• Jimmy Deix

Kann Magie den Krieg in der Ukraine beenden?

Die Ritter der Chaosmagie rufen öffentlich zum Sturz von Wladimir Putin auf. Der russische Kriegsherr soll mithilfe von magischen Beschwörungen zu Fall gebracht werden.

Wenn die politischen Mächte versagen und die militärischen Mächte das Unheil zusehends verschlimmern, welche Möglichkeiten bleiben dann noch, um den schrecklichen Krieg zu beenden und einen Gesellschaftszustand des Friedens herbeizuführen? Zugegebenermaßen nicht sehr viele. Doch wäre es möglich, dass verborgene Kräfte durch das Universum schwirren, mit denen sich die quälende Ohnmacht, als Einzelner gegen den Krieg nichts ausrichten zu können, wirkmächtig durchbrechen lässt? Kann eine okkulte Praktik, genannt Chaosmagie, dabei helfen, die EU, die USA und die NATO von der schlimmsten Geißel zu befreien, der sich die liberalen Demokratien des Westens im Jahr 2022 gegenübersehen?


Die Chaossphäre: Bereits längeres, meditatives Bestaunen des chaosmagischen Sigils ruft merkliche Veränderungen des Wahrnehmungsbewusstseins hervor

Schadenszauber am Kremlchef Die Illuminaten von Thanateros sind ein international verzweigter Ordenspakt, der im losen Gruppenverband Chaosmagie praktiziert. Die besonderen Schulungen des Ordens versprechen dem Ausübenden, Ziele und Wünsche in die Realität umsetzen zu können. Erreicht werden solche Resultate u.a. durch die völlige Ausblendung des eigenen Geistesbewusstseins. Mithilfe ihrer okkulten Praktiken möchten die Adepten der Chaosmagie nun den Sturz von Wladimir Putin herbeiführen und in der Ukraine die Panzerrohre zum Schweigen bringen. In einem öffentlichen Aufruf mit dem Titel »Putins Krieg« richtet Stokastikos, der amtierende Marschall der Knights of Chaos, eine ungewöhnliche Friedensbotschaft an alle Kriegsgegner:


»Dieser Krieg in der Ukraine wurde von einem Mann begonnen, der nicht die uneingeschränkte Unterstützung seiner Verbündeten oder der Bevölkerung seines Landes genießt. Er scheint sich Illusionen hingegeben zu haben, und die Situation könnte sich noch weiter verschlechtern, wenn ihm nicht Einhalt geboten wird. Wir scheinen hier einen klaren Fall zu haben, in dem das Eingreifen gegen eine einzelne Person einen großen Unterschied bewirken kann.«


Hinter dem magischen Ordensnamen Stokastikos verbirgt sich der englische Okkultist Peter J. Carroll, der Ende der 1970er Jahre mit seinen Schriften die Chaosmagie definierte und später den Orden der Illuminaten von Thanateros gründete. In seinem überraschend offenen Aufruf wendet er sich an fähige Magier und ermuntert sie zum Verrat an dem russischen Staatschef:

»Die Knights of Chaos rufen alle Magier in der ganzen Welt auf, sich an magischen Angriffen zu beteiligen, um die Menschen, die Putin am nächsten stehen, gegen ihn aufzubringen«, heißt es in dem dringenden Appell. Friede durch Chaos ist die Losung

Kann ausgerechnet ein Verfahren, das auf einer bestimmten Form von Chaos beruht, Positives bewirken und das Chaos des Krieges in der osteuropäischen Ebene unterbinden? Die Chaosmagie versteht sich nach eigenen Angaben als eine esoterische Strömung der Postmoderne, die sich durch ihre unbekümmerte Einstellung zur Metaphysik auszeichnet. Während die meisten Menschen ein Chaos als Unordnung begreifen, sehen die Illuminaten von Thanateros darin eher eine Art schwangere Leere – eine Welt der Zusammenhänge jenseits des Begreifens. Bereits im alten Ägypten, dem Mutterland der Magie, verstand man das Chaos im kosmogonischen Sinn als Grundursache, aus der das Seiende geordnet hervorgeht! Die Chaosmagie geht davon aus, dass unser Universum auf Wahrscheinlichkeiten beruht, und prüft ihre Theorie anhand von Verfahrensweisen, die Wahrscheinlichkeiten um ein Quantum wahrscheinlicher machen können. Im Liber Null, einem frühen Manifest der Chaosmagie, heißt es:

»Raum, Zeit, Masse und Energie entstammen dem Chaos, haben ihr Wesen im Chaos und werden durch die Wirkung des Äthers vom Chaos durch das Chaos in die vielfältigen Formen der Existenz bewegt.« Der eingeweihte Magus kann diese verborgenen Wirkfelder anzapfen und sie im bestmöglichen Fall für die Allgemeinheit nutzbar machen.


