• Jimmy Deix

Imagine: Das dümmste Lied aller Zeiten

John Lennons unsterbliche Softrock-Ballade über den Frieden in der Welt – erweist sich bei genauem Hinhören als moralische und musikalische Ungeheuerlichkeit.

Strawberry Fields Memorial, Central Park, New York City

Es beginnt mit diesem schwerfälligen Klavierintro, dass sich behäbig von C-Dur in F-Dur hinüberhebt, um sich nach einer kleinen Triole wieder in C-Dur zu ergehen … vielleicht soll dies Nachdenklichkeit ausdrücken oder dem Vortrag Bedeutungsschwere geben, man weiß es nicht genau. Von dieser traumwandlerischen Progression vermag sich der einsetzende Strophengesang so gut wie gar nicht abzuheben, und sobald man partiell ermüdet und in leichte Trance verfallen ist, suggeriert uns das Lied in einer Art Hypnose, was wir uns vorstellen sollen.


Imagine there’s no heaven It’s easy if you try No hell below us Above us only sky Imagine all the people Living for today

Stell’ dir vor, es gibt kein Himmelreich

Es ist leicht, wenn du’s versuchst

Keine Hölle unter uns

Über uns nur das Firmament

Stell’ dir vor, all die Menschen

leben für das Heute


In John Lennons Wunschvorstellung von dieser Welt gibt es kein Himmelreich. Das ist natürlich sehr bedauerlich. Wie viele seiner Landsleute, fühlte sich auch er zur Abkehr berufen, was ihm unbenommen bleibt, doch wieso versucht man diesen Nihilismus zu missionieren, den Glauben an das Nichts den Vorstellungen einpflanzen? In einer Welt, in der es das Gute und das Böse nicht existiert, gibt es auch keine Moral, in der wir als Ersatz für die himmlische Ordnung doch nur nutzlose Kodexe entwickeln.

Wenn jeder nur mehr »für das Heute« lebt, so ist das unverantwortlich, weil dabei niemand mehr an die Zukunft denkt. Sie würden sich nicht um ihre Kinder oder um andere Menschen kümmern, sondern nur um sich selbst. Das ist überaus egoistisch. Würden die Menschen so leben, wie es hier ausgemalt wird, würde alles kaputt gehen, weil das was morgen passiert, keine Rolle mehr spielt. Man denkt vielleicht, es sei etwas schönes, nicht an Morgen zu denken, doch in Wirklichkeit ist es vielleicht die verwerflichste Moral, die man sich nur vorstellen kann.


Imagine there’s no countries It isn’t hard to do Nothing to kill or die for And no religion, too Imagine all the people Living life in peace

Stell’ dir vor, es gibt keine Länder

Es ist nicht schwer, das zu tun

Nichts, wofür man tötet oder stirbt

Und auch keine Religion

Stell’ dir vor, all die Menschen

führen ein friedliches Leben

John Lennon möchte, dass sich die Grenzen auflösen (Imagine there’s no countries), weil es dann nichts mehr gibt, wofür man tötet oder stirbt. Die Vorstellung, dass Kriege aufgrund verschiedener Nationalitäten geführt werden, ist haarsträubend infantil. Dennoch ist die Ansicht weit verbreitet, sie seien ein Hauptgrund für Kriege, selbst wenn bei gewaltsamen Massenkonflikten heute immer bewaffnete Streitkräfte gegen paramilitärische Verbände kämpfen. Viele sehen wiederum in der Religion einen den Hauptgrund für Kriege und man übersieht dabei nur zu leicht, dass im 20. Jahrhundert mehr als 100 Millionen Menschen im Namen des Atheismus getötet wurden.

Imagine no possessions I wonder if you can No need for greed or hunger A brotherhood of man Imagine all the people Sharing all the world


Stell’ dir vor, es gibt keinen Besitz

Ich frag’ mich, ob du das kannst

Keinen Grund für Gier oder Hunger

Eine Menschenbruderschaft

Stell’ dir vor, all die Menschen

teilen sich die ganze Welt


Stell’ dir vor es gibt keinen Besitz hier zeigt sich Lennon progressiv und revolutionär. Er selbst lebte in Tittenhurst Park, einem prächtigen Landschloss in der Nähe von Ascot, wo das Video zu »Imagine« gedreht wurde. Es ist erstaunlich, wie Menschen, die außerordentlich gut von den Hervorbringungen dieser Zivilisation leben, deren Abschaffung vorschlagen, weil sie ihren Werten völlig zuwiderläuft. Es ist von einer Menschenbruderschaft die Rede, die sich die ganze Welt teilt. Aber was sollen die Menschen untereinander teilen, wenn nichts mehr da ist, das sie besitzen?


You may say I’m a dreamer But I’m not the only one


Du kannst sagen, ich sei ein Träumer

Aber ich bin nicht der Einzige


Genau darin liegt das Problem, er ist nicht der Einzige, der diesen Unsinn glaubt!


I hope someday you’ll join us And the world will be as one


Ich hoffe, eines Tages schließt du dich uns an

Und die Welt wird eins sein

Yoko Ono und John Lennon am weißen Steinway Flügel, an dem John das Lied »Imagine« morgens an nur einer Schreibsession schrieb

John Lennon bringt uns die Vorstellung näher, dass die Welt eins ist und sich nöglicht viele dieser Idee anschließen mögen. Das geht jedem Globalisten wie Honig runter, der einer Auflösung nationaler Grenzen wohlwollend gegenübersteht, die unter ihrer Diktion bessere Problemlösungen für die Weltprobleme hätte. Es wundert also nicht, das diese elitären Weltenretter das Potential dieses Liedes und die löblichen Gedanken John Lennons für sich entdeckt haben. Bei den Olympischen Spielen wurde bei den Eröffnungsfeiern wiederholte Male »Imagine« gesungen – etwa von Stevie Wonder (Atlanta 1996), Peter Gabriel (Turin 2006) oder zuletzt von John Legend (Tokio 2021), der auf Twitter schwärmte: »Es ist ein Lied, das wir in dieser Zeit immer noch brauchen …«

Legends Reichtum wird auf etwa 72 Mio. Dollar geschätzt. Warum verschenkt er nicht seine Luxus-Villa in Beverly Hills und steigt auf Carsharing um, wenn er so überzeugend aus voller Kehle der ganzen Welt mitteilt, wie schön es wäre, nichts zu besitzen?! (Imagine no posessions.)

»Dieses Lied spiegelt die Werte wider, für die die Olympischen Spiele stehen«, sagte IOC-Präsident Thomas Bach. »Es ist ein Aufruf zu Friede und Brüderlichkeit, zu Einheit und Solidarität«.


Der Inhalt von John Lennons »Imagine« ist der beste Beweis dafür, dass man es nicht jedem überlassen sollte, uns eine scheinheilige Moral zu predigen und über unser Leben zu entscheiden.

Stell Dir vor, es gibt keine Feierlichkeiten mehr, bei denen »Imagine« gesungen wird.



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