• Karin Bat

Die literarischen Fische

Astrologische Spuren in Romanfiguren. Planetare Wirkmächte der Neptun-Energie in den Werken großer Dichter – die Fische, wie sie im Buche stehen.

 

In der zwölften und letzten Episode unseres Astrologischen Lesezirkels besprechen wir drei Erzählungen von Dichtern, die im Sternzeichen Fische geboren wurden, und deren Protagonisten deutliche Charaktereigenschaften erkennbar werden lassen, die dieser Tierkreiszeichen zugesprochen werden. Eine astrologische Betrachtung der Romanfiguren gibt tiefe Einblicke in das Wesen des Zeichens ihrer Erfinder, wie es kurze Textauszüge und Dialoge veranschaulichen. Die drei ausgewählten Literaturklassiker sind:

  • Der Fürst von Eugen Barbu, *20.2.1924 in Bukarest/RO

  • Die wilde Geschichte vom Wassertrinker von John Irving, *2.3.1942 in Exeter, New Hampshire/US

  • Die große Verwirrung von Marie Cardinal, *9.3.1929 in Algier/ALG

Dem im Sternzeichen Fische Geborenen fällt es schwer, sich in der äußeren Welt beheimatet zu fühlen. Oft geht sein Wünschen und Verlangen über die ihm gegebene Situation hinaus. Findet er menschliche Liebe und einen Glauben an höhere Kräfte, kann seine Seele zur Ruhe kommen. Dann wird er getragen von Zuversicht und Vertrauen, die alle Geschöpfe mit einbeziehen. Wenn er diese innere Beheimatung nicht finden kann, bleibt er ein Suchender. Leicht gerät er dann in eine Resignation, die ihn antriebs- und haltlos werden lässt. In den Romanen von Autoren, die im Sternzeichen Fische geboren wurden, reichen dementsprechend die Themen von allumfassender verzeihender Liebe über Traumverlorenheit bis hin zu vollständigem Verlust von Halt, Ordnung und Lebensgrund.

 

WIDDERSTIERZWILLINGEKREBSLÖWEJUNGFRAUWAAGE SKORPION SCHÜTZE STEINBOCKWASSERMANN ― FISCHE

 

EUGEN BARBU

Der Fürst

Der Protagonist in Barbus Roman ist ein träumerischer, den Bequemlichkeiten des Wohllebens hingegebener Regent. Damit ist der passive, hinnehmende Charakter der Fischegeborenen umschrieben.


Der Fürst ergeht sich in schwelgerischen Gedanken über die Wohltaten, die er seinem Volk angedeihen lassen will und hört darüber gerne Schmeicheleien. In Wirklichkeit aber beutet er sein Volk gnadenlos aus, um sowohl seine eigene Ansprüche zu befriedigen als auch die unersättlichen Forderungen des türkischen Sultans, von dessen Gunst seine Macht abhängt. Ein Fisch macht sich gerne Illusionen über die tatsächlichen Verhältnisse und ist empfänglich für Aussagen, die ihn in seinen Vorstellungen bestätigen.


In Rumänien, dem Heimatland des Autors, wurde »Der Fürst« (1969) als ironische Anspielung auf die Herrschaft kommunistischer Generalsekretäre verstanden

Obwohl seine Machtposition keineswegs gesichert ist, ist der Fürst doch nicht bereit, für eine Festigung seiner Herrschaft zu kämpfen. Der Fisch ist tief überzeugt von der Schicksalhaftigkeit aller Ereignisse, weswegen er sich nur schwer dazu durchringen kann, für sich und seinen Erhalt zu kämpfen. Der Fürst ist im tiefsten Herzen davon überzeugt, dass keine Macht Bestand haben kann. Schon früh hat er das Märchen gehört »von der Vergänglichkeit der Macht, die schnell mit dem unermesslichen Wasser des Lebens hinweg fließt.« So ist in »seinem Fürstentum die Macht nur eine Idee, ein mehr oder weniger kurzer Traum.« Bei allen seinen Vorhaben ist dem Fürsten bewusst, »wie vergänglich die Macht ist.«


Da sein Sohn zu einem hässlichen, schwächlichen Menschen heranwächst, der in der Öffentlichkeit wie ein Narr auftritt, findet er auch keine Stütze, um seine Position zu festigen und stürzt in »unendliche Verzweiflung«: »Das Leben hat mir Macht und Reichtum gegeben, doch wozu sind sie nütze, wenn keiner mich will und niemand Leid über mein Leid trägt.« Der Fisch denkt in unhaltbaren Situationen nicht daran, dass er etwas dagegen tun könnte, sondern akzeptiert sein Leid als unabwendbares Schicksal.


