• Karin Bat

Die schönen Künste im Zeichen der Jungfrau

Planetare Einflüsse und Bildwirkungen der Merkur-Energie in der bildenden Kunst. Eine astrologische Gemäldestudie von Künstlern, die im Sternzeichen Jungfrau geboren wurden.

+++ CALENDARIUM ARTIFICIUM ASTRUM VIRGO +++

ARIES TAURUS GEMINI CANCER LEO VIRGO LIBRA SCORPIUS SAGITTARIUS CAPRICORNUS AQUARIUS PISCES

Der Charakter der Jungfrau ist geprägt vom Planeten Merkur, der in diesem Tierkreiszeichen eine besonders rationale, kontrollierte Kraft entwickelt. Da die Jungfrau dem Element Erde angehört, verliert der Merkur hier seine Spontaneität und setzt auf Vorsicht, Kontrolle und Sicherheit. So schafft der Jungfraugeborene in seiner unmittelbaren Umgebung nicht nur Reinlichkeit und Übersichtlichkeit, sondern setzt sich auch in allen anderen Wirkungsbereichen – unter Hintanstellung der eigenen Gefühle – für die Einrichtung von Ordnungssystemen ein.


Bildnisse: Unberührbarkeit – Neutralität – Reinheit

Jungfraumaler stellen die zu porträtierende Person gerne ohne besondere Auffälligkeiten dar. Dabei wirken die abgebildeten Frauen und Männer emotional zurückgenommen und in kritischer Distanz zum Betrachter stehend.


Bildnis der Nanna Risi

Anselm Feuerbach (*12. September 1829)


Die hier dargestellte Römerin Nanna Risi war die Geliebte des Malers Anselm Feuerbach. Er sah in ihr die perfekte Inkarnation antiker Schönheit und war so fasziniert von ihr, dass er in den sechs Jahren ihrer Verbindung 28 Porträts von ihr fertigte. In diesem Bildnis trägt Nanna eine Stola, die schlicht und dennoch edel wirkt. Ihre prächtigen Haare sind zu einem schönen Kranz gefasst. Feuerbach malte seine Muse gerne im Profil – nicht nur wegen ihrer klassischen Kontur, sondern weil die Person dadurch unberührbarer wirkt. So weist auch die Hand, die züchtig den Umhang geschlossen hält, darauf hin, dass sie sich keinem begehrlichen Blick öffnen wird.


Napoleon Bonaparte

Jacques Louis David (*30. August 1748)


Napoleon steht hier in seinem Arbeitszimmer vor einem Sekretär und trägt eine mit nur zwei Orden und wenigen Goldknöpfen versehene Uniform. Seinen Degen hat er auf einem Stuhl abgelegt, seine rechte Hand steckt in der Weste. Er steht zwar nicht starr auf beiden Beinen, sondern hält eines davon vorgestellt, und doch erscheint er durch die Haltung seiner Arme, die diese Bewegung nicht mit ausführen, statuarisch. Er wirkt so gemessen, dass man ihm seine »wilde« korsische Herkunft, wie es damaligen Parisern erschienen sein mag, nicht ansieht, noch weniger seine usurpatorischen Absichten. Der Maler zeigt Napoleon hier von seiner staatsmännischen Seite in höchstmöglicher Neutralität. Natürlich hat Napoleons Hofmaler Jacques Louis David den Herrscher in anderen Porträts auch in Siegerpose dargestellt. Einem Jungfraumaler liegt es jedoch am Herzen, die planerische, kontrollierte Seite eines Staatsmannes zu betonen. Die Jungfrau lehnt zudem Kriege grundsätzlich ab, nicht aus idealistisch-humanitären Gründen, sondern weil sie eine derartige Vernichtung von Mensch und Material als reine Verschwendung erachtet.


