebeerfüllten Hand«. Darauf kann Marianne eingehen, obwohl sie mit dieser Verbindung alle Konventionen sprengt:

»Endlich war es der Blick eines Mannes, der in ihr nichts weiter sah als die Frau, ohne jeden Gedanken an ihr Geld.«

Grazia Deledda (1871-1936), die berühmte italienische Autorin aus Sardinien, erhielt 1926 den Nobelpreis für Literatur

Er kniet vor ihr nieder und legt seinen Kopf in ihren Schoß:

»Sein kurzes krauses Haar, auf dem jetzt das Silber des Mondes lag, duftete nach Gräsern, nach Erde und seiner eigenen Haut, ein süßer, wilder Geruch, der Marianna betäubte […] Ihr Herz öffnete sich weit. Wie ein Pfand seiner selbst hatte er ihr den Kopf in den Schoß gelegt, und ein Gefühl überströmender Zärtlichkeit zu ihm […] überkam sie […] Sie löste ihre Hand aus der seinen und streichelte ihm die Stirn. Ohne dass sie es bemerkte, lösten sich Tränen aus ihren Augen und fielen auf sein Haar, wo sie liegenblieben wie funkelnde Tauperlen.«

Simone beteuert, dass er für vieles fälschlicherweise beschuldigt wird und dass er nie gewalttätig war: »Marianna, ich mag kein Blut sehen.« Auch ihr gegenüber ist er gewaltlos: »Ich lege dir den Kopf in den Schoß, du kannst tun damit, was du willst.« So wie Mars vor Venus seine Rüstung ablegt, muss jeder Mann vor einer Waagefrau seine Waffen strecken, wenn er sie gewinnen will. Eines Tages aber wird Simone von einem eifersüchtigen Mann, der es auf Marianna abgesehen hatte, erschossen. Dem sterbenden Geliebten zeigt sie ihre Liebe:

»Du hast mir so viel gegeben, du hast mich endlich fühlen lassen, was Liebe ist, nicht die Liebe, die du zu mir hattest, sondern meine Liebe, meine eigene Liebe zu dir!«

Auch wenn die Waage nicht für längere Zeit allein sein möchte, bleibt Marianna jahrelang in Trauer, bis sie endlich dem Werben eines Gutsbesitzers nachgibt und seinen Heiratsantrag annimmt:

»Es war wie ein Erwachen aus ihrem inneren Erstorbensein. Dann antwortete sie mit Ja, denn seine Augen ähnelten den Augen Simones.«

ASTROLOGISCHER LESEZIRKEL

ARIES ― TAURUSGEMINICANCERLEOVIRGO ― LIBRA ― SCORPIUS ― SAGITTARIUS ― CAPRICORUS ― AQUARIUS ― PISCES


Weitere Werke von Autoren, deren Protagonisten typische Eigenschaften ihres Zeichens Waage aufweisen und aus Sicht der Astrologie Lesevergnügen bereiten, sind:


Mitjas Liebe von Ivan Bunin

Frühstück bei Tiffany von Truman Capote

Die Ehen zwischen den Zonen Drei, Vier und Fünf von Doris Lessing

Das Gartenfest und andere Geschichten von Katherine Mansfield

Das Bildnis des Dorian Gray von Oscar Wilde


Vorschau

Die nächste Episode des Astrologischen Antiquariats steht im Zeichen des Skorpions und geht am 21. September 2021 online. Wer zeitgerecht erinnert werden möchte, registriert sich für unsere Rubrik Einsichten oder abonniert uns auf Facebook. Besprochen werden die Romane Der Geisterseher. Bilder aus Nordland von Jonas Lie, Die künftige Eva von Auguste de Villiers de L’Isle-Adam und Die Verwirrungen des Zöglings Törleß von Robert Musil.

Über diese Studie Die Präposition, dass ein Geburtshoroskop eines Künstlers Auswirkungen auf sein Schaffen zeigen kann, und sich mitunter in seinen Werken widerspiegelt, ist der Ausgangspunkt dieser umfassenden Studie, für die 72 Romane von Waageautoren sondiert, gelesen und astrologisch interpretiert wurden.


Über die Autorin

Karin Bat, Jahrgang 1953; geboren und aufgewachsen in Ostwestfalen; Studium der Literaturwissenschaft, Theologie Philosophie und Wissenschaftsjournalistik; berufliche Tätigkeit in der Erwachsenenbildung und im Verlagswesen; seit 1992 in Österreich beheimatet; eingehende Beschäftigung mit Jungianischer Psychologie und dem Tarot; Beratungen, Seminar- und Vortragstätigkeit.


Karin Bat

Astrologin, Theologin, Philosophin

Rosengasse 27/19

3130 Herzogenburg, Austria

GSM +43 (0) 664-863 01 22

E-Mail: k.bat@gmx.at

© 2021 Karin Bat | Epiphany | Institut für Kulturgeschichte, Leipzig

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