Das Leben hält nicht, was es einmal zu versprechen schien. Es erscheint dem Fürsten »eintönig, ohne unerwartete Freuden, wie er sie sich von Jugend auf gewünscht hatte«. Die Wirklichkeit wird seinem Bild vom Leben in keiner Weise gerecht: »In seinem Innern strebte der Fürst nach etwas Vollkommenem, Unverrückbarem, Vollendetem, doch den Weg zu dieser Vollendung fand er nicht. Weder die Gesetze noch die Dinge noch die Menschen taten ihm Genüge.« Dies ist die immer im Fisch vorhandene Sehnsucht nach einem gänzlich anderen Leben, das einer überirdischen Harmonie entspräche, aber in der irdischen Polarität niemals als Dauerzustand gelebt werden kann.

Angesichts des Ungenügens an der Situation, wie positiv sie von außen auch immer gesehen werden mag, neigt der Fisch dazu, sich mit himmlischen Kräften zu verbinden und damit der Wirklichkeit zu entfliehen. So sucht der Fürst in Kirchen und Klöstern die Verzauberung, die ihm auch der größte Prunk bei Hofe nicht zu geben vermag. Dort »vergaß [er] alle weltlichen Dinge«: »Ein schöner Ort und voller Träume.« Wenn aber die Geistlichen die Gelegenheit nutzen, um irgendwelche Beschwerden vorzubringen, empfindet er dies als Belästigung. So fragt er bei einem Essen mit dem Prior: »›Hat deine Heiligkeit irgendwelche Sorgen?‹ ›Da wäre viel zu sagen, doch ich will das Mahl nicht stören …‹ ›Gut‹, willigte der Fürst ein, dem es zuwider war, sich Beschwerden anzuhören. Dies überließ er lieber seinen Vertrauensleuten. Er war erleichtert, zumal ihm die Gans in Aspik sehr zusagte.«

Wenn der Fürst dann doch einmal eingreift, stehen seine Strafen in keinem Verhältnis zu den Taten. Es gelingt ihm nicht, so exemplarisch zu handeln, dass seinem Volk daraus Leitlinien sichtbar würden: »… der Fürst, was tat er? Er schreckte ein paar unnütze Knechte, und schon hielt er sich für mächtig.« Dabei fragt er sich immer: »Wofür das alles?«, so dass schließlich unter seiner Regierung keine Ordnung, sondern »große Wirrnis« entsteht. Da der Fischegeborene keine aktive Strategie verfolgt, gerät er leicht in unübersichtliche Situationen.


Eugen Barbu, geboren am 20. Februar 1924 im Sternzeichen Fische

Durch die Nutzlosigkeit seiner Regierungsweise verfällt der Fürst immer mehr der »Melancholie« und dem »Lebensüberdruss«: »Die Macht […] hat mich zermürbt […] ich weiß nichts mit ihr anzufangen.« »Mich zerreißen die Hunde der Melancholie.«

In diesem Zustand hofft ein Fisch gerne auf ein Wunder. Der Fürst verfällt einem Magier namens Ottaviano, von dem er sich Hilfe in seinen Staatsgeschäften erwartet. Aber viel lieber unterhält er sich mit ihm über nicht irdische Fragen: »›Sprich mir von ewigen Dingen‹. Und sie sprachen »über die Ereignisse der Apokalypse und über die Ären der Welt in der Auffassung Esekiels, bis es dunkel wurde, und das nur, damit der Fürst die schmutzigen Abrechnungen vergäße, die ihm den Tag vergällt hatten.«

Mit diesem falschen Berater gerät sein Reich in immer tiefere Not und der Fürst ans Ende seiner Möglichkeiten:

»Wie soll ich auf der Seite des Siegers stehen – ich müsste selbst der Sieger sein, doch womit sollte ich noch siegen? Der Padishah hat mir Bescheid geben lassen, dass er den Jahrestribut erhöht hat, ich aber habe kein Geld mehr, das Land liegt am Boden, die Kassen des Schatzamtes sind leer.«

Das Scheitern erscheint dem Fisch nicht als persönliches Versagen, sondern als schicksalsbedingtes Ergebnis.