Lilienmadonna

Gaetano Previati (*31. August 1852)


Eine wichtige Rolle in der Malerei der im Zeichen Jungfrau geborenen Künstler spielt die Jungfrau selbst. Die Jungfrau Maria gilt als Inbegriff von Reinheit und Unberührbarkeit durch körperliche Triebe. In diesem Bild ist die Madonna in einen ährenfarbenen Goldglanz getaucht, wobei die Kornähre ein Attribut des Sternzeichens Jungfrau ist. Auch ihre Haarfarbe spielt in diesem Ton, während ihr einfaches Kleid keinerlei Zierrat aufweist und mit seiner gedämpften Farbe ihre Reinheit betont. Um die Lilienmadonna von Gaetano Previati stehen hochgestielte weiße Lilien in ordentlicher Reihe. Jungfraumaler bevorzugen die geordnete Darstellungsweise sowie die aufstrebende schlanke Linie. Nur das Jesuskind auf dem Schoß der Madonna bringt eine Blume dazu, sich ihm zuzuneigen, wodurch der strenge Kreis ein wenig aufgelockert wird.



Umgebung: Nützlichkeit von Natur und Bauwerken

Der Jungfrau geht es im Umgang mit ihrer Umwelt um größtmögliche Effektivität und Ausnutzung der materiellen Gegebenheiten. Sie will nichts verschwenden, sie will keine Zeit verträumen, sondern innerhalb eines Ordnungssystems wirken.


Pegwell Bay in Kent

William Dyce (*19. September 1806)


Hier zeigt uns der schottische Maler William Dyce einen Ausschnitt der südöstlich von London gelegenen Pegwell Bucht mit Blick auf den Ärmelkanal. Anstatt auf den Höhen der Kreidefelsen die Weite zu genießen, zieht es den Jungfraumaler zur Erde, wo das Meer nach dem Abebben der Flut allerlei Muscheln und sonstige Meeresschätze angespült hat. Die Frauen im Vordergrund begutachten das Strandgut und sammeln es ein. Eine weitere Frau, die ihr Körbchen bereits gefüllt hat, geht davon. In mittlerer Ferne, vor den scharfkantigen Felsen, werfen Fischer ihre Netze aus. Die Natur ist für die Jungfrau ein Objekt für Untersuchungen und der möglichst angemessenen Nutzung, nicht aber der Raum für sinnliche oder gar schwärmerische Schwelgerei. Für den Betrachter bieten die weit in das Bild hineinragende Klippenwand einen realen Anhaltspunkt, weshalb sich der Blick nicht in den Weiten des Meeres verlieren kann.


Landschaft mit Bahnstrecke

Isaak Iljitsch Lewitan (*30. August 1860)


Eine Bahntrasse gefällt dem Jungfraumaler als Resultat technischer Naturbewältigung. Hier verläuft diese sogar auf einem Damm, der eine weitere zweckorientierte Naturbearbeitung darstellt. Die Bahnstrecke ist von einer endlosen Reihe schlank aufsteigender Strommasten flankiert. Die Landschaft ist demnach von der zivilisatorischen Entwicklung geprägt. Dabei ist sie menschenleer, nur ein Zug dampft aus der Tiefe des Bildes in den helleren Vordergrund.


Bauhaustreppe

Oskar Schlemmer (*4. September 1888)


Der Jungfraumaler liebt schlichte Formen und klare Linien. Dem entspricht die Bauhausarchitektur in hohem Maße. Das hier abgebildete Treppenhaus zeigt keine Ornamente oder Wölbungen, sondern nur eine schmale Treppe. Auch die Fenster weisen diese bauliche Verknappung auf und sind ohne Nischen in die Wand integriert. Sie wirken wie durchlässige Gitter, die nur für das notwendige Licht sorgen sollen, das hier in kühlem Graublau gehalten ist. Die Menschen, die sich auf dieser Treppe bewegen, sind in Rückenansicht oder im Profil zu sehen. Die einzige Person, die direkt in das Bild hinabsteigt, wird nur mit halbem Kopf dargestellt. Die Jungfrau zeigt sich nicht gern frontal, sie hält das Persönliche so bedeckt wie möglich und taucht alles in eine kühle Neutralität.


