• Jimmy Deix

Die Bardin von Windsor

Prinzessin Elisabeths Einweihung in den Orden der Druiden.

Alte Fotografien zeugen von einem besonderen Ereignis, dass sich am 6. August 1946 auf einer Lichtung in den Hinterwäldern der britischen Inseln zutrug. Die vergilbten Bilder dokumentieren, dass Queen Elisabeth II. eine Eingeweihte des altertümlichen Ordens der Druiden war, eine ehrenamtliche Würdenträgerin des Gorsedd of Bards.


Die Zeremonie des Eisteddfod of Wales, der jährlichen Volksversammlung der Druiden des Fürstentums, bei dem die damals erst 20-jährige Prinzessin Elisabeth eingeweiht wurde, fand in einem Waldstück bei Mountain Ash im Süden von Wales statt, unweit der Hauptstadt Cardiff. Ein Druidenpriester erhebt den alten, heiligen Sichelstab; Prinzessin Elisabeth wird in einer grünen, altertümlichen Robe zu einem Steinpodest geführt, um unter lautem Beifall der zahlreichen Anwesenden im Dyffryn Park eine Bardin zu werden; der Erzdruide Crwys trinkt aus einem Füllhorn, dem »Horn of Plenty«; er fasst die Novizin an den Armen, eine Fanfare erschallt und damit war die Initiation vollzogen und die künftige Königin des United Kingdoms, die unter den Barden den Ordensnamen »Elizabeth o Windsor« erhielt, eine geweihte Druidenpriesterin vom Rang einer Ovatin.


ELIZABETH O WINDSOR

Über den Stellenwert der Ovaten schreibt der Mystiker Manly Palmer Hall in The Secret Teachings of All Ages:


»Es handelte sich um einen Ehrentitel, der keine besondere Reinigung oder Vorbereitung erforderte. Die Ovaten kleideten sich in Grün, der druidischen Farbe der Gelehrsamkeit, und es wurde von ihnen erwartet, dass sie etwas über Heilkunst, Astronomie, wenn möglich Poesie und bisweilen Musik wussten. Ein Ovat war eine Person, die aufgrund ihrer allgemeinen Vortrefflichkeit und ihres überlegenen Wissens über die Lebensprobleme in den Druidenorden aufgenommen wurde.«

20 Jahre zuvor waren bereits Elizabeths Eltern, der Herzog und die Herzogin von York, als Mitglieder des Gorsedd initiiert worden. Der spätere König George VI. und die »Queen Mother« Elisabeth wurden unter den Druiden fortan Albert und Betsi of Eforg genannt.


Elisabeths Eltern Albert und Betsi of Eforg beim Welsh Eisteddfod, 1926

Im Sommer 1969 kehrte Elizabeth nach Wales zurück, um auf Caernarfon Castle in Gwynedd die feierliche Investur ihres Sohnes Charles zum Prince of Wales vorzunehmen. Die Königin wusste, wie wichtig den Walisern ihre Sprache ist, und schickte den Thronfolger für ein Semester an die Universität Aberystwyth, um sie vor seiner Amtseinführung zu erlernen. Trotz seiner Bemühungen wurde Charles ausgebuht, als er später bei einem Besuch des Urdd National Eisteddfod, einem jährlichen walisischsprachigen Jugendfestival für Literatur, Musik und darstellende Kunst, eine Rede hielt. Dies macht deutlich, was uns der Imperialismus hinterlassen hat, wenn das Staatsoberhaupt eines Landes nicht einmal dessen Sprache spricht. Der letzte Prince of Wales, der tatsächlich Waliser war, war der berüchtigte Owain Glyndŵr. Seine Kampfansage gegen die englische Krone im Jahr 1405 blieb erfolglos, als stolze Ikone füllt er dennoch die walisischen Geschichtsbücher bis heute.


Elizabeths Beitritt bei den Barden von Wales hatte auch einen politischen Hintergrund. In den 1940er Jahren war das Innenministerium darüber in Sorge, dass in Wales der Nationalismus aufflammen könnte, weshalb man eine stärkere Bindung der Thronfolgerin an die walisische Kultur in Erwägung zog.

Pomp & Circumstance in schlichter Robe

Feierlich begangene Inszenierungen in Glanz und Gloria erscheinen uns bei den Gepflogenheiten des britischen Königshauses nicht weiter ungewöhnlich – der loyale »Commoner« verfolgt die jährliche Militärparade Trooping the colour, die Ritterprozession des Hosenbandordens am Garter Day oder die Regierungsjubiläen der Monarchie (Jubilees) – doch eine Initiation als Priesterin in einen mystischen Magierzirkel fällt selbst hier aus der Reihe.

Irgendwann kamen berechtigt scheinende Fragen auf, wie die Königin, die in Personalunion das Oberhaupt der Church of England verkörperte, Angehörige eines paganen Kultes sein konnte. Anlässlich des Todes von Königin Elisabeth im September 2022 schrieb The Druid Network:


»Das Kuratorium des Druidennetzwerks dankt ihrer verstorbenen Majestät, Königin Elizabeth II., die nun ihren Übertritt in das Mysterium vollzieht. Viele Menschen werden wissen, dass Prinzessin Elizabeth durch das walisische Eistedfodd in die druidischen Traditionen eingeweiht wurde, aber natürlich war das eher eine Frage des kulturellen Respekts als der Religion, und sie wurde sowohl Oberhaupt des Staates als auch der Kirche von England.«


Historische Filmaufnahmen von Elisabeths Einweihung bei den Druiden

Wie zwischenzeitlich bekannt wurde, war Queen Elizabeth längst aus dem Orden der Druiden ausgeschlossen worden, nachdem neue Statuten auferlegten, dass nur noch Personen, die der walisischen Sprache mächtig sind, Mitglied des Gorsedd of the Bards sein können, gleichwohl die Queen immer ein reges Interesse für das walisische Kulturleben gezeigt hat. Beim Eisteddfod 2019 in Llanwrst in Nordwales erklärte demzufolge der amtierende Erzdruide Myrddin ap Dafydd:

»Sie hat sich 2006 selbst exkommuniziert, nachdem klargestellt wurde, dass man Walisisch sprechen muss, um Mitglied des Gorsedd zu sein.«

 
 

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