Der Fürst kümmert sich nun um nichts mehr: »Er schien willenlos, unternahm lange Spaziergänge durch die Gärten, die von der Dürre des Frühjahrs verödet waren […]. Tiefe Melancholie hatte sich seiner bemächtigt. Die ersten Anzeichen des Wahnsinns zeigten sich im Herbst, als die Regenzeit einsetzte und sich der Monarch in seinen Palast einschloss.« Der Fürst betrachtet die Welt nunmehr nur noch »wie ein Fremder […] Er wandelte wie im Traum.«

Schließlich bemalt er die Wände seines Palastes und spricht für die anderen unverständliche Beschwörungsformeln. Den Intriganten ist er nun nur noch im Wege. Der Fürst wird umgebracht, um einem neuen Herrscher Platz zu machen, der wiederum an der Aufgabe des Regierens scheitern wird.

 

CALENDARIUM ASTRUM ARTIFICIUM PISCES

Die schönen Künste im Zeichen der Fische

Auguste RenoirOskar KokoschkaFerdinand HodlerAnselm KieferPiet Mondrian

 

JOHN IRVING

Die wilde Geschichte vom Wassertrinker


In diesem Roman erzählt Irving die Geschichte des »ziellos« vor sich hinlebenden Studenten Fred Trumper, der bei Krankheit sehr viel Wasser trinkt, weil er es für ein Heilmittel hält. Für einen Fischegeborenen ist Wasser sein ureigenes Element.


Fred wird wegen seines Hangs zum Lügen von seinen Freunden auch »Bogus« genannt der »Schwindler«. Ein Fisch lügt nicht strategisch, sondern weil sich bei ihm die eigenen Vorstellungen und Fantasien bunt mit den wirklichen Ereignissen vermischen. »Tatsachen kommen mir nur langsam«, sagt Fred von sich: »Ich glaube ganz im Ernst, die Tatsache, dass ich den Tatsachen aus dem Wege gehe, hat genauso viel damit zu tun, dass ich ihrer Wichtigkeit misstraue, wie damit, dass ich oft lüge. Ich glaube nicht, dass Statistiken in meinem Leben jemals von Bedeutung waren.« Ihn bewegt vielmehr die Frage: »Wie hängt alles mit allem zusammen?« Der Fisch erlebt sich nicht von allen anderen getrennt, sondern fühlt sich mit ihnen verbunden. Er kann sich nicht abgrenzen und hat daher Schwierigkeiten, seine eigenen Bedürfnisse zu erkennen.

Mit dieser Grundhaltung fällt es Fred schwer, sich im wirklichen Leben zu orientieren. So hat er »zwei linke Hände« und ist nicht einmal in der Lage, einen Hilfsjob erfolgreich auszuüben. Sein Freund Couth zum Beispiel hütet ein selten bewohntes Haus reicher Leute, einen Job, den sich Fred nicht zutraut:

»Als Hausmeister wäre ich denkbar ungeeignet. Ich könnte in so einem komplizierten Haus wahrscheinlich nicht einmal eine Sicherung auswechseln.«

Der Umgang mit Technik bleibt ihm fremd. »Trumper hasste Maschinen« richtiggehend und »mit Flugzeugen konnte man Trumper jagen«.

Fred kann nicht einmal in einfachen Lebenssituationen Handlungen setzen, und sagt »ich habe solche Schwierigkeiten, mich zu entscheiden«. Der Fisch ist passiv und voller Erwartung, dass etwas geschieht, dass er ins Leben hineingezogen wird, doch ohne das Eingreifen anderer bleibt er einfach voller Sehnsüchte.