Genaues Schauen. Rationales, emotionsloses Handeln

Die Jungfrau legt großen Wert auf Sachlichkeit, auf Daten und Fakten. Sie tritt am liebsten über methodisch-technische Vorgaben in Erscheinung, ganz so, wie es z.B. einer Verwaltungs- oder einer Laborarbeit entspricht. Hier sind die Vorgänge bis ins Kleinste geregelt, wodurch seelische Unsicherheiten nicht so schnell zum Vorschein kommen.


Landmesser

Alex Colville (*24. August 1920)


Die weit gestreckte Landschaft muss genau vermessen und für die amtliche Zuordnung kartographiert werden. Auch hier zeigt sich dem Betrachter wieder nur die Rückenansicht der Landvermesserin. Sie hat sich ihrem Messgerät zugewandt, steht ganz nah am Gerät, und scheint nur mehr das Auge selbst zu sein. Die Landschaft und ihre Atmosphäre interessieren nicht, es zählt nur das Ergebnis der Vermessung. Genauigkeit ohne Unschärfe oder Abweichungen ist der Jungfrau ein großes Anliegen, denn dies garantiert die Sicherheit der Ergebnisse.


Zebra

George Stubbs (*24. August 1724)


Das hier dargestellte Zebra ist von George Stubbs so naturgetreu wie möglich wiedergegeben. Zu seiner Zeit hatten die meisten Menschen in England noch nie so ein Tier gesehen. Erst 1762 kam das erste Exemplar auf die Insel und wurde in verschiedenen Städten als Attraktion vorgeführt. Stubbs war als akribischer Pferdemaler äußerst beliebt. Wie sehr ihm an der höchst genauen Wiedergabe der Tiere lag, zeigt sein über ein Jahr dauernder Rückzug auf einen abgelegenen Hof, wo er Pferdekörper sezierte und zeichnete. Diese Zeichnungen konnte er gut verkaufen, waren damals doch exakte anatomische Darstellungen von Tieren eine Seltenheit. Auch hier nimmt er das Zebra wie ein Objekt scharf ins Visier, um die feine Fellzeichnung genau wiedergeben zu können. Dem damaligen Betrachter konnte auf diese Weise nicht vermittelt werden, dass Zebras sehr viel ungestümer sind als Pferde, denn das Tier steht duldsam in einem Wald. Die Mühe, ein solch wildes Tier in Ruhe zu erfassen, sieht man diesem Bild nicht an.


Experiment mit einem Vogel in der Luftpumpe

Joseph Wright of Derby (*3. September 1734)


Der englische Maler Joseph Wright of Derby stellt hier ein Experiment mit einer Vakuumpumpe dar, um die Eigenschaften von Luft zu überprüfen. Es soll die Notwendigkeit von Sauerstoff für Lebewesen beweisen. Im Verlaufe des Experiments wird dem Tier immer mehr Luft entzogen, bis es schließlich stirbt. Von umherziehenden Dozenten der Naturphilosophie – wohl eher Schausteller als Wissenschaftler – wurde das Experiment als eine Hauptattraktion vorgeführt. In diesem Bild reagiert der dargestellte Interessentenkreis ganz unterschiedlich auf die wissenschaftliche Demonstration: Während zwei ältere Männer dem Experiment scheinbar neutral und ungerührt beiwohnen, folgt ihm ein Junge sehr aufmerksam. Ein älteres Mädchen hingegen wendet angesichts des im Glaskolben panisch flatternden Vogels verschreckt ihr Gesicht ab, ein jüngeres wagt doch einen ängstlich-besorgten Blick. Die beiden Mädchen halten sich zum Trost aneinander fest, während sie ein hinter ihnen stehender Mann fürsorglich umfängt und sie gleichzeitig ermahnt, die Augen nicht vor dieser einmaligen Lektion zu verschließen. Nur ein junges Paar scheint mehr von sich selbst als von der Vorführung eingenommen zu sein. Eine Jungfrau betrachtet ein solches Experiment zumeist nicht als Tierquälerei, weil die Nützlichkeit von Experimenten und die Kenntnisse der Naturgesetze so hoch bewertet werden, dass der Tod eines Tieres als Kollateralschaden in Kauf genommen wird.