In seiner Entscheidungsschwäche beginnt Fred verschiedene Studiengänge, bricht sie aber wieder ab. Bei einem längeren Aufenthalt in Wien lernt er Deutsch und kommt so zu seinem wunderlichen Dissertationsthema – eine Übersetzung der altniedernordischen Sage »Akthelt und Gunnel«. Und da er »noch nie etwas zu Ende gebracht hatte«, werkelt er nun schon seit Jahren daran herum. Dabei verschmelzen Fantasie und Text miteinander immer mehr. Günstig für Fred ist, »dass niemand etwas über Altniedernordisch wusste […]. Ich habe sehr viele Ursprünge einfach erfunden. Dadurch wurde auch die Übersetzung von Akthelt und Gunnel einfacher. Ich fing damit an, mir eine Menge Wörter auszudenken. Es ist sehr schwer, richtiges Altniedernordisch von erfundenem Altniedernordisch zu unterscheiden.«

Eine Schwierigkeit besteht allerdings darin, dass er bei seiner Arbeit ständig gegen eine »bedauerliche Konzentrationsschwäche ankämpfen« muss. Schließlich wird ihm wegen mangelnder Leistungen das Stipendium entzogen. Auch sein Vater dreht ihm den Geldhahn zu, »bis zu einem Zeitpunkt, an dem ein künftiges Verantwortungsbewusstsein sich abzeichnet«. Er verlangt von seinem Sohn, sich »auf die eigenen Füße« zu stellen, was für Fred nur bedeutet, beweisen zu müssen, dass er in der Lage ist »voll auf die Schnauze zu fliegen«.

Ein Fisch leidet oft unter dem nagenden Gefühl, sein Leben nicht bewältigen zu können und den Vorgängen ausgeliefert zu sein. So hält Fred sich selbst für einen »Trauerfall in der Familie«. Nun hat er endlich einen verständlichen »Grund […], sich wie ein Märtyrer zu fühlen«. Ein Fisch bleibt in seiner Passivität oft in leidvollen Situationen stecken.

Fred verteidigt das auch noch: »Ich habe keine Pläne«. Er strebt nicht nach Erfolg, denn Besitz ist ihm »überhaupt nicht wichtig«, auch findet er die Aussicht, »seinen Lebensunterhalt zu verdienen […] obszön«. In Alltagssituationen ist es immer sehr »schwer, irgendetwas Konkretes aus ihm herauszubekommen.« Wenn man ihn etwas fragt, sagt er oft »Weiß ich nicht«, worauf die, die ihn kennen, nur antworten können: »Das tust du nie.« Selbst als er einmal nach einem Freund sucht und gefragt wird, ob er ihn gefunden hat, antwortet Fred: »Ich weiß nicht«, weil er von dem Freund geträumt hat und sich für ihn Traum und Wirklichkeit vermischen.

Auf Schwierigkeiten reagiert Fred immer mit einer »Flucht nach hinten«. Er ist nämlich »keine verlässliche Autorität in puncto Courage […], da ich selbst keine besitze – sondern im Gegenteil, ein ausgemachter Feigling bin.« Schwierigen Situationen entzieht er sich, indem er in seine Gefühlswelt abtaucht. Dort sieht er dann »die erschreckenden Symptome von finalem Weltschmerz« anwachsen. Schon »im zartesten Kindesalter für Selbstmitleid anfällig«, zeigt er selbst im Erwachsenenalter noch einen deutlichen »Hang zur Melodramatik«.


John Irving, geboren am 2. März 1942 im Sternzeichen Fische

Ein Fisch ist sehr gefühlsbetont, lässt sich von seinen Gefühlen leiten und wird deshalb oft von seiner Umgebung missverstanden oder ausgenutzt. Fred tritt anderen Menschen mit überbordenden Gefühlen entgegen, ganz gemäß seinem »Drang, immer und überall seine eigene Sentimentalität hineinzuinterpretieren! […] Er sah, dass es mit ihm selbst ein schlimmes Ende nehmen würde – mit dem einzigen von uns, der sich einen rührseligen Film im Kino ansieht und begeistert ist, der eine Schnulze liest und losheult wie ein Schlosshund, wenn es auch nur ein Jota mit ihm zu tun hat! Schlamm im Hirn! Schmalz im Herzen! Warum nennt man ihn Bogus? Etwa, weil er so wahrheitsliebend ist? Sollen sie mich doch, diese herzlosen Schlubs. Ich lebe jetzt in einer anderen varld.«

Fred empfindet, dass die Umwelt »zu stark für ihn« ist, ja, »die Welt ist zu stark«. Er gehört zu den Personen, die »nicht dazu geeignet« sind »unter Bedingungen zu leben, die ein durchorganisiertes Leben erfordern«. Auch als er heiratet und selber Vater wird, ordnet sich sein Leben nicht. Er wollte zwar für seinen Sohn wie ein »Schutzengel« sein, aber wenn es darauf ankam, schaute er »überall hin […] nur nicht an die richtige Stelle«.

Fred zieht es wieder nach Wien, das für ihn mit »romantischen Erinnerungen« verbunden ist. Er verschwindet einfach. Schließlich reicht seine Frau wegen Freds »Verweigerung jeglicher Verantwortung« die Scheidung ein. Nach Freds Rückkehr findet er eine neue Liebe, wird abermals Vater. Seine neue Frau weiß sehr genau, dass sie ihren Mann »keinesfalls allein lassen kann« und bemuttert ihn ebenso wie den kleinen Sohn. Auch versöhnt er sich mit seiner ersten Frau, die inzwischen seinen Freund Couth geheiratet hat. Gemeinsam wollen die beiden Paare ein großes Fest feiern. Fred fühlt sich zum ersten Mal im Frieden, und trotzdem muss er mit »plötzlich aufsteigenden Tränen« kämpfen: »Er hatte immer gedacht, Frieden sei ein Zustand, den er irgendwann einmal erreichen würde, doch der Frieden, den er jetzt verspürte, war wie ein Kraft, der er sich ergeben hatte.« So muss er erfahren, dass ihn auch Glück mit einer unbestimmten Trauer erfüllt, denn der Weltschmerz bleibt das Lebensgrundgefühl eines Fischegeborenen.

 

BABYLONISCHE STERNKUNDE

Das Hexagesimalsystem und der Zodiak

12 = 6 x 2 / 36 = 6 x 6

 

MARIE CARDINAL

Die große Verwirrung


In diesem Roman verarbeitet Marie Cardinal eigene Erfahrungen mit dramatischen Verlustsituationen, die sie in ihrem unruhigen Leben und als alleinerziehende Mutter erleben musste.

Elsa liebt das »Gefühl von Allgegenwart« schon von Kindheit an, wie es ihr beispielsweise ein Leseplatz mit Blick ins Freie vermitteln kann: »Sie genießt das Lernen, die Harmonie, die zwischen den Büchern, aus denen sie lernt, und der Platane, die sie durch das geöffnete Fenster sieht, besteht. Es gibt nicht draußen und drinnen, nicht Seiten noch Blätter, nicht Wände und den Himmel. Es gibt allein das Wissen, das alles umfasst.«

Der Fischegeborene nimmt nicht das Getrenntsein der Menschen und Dinge wahr, sondern deren Einheit und Zusammengehörigkeit. Am Meer kann Elsa dieses Gefühl des Einsseins bis zur Neige auskosten, indem sie immer tiefer ins Wasser hineingeht und sich »von den Wellen überrollen« lässt. Das Wasser ist dem Fisch sein Element, in das er am Meer ganz eintauchen kann, was ihm ein Gefühl unbeschwerter Freiheit schenkt. Obwohl ihre Eltern sie zurückrufen, geht Elsa immer weiter hinaus in die Fluten:

»Wegen des Getöses der Wellen hörte sie die Worte nicht, sie konnte sie nicht hören, und außerdem wollte sie sie nicht hören. Ihre Ohren waren erfüllt vom Bersten der Wellen […] Sie konnte der Schönheit dieser Wellenbewegungen […] nicht widerstehen […] Alle Augenblicke fehlte ihr der Boden unter den Füssen, der Sand, den die Rückflut ins Meer hinauszog, wich, wurde flüssig, die Zehen griffen nur noch Wasser. Sie verlor das Gleichgewicht. Sie strauchelte.«