Die Tochter des Malers eine Zeichnung kopierend

Martin Drolling-père (*19. September 1752)


Nicht nur bei naturwissenschaftlichen Experimenten, sondern auch in der Kunst sieht die Jungfrau das genaue Schauen als Schaffensbasis. Für einen Jungfraumaler der Barockzeit darf Kunst nicht einfach nur der Phantasie entspringen, sondern soll sich an konkreten Vorgaben orientieren. So bildet das Kopieren eine unentbehrliche Vorübung für das Malen. Die junge Frau hat ihre Vorlage auf eine hohe Fensterscheibe geheftet und paust nun im Stehen die Konturen mit spitzer Feder ab. Auch hier haben wir wieder die bei den Jungfraumalern so beliebte Rückenansicht.


Perfektion und Sicherheit

Die Jungfrau fühlt sich am wohlsten, wenn sie um sich herum alles in Ordnung weiß. Oft steigert sich dieses Bedürfnis bis zur Perfektion. Das kann im Alltagsleben anstrengend werden, aber im technischen Bereich ist diese Seite des Jungfrau-Merkur unabdingbar, legen doch alle Menschen Wert darauf, dass die technischen Errungenschaften mit höchstem Sicherheitsfaktor funktionieren.


Die Granitschale im Berliner Lustgarten

Johann Erdmann Hummel (*11. September 1769)


Diese Granitschale sollte wegen ihrer perfekten Ausarbeitung im Berliner Museum ausgestellt werden, war aber so groß geraten, dass sie nur im Freien aufgestellt werden konnte. Also fand die sogenannte »Suppenschüssel«, wie sie von kecken Berlinern genannt wird, ihren Platz im Lustgarten vor dem Museum. Dort konnte jeder ihre Größe und ihren Glanz bewundern. Die Schale war so perfekt poliert, dass man sich in ihrem Schein spiegeln konnte. Deswegen erhielt der Maler Johann Erdmann Hummel, der diesen Glanz in seinem Bild genauestens eingefangen hat, den Spitznamen »Spiegelhummel«.


Der gelbe Kessel

Carl Grossberg (*6. September 1894)


Carl Grossberg war technikbegeistert und der entschiedenen Ansicht, dass die Technik ihren Platz in einer zeitgemäßen Malerei finden müsse. Anfang der 1930er Jahre begann er die Arbeit an seinem »Industrieplan«, einer Darstellung der wichtigsten Industriemaschinen Deutschlands, der ihm bis zum Zweiten Weltkrieg viele Aufträge verschaffte. An dem hier abgebildeten Kessel kann man erkennen, dass es dem Künstler nicht nur um die Darstellung des Gerätes im Sinne einer technischen Dokumentation ging. Er nahm vielmehr die Geräte als ästhetische Objekte wahr, die es in ihrer Eigenwertigkeit darzustellen galt. Der Kessel steht hellgelb glänzend in der Mitte des Raumes, der von Versorgungsleitungen durchzogen ist. Der Raum ist menschenleer, der Kessel und seine Leitungen funktionieren automatisch, sauber und absolut zuverlässig.


Stadtbad ohne Ding

Hans Peter Reuter (*3. September 1942)


Reuter malte keine realen Räume, sondern erdachte Räume, die aus Hunderten von exakt wiedergegebenen Kacheln bestehen. Mit Hilfe der Kacheln und der durch sie gebildeten Fugen entsteht ein Gitterwerk, ein Effekt, den Jungfraumaler besonders lieben. In dieser Darstellung eines fiktiven Stadtbades wird auch die Vorliebe der Jungfraumaler für strenge Perspektive deutlich. Die hier wunderschön blau getönten und in der Farbe feinst abgestuften Kacheln des Stadtbades glänzen vor Sauberkeit. Das Licht aus dem gewölbten Dach spiegelt sich im Boden. Reuter musste als Kind wegen einer Kinderlähmung zehn Jahre lang täglich ins Schwimmbad, was seinen tieferen persönlichen Beweggrund zeigt, sich zum »Kachel-Reuter« zu entwickeln. Doch im Gegensatz zu seinen Erfahrungen ist dieses Bad vollkommen menschenleer, »ohne Ding«, wie Reuter es ausdrückt. Menschen sind im Gegensatz zu Konstruktionen äußerst unsichere Faktoren, deren Handlungsweise man nicht genau vorhersehen kann. Sie sind eben keine Dinge und deswegen mit großer Vorsicht zu genießen.