Doch Elsa kehrt nicht um, will immer tiefer von diesem Element umfangen werden, weil es ihr die Erdenschwere nimmt: »Wenn sie dann so in der kreisenden Bewegung der Welle gefangen war, eingerollt in diesen Leib aus Wasser, in diese wirbelnde Gebärmutter, die auf ihr Bersten zustürzte, wusste Elsa nicht länger, wo oben und unten, wo der Himmel und wo das Meer war.«

Ein Fisch möchte sich nicht abgrenzen, auch wenn es gefährlich wird, er möchte sich vielmehr ganz hingeben und mit dem Element oder auch dem Anderen verschmelzen. Aus diesen Erfahrungen entwickelt sich bei Elsa früh der Wunsch, »überall Zusammenhänge zu sehen und […] Zusammenhang in das Zusammenhanglose zu bringen«. In ihr ist eine »Naivität […], alles ernst zu nehmen, sich für alles zu interessieren.« Ein Fisch lässt sich nicht gerne auf eine Wissenssparte einengen, die ihn zum Fachidioten machen würde. Er möchte für alles offen bleiben. Bei Elsa sieht man diese Offenheit schon an ihren »weit geöffneten, erstaunten, begeisterten Augen«: »Und dann ihr aufmerksamer, leichtgläubiger Blick […] Elsa kann man alles glauben machen.«

Ein Fisch möchte gar nicht auf dem Boden der Tatsachen leben, der ihm trost- und seelenlos erscheint. Er möchte an das Leben, an einen Gott, an die Liebe glauben, von diesem Glauben getragen sein und mit einem Wunder beschenkt werden.


Aus diesem Interesse heraus für das Seelenleben studiert Elsa Psychologie. Während des Studiums lernt sie Jacques kennen und wird von ihm schwanger. Die Tochter Laure kommt zur Welt. Doch bald darauf muss Jacques als Soldat in den Algerienkrieg ziehen, in dem er umkommt. Nach Jacques Tod bleibt Elsa innerlich weiterhin ganz mit ihrem Mann verbunden. Sie ist sich sicher, dass der Tod eine »strahlende Metamorphose« ist, und ihr Geliebter im Jenseits weilt, wie sie es sich schon als Kind vorgestellt hat: »Die Seele« würde »ins blaue Paradies davonfliegen, ein hinreißendes Geschöpf, begleitet von Engeln mit kristallklaren Stimmen.«

Aufgrund seines ausgeprägten Einheitsgefühls empfindet ein Fischegeborener auch keine Grenze zwischen Diesseits und Jenseits. So bleibt Jacques auch von der anderen Seite bei Elsa und Laure:

»Ich habe nicht an einen anderen Mann gedacht. Ich habe weiterhin mit Jacques gelebt. Er ist tot und ich lebendig, so sahen wir Laure aufwachsen, studierten zusammen, zählten gemeinsam unser Geld. Er war anwesend, er war mehr als nur ein Zuschauer, wir machten alles zusammen. Es war nicht traurig, wir waren Komplizen. Ich war immer er und ich.«

Einem Fisch fällt es leicht, sich in eine irreale Welt zu begeben, wobei er auf der Ebene von bloßer Träumerei und Schwelgerei verbleiben, aber auch in engen Kontakt zu geistigen Welten treten kann, je nach Entwicklungsstufe und Liebesfähigkeit.

Elsa wird Psychologin, wobei sie sich »nicht so sehr angestrengt« hat, um ihr Diplom zu erreichen: »Die anderen strengen sich derartig an, um ihr Leben aufzubauen! […] Sie würde eher sagen, dass sie sich, so gut sie konnte, durchgeschlagen hat und dass es gut ausgegangen ist.«

Das ist ein typisches Gefühl des Fischs, der nicht fokussiert und nicht willensbetont vorgeht, sondern die Dinge gern einfach geschehen lässt.

Marie Cardinal, geboren am 9. März 1929 im Sternzeichen Fische

Obwohl Elsa äußerlich angepasst und ruhig lebt, hatte sie dennoch »schon immer Angst vor dem Wahnsinn« und »misstraut dem Reiz, den all das, was suspekt, was verborgen ist, auf sie ausübt«. So interessiert sie besonders »die geistige Verwirrung, denn die geistige Verwirrung stört die Ordnung im Inneren, sie wirft die Richtlinien um, widerspricht ihnen«. Sie fühlt sich »angezogen« von dem, »was nicht vernünftig ist« und ist »leidenschaftlich an den Verirrungen der anderen interessiert«. In ihnen erkennt sie die Gefahr, dass der Fisch sowohl den Boden unter den Füssen als auch die geistige Klarheit verlieren kann.

Aber wenn ein Fisch seine Einfühlsamkeit und Liebesfähigkeit für andere einsetzt, kann er für sie und sich selbst ein Segen sein. Dies ist Elsa in ihrem Beruf als Psychologin möglich: »Elsa hatte eine große Fähigkeit, sich anzupassen, sich vor dem anderen in nichts aufzulösen, um ihn zu verstehen. Wegen dieser Fähigkeit, dachte sie, habe sie eine bemerkenswerte Gabe für Psychologie und auch eine bemerkenswerte Begabung für die Liebe.« Sie spezialisiert sich auf Kinder, weil sie mit ihrer Intuition deren oft sprachloses, indirektes Verhalten zu verstehen vermag: »Sie hatte geglaubt, jedes Kind, dem sie half, zu lieben, weil sie sich von seiner Ausdrucksweise leiten, von ihr durchtränken ließ.« Kinder sind ihr lieber als Erwachsene, denn sie haben eine »Großherzigkeit, die die meisten Erwachsenen nicht haben. Man könnte sogar sagen, dass die Leute beim Älterwerden verlernen zu lieben.«

Erst als ihre Tochter Laure in späteren Jahren drogenabhängig wird, gerät Elsas Leben in Verwirrung, und sie verliert den Boden unter den Füssen. Ihre große Liebe zu Laure lässt sie aber durch alle Abgründe hinweg zu einem neuen Leben und einer neuen Liebe finden.

 

ASTROLOGISCHER LESEZIRKEL

ARIES ― TAURUSGEMINICANCERLEOVIRGOLIBRA SCORPIUSSAGITTARIUS CAPRICORNUSAQUARIUS ― PISCES


Weitere Werke von Autoren, deren Protagonisten typische Eigenschaften ihres Zeichens Fische aufweisen und aus Sicht der Astrologie Lesevergnügen bereiten, sind:


Der Dämon in uns von Sabahattin Ali

Die Elenden von Victor Hugo

Und Friede auf Erden von Karl May

Ein anderes Leben gibt es nicht von Maria Nurowska

Der fliegende Berg von Christoph Ransmayr


Vorschau

Die nächste Episode des Astrologischen Lesezirkels steht im Zeichen des Widders und geht am 21. März 2022 online. Wer zeitgerecht erinnert werden möchte, registriert sich für unsere Rubrik Einsichten oder abonniert uns auf Facebook. Besprochen werden die Romane Jenny von Fanny Lewald, Titan von Jean-Paul und Jenseits von Afrika von Tanja Blixen.

 

Über diese Studie Die Präposition, dass ein Geburtshoroskop eines Künstlers Auswirkungen auf sein Schaffen zeigen kann und sich mitunter in seinen Werken widerspiegelt, ist der Ausgangspunkt dieser umfassenden Studie, für die 72 Romane von Fischeautoren sondiert, gelesen und astrologisch interpretiert wurden.


Über die Autorin

Karin Bat, Jahrgang 1953; geboren und aufgewachsen in Ostwestfalen; Studium der Literaturwissenschaft, Theologie Philosophie und Wissenschaftsjournalistik; berufliche Tätigkeit in der Erwachsenenbildung und im Verlagswesen; seit 1992 in Österreich beheimatet; eingehende Beschäftigung mit Jungianischer Psychologie und dem Tarot; Beratungen, Seminar- und Vortragstätigkeit.


Karin Bat

Astrologin, Theologin, Philosophin

Rosengasse 27/19

3130 Herzogenburg, Austria

GSM +43 (0) 664-863 01 22

E-Mail: k.bat@gmx.at

© 2021 Karin Bat | Epiphany | Institut für Kulturgeschichte, Leipzig

 

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