Liebe – die Irreführerin

Evelyn de Morgan (*30. August 1855)


Mit einer solch kritischen Sicht auf den Unsicherheitsfaktor Mensch lässt sich die Jungfrau auch nicht leicht auf eine Liebesbeziehung ein. Auf diesem Bild bewegt sich eine junge Frau in einer unwirtlichen Landschaft, die kaum Orientierungspunkte bietet. Darüber hinaus sind ihre Augen verbunden, denn die Liebe macht blind für Tatsachen und verleitet zu Wunschdenken. Aber die Frau ist unrettbar von der Liebe erfasst. Sie folgt den lockenden Tönen des Liebesgottes, der auf einem Felsen an einem Bach sitzt, in den die junge Frau zu stürzen droht. Der Gott warnt sie nicht, sondern flötet trügerisch weiter. Der Bach führt zwar kein reißendes Wasser, auch ist er nicht breit. Die junge Frau wird nicht ertrinken, aber auch nicht ohne Verletzungen davonkommen.



Zahl und Natur als Zeichen des Göttlichen

Mit ihrem intellektuellen, rationalen Denken ist es für die Jungfrau schwer, sich geistigen Welten zu öffnen. Da gibt es wie in der Liebe viel zu viele Gefahren, sich im Unwägbaren und Illusionären zu verlieren.


Ödipus löst das Rätsel der Sphinx

Jean-Auguste-Dominique Ingres (*29. August 1780)


Die Sphinx, ein mythisches Wesen aus Mensch und Tier, saß vor den Toren Thebens und ängstigte die Einwohner. Jeder, der an ihr vorbei wollte, musste erst ihr Rätsel lösen. Gelang ihm dies nicht, wurde er von ihr vom Felsen in den Tod gestürzt. Ödipus aber lässt sich nicht schrecken. Auch in der Begegnung mit höheren Kräften setzt die Jungfrau auf ihren Verstand. Ödipus steht mit wachem, konzentriertem Blick vor ihr, um die Rätselfrage zu empfangen. Die Sphinx fragt: Was für ein Tier geht am Morgen auf vier Beinen, am Tage auf zwei und am Abend auf drei? Ödipus löst, ganz seinem kombinierendem Denken vertrauend, das Geheimnis: Der Mensch, um dessen Lebensalter es hier geht. Als die Sphinx, die so vielen Menschen den Tod gebracht hat, die Auflösung des Rätsels hört, stürzt sie sich selbst vom Felsen. So hat Ödipus die Stadt Theben mit der Kraft seines Verstandes und nicht mit Körperkraft von dem Ungeheuer befreit.


Detail

Roman Opalka (*27. August 1931)


Bereits in jungen Jahren entschloss sich Roman Opalka nur noch Zahlen zu malen, da die Mathematik bis ins Unendliche zählen kann. Er wollte die Zahl 7.777.777 erreichen, die er als tiefenphilosophisch und religiös aufgeladen ansah. Er begann mit 1 und malte Zahl um Zahl – bis zu 400 Ziffern am Tag. Er malte mit feinstem Pinsel und hellte im Laufe der Jahre seine Palette immer mehr auf. Schließlich erreichte er eine helle Farbe, die er das »wohlverdiente Weiß« nannte. Nach jeder Ateliersitzung fotografierte Opalka sein Gesicht und sprach die gemalten Zahlen auf Band, um das Verstreichen der Zeit auf verschiedenen Ebenen zu dokumentieren. Im August 2011 starb Opalka. Er hatte sein Ziel nicht erreicht und war »nur« bis 5.607.249 gekommen. Er hatte 46 Jahre für 222 Leinwände gebraucht. Mit seinem Zahlenwerk hat der Maler ganz und gar nach Art der Jungfrau sein Leben dokumentiert, hat er es doch quasi in Zahlen festgehalten. Er hat sich damit der Unendlichkeit in kleinsten, kontrollierten Schritten angenähert.


Im Garten

Angiolo Tommasi (*27. August 1858)


Auf diesem Bild ist eine Frau mit ihren Rosen beschäftigt. Sie betrachtet jede einzelne Blüte nicht in meditativer Absicht, sondern um nachzuschauen, ob am Rosenbusch schon Blüten welk werden. Auch der zur Seite geworfene Besen und der verbeulte Sonnenhut weisen auf die Absicht auf Arbeit hin. Jungfraugeborene entwickeln durch die Gartenarbeit eine Verbindung zum tieferen Walten in der Natur und können sich auf diesem Weg dem überpersönlichen Geist öffnen.

Wanderer über dem Nebelmeer

Caspar David Friedrich (*5. September 1774)


Dieses Bild drückt in einzigartiger Weise aus, dass sich die Jungfrau in Bezug auf das Göttliche nicht in unwägbaren Weiten verlieren möchte. Sie mag nur über die Natur einen Blick in höhere Welten wagen. Caspar David Friedrich, der wohl bekannteste Maler der deutschen Romantik, hat hier nicht einfach ein überwältigendes Panorama gemalt, sondern einen aufrecht stehenden Mann – abermals in Rückenansicht zu sehen – groß in den Vordergrund gestellt, mit dem er unseren Blick in weite Fernen lenkt. Dadurch entsteht eine Distanzierung, die es dem Bildbetrachter erlaubt, die Größe der Natur nachzuvollziehen, ohne in Naturfrömmigkeit zu schwelgen. In dieser aus verschiedenen Naturmotiven zusammengesetzten Komposition steht der Wanderer in der Mitte auf einem pyramidenartigen Felssockel und stützt sich auf seinem Stock. Er bleibt der Erde verbunden, er hebt nicht ab. Die Landschaft ist ansonsten menschenleer und ursprünglich. Zudem herrscht Nebel – ein für den scharfen Blick der Jungfrau gefährlicher Zustand. Umso wichtiger ist es, am Boden zu bleiben und sich auf die Konturen der Berge zu konzentrieren, die sich langsam aus dem Nebel lösen. Sie sind größer als der Mensch und weisen über dessen eigene Vergänglichkeit hinaus.


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Vorschau

Die nächste Folge der Reihe Sternenmaler steht im Zeichen der Jungfrau und geht am 21. August 2020 online. Wer zeitgerecht erinnert werden möchte, registriert sich für unsere Rubrik Einsichten oder abonniert uns auf Facebook. Berühmte Maler, die im Sternzeichen Jungfrau geboren wurden, sind Arnold Böcklin, Nicholas Roerich, Mark Rothko und James Tissot.

Bisher erschienen

WIDDER STIER ZWILLINGE KREBS LÖWE JUNGFRAU WAAGE SKORPION SCHÜTZE STEINBOCK WASSERMANN FISCHE

Lesen Sie auch Sternblick auf die Malerei (ein Interview mit Karin Bat) und die Projektvorstellung Die schönen Künste im Zeichen der Sterne.


Über die Autorin

Karin Bat, Jahrgang 1953; geboren und aufgewachsen in Ostwestfalen; Studium der Literaturwissenschaft, Theologie Philosophie und Wissenschaftsjournalistik; berufliche Tätigkeit in der Erwachsenenbildung und im Verlagswesen; seit 1992 in Österreich beheimatet; eingehende Beschäftigung mit Jungianischer Psychologie und dem Tarot; Beratungen, Seminar- und Vortragstätigkeit.


Karin Bat

Astrologin, Theologin, Philosophin

Auf der Alm 1

A-2500 Baden bei Wien

GSM +43 (0) 664-863 01 22

E-Mail: k.bat@gmx.at

© 2020 Karin Bat | Epiphany | Institut für Kulturgeschichte, Leipzig


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Babylonische Sternkunde

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