Wie Chaosmagie funktioniert

Zunächst wird ein Sigil angefertigt, das den Wunsch oder das Ziel des Magiers gezeichnet darstellt. Durch ein Aufladungsritual wird die symbolische Bedeutung des Sigils ins Unterbewusstsein befördert, von wo die Absicht des Magiers in Zukunft wirken kann. Später wird das Sigil in einer kleinen Zeremonie feierlich verbrannt. Man muss es nicht tatsächlich den Flammen übergeben, obwohl Feuer in Ritualen am energiereichsten ist. Man kann es auch in Stücke zerschnippeln, in den Mistkübel werfen oder in der Toilette hinunterspülen. Wichtig ist, dass man es vernichtet und nicht mehr daran denkt, und es damit aus dem Sinn bekommt, da man die Bedeutung des Sigils in der Zwischenzeit längst verinnerlicht hat. Durch einen »magischen« Bewusstseinszustand, der durch eine Grenzerfahrung evoziert werden kann (hierfür sind viele praxisnahe Übungen erforderlich), wird ein Mechanismus in Gang gesetzt, der das Unterbewusstsein für magische Effekte arbeiten lässt, wodurch sich in der physischen Realität objektive »Ergebnisse« erzielen lassen. Die chaosmagische Praktik beruht auf Affirmation, Autosuggestion und Selbsthypnose – ihre Gedankenkraft wirkt in den morphischen Feldern.


Das magische Sigil, mit dem die Zernichtung Wladimir Putins bewirkt werden soll

Ehrenritterschlag des Chaos Der zunächst nur an Ordensmitglieder der Illuminaten von Thanateros adressierte Aufruf wurde folglich an alle Personen mit magischen Fähigkeiten ausgeweitet:

»Aufgrund positiver Rückmeldungen aus aller Welt wird die folgende Botschaft zur Verbreitung auf allen verfügbaren Wegen freigegeben. Verbreitet sie an alle möglichen Sympathisanten und Verbündeten in allen esoterischen Traditionen«, heißt es in dem Rundbrief. »Wir verleihen allen Freiwilligen für die Dauer der Kampagne den Ehrenritterschlag des Chaos.«


Dabei ist es nicht leicht, ein Ordensmitglied der Illuminaten von Thanateros zu werden. Die Gruppe hat ein vergleichsweise schwieriges Aufnahmeverfahren und scheint die große Mehrheit der Bewerber abzulehnen. Aufgrund der dringlichen Lage in der Ukraine wird jedoch vorübergehend eine Ausnahme gemacht: »Beschwören Sie individuell und beziehen sie für größere Aktionen Freunde, Verbündete und Partner mit ein. Verbreiten sie die Botschaft.«


Es werden willige Helfer gebeten, Informationen und Bilder von Personen zu verbreiten, die enge Verbindungen zu Putin zu haben, um sie als »magische Verbindungen« nutzen zu können. Damit sollen Angriffe gestartet werden, »um die Menschen, die Putin am nächsten stehen, auf einer unregelmäßigen telepathischen Kriegsführungsbasis mit einer Vielzahl von Techniken zu unvorhersehbaren Zeiten und von vielen Orten aus gegen ihn zu wenden«, so der eifrige Plan der Illuminaten.


Dieses Ziel, dessen sind sich auch andere sicher, könnte durch eine Demontage des Staatschefs der Russischen Föderation, Wladimir Putin, erreicht werden. Um einen gewünschten Regimewechsel herbeizuführen, ist die Ausschaltung des obersten Feindes immer wieder ein probates Mittel gewesen, wie in der jüngeren Vergangenheit die Hinrichtung von Saddam Hussein (2003) oder der Lynchmord an Muammar al-Gaddafi (2011) gezeigt haben. Die Chaosmagier zeigen durchaus Bereitschaft, bei ihren Vorhaben bis zum Äußersten zu gehen:

»Wir wünschen uns, dass man ihm nicht gehorcht und er von seinem eigenen Volk gezügelt oder gemeuchelt wird«, heißt es in dem Aufruf.


Nichts ist wahr alles ist erlaubt

Klingt ein wenig nach Voodoo? Ist es im Grunde auch, jedoch ohne der klischeehaften Vorstellung, sich dabei restlos einem urtümlichen Aberglauben auszusetzen, der diesen Dingen stets anhaftet.

Peter J. Carrolls Manifest der Chaosmagie

Die Chaosmagie versucht, die Natur der okkulten Philosophie durch magische Techniken zu überwinden. Die Perfektionierung dieser Technologie und die Erzielung fruchtbarer Ergebnisse haben Vorrang vor bloßer Philosophie und müßiger Theorie. Die Chaosmagie ist bestrebt, die symbolischen, rituellen, theologischen oder anderweitig ornamentalen Aspekte okkulter Traditionen zu entfernen, sodass eine Reihe grundlegender Techniken zurückbleibt, die sie als die Basis der Magie erachtet. Vertreter der Zunft haben auf religiöse oder okkulte Ansätze der Magie häufig mit Hohn oder Spott reagiert. Die Chaosmagie folgt keinem Kult oder einer Glaubensdoktrin, ist dafür aber durchweg dem heute weit verbreiteten Nihilismus anheim gefallen, der eine absolute Wahrheit oder einen höheren Sinn des Daseins grundsätzlich ablehnt. Nichts ist wahr – alles ist erlaubt, lautet der kühne Wahlspruch der Chaosmagier, den sie Hasan-i Sabbāh, dem Anführer der berüchtigten Assassinen entliehen haben.


Magisches Sigil an einer Mauer im Donbass (Pressebild: RIA Novosti)

Im Mai 2022 erstaunte RIA Novosti mit einer Pressemitteilung, in der vermeldet wurde, ukrainische Truppen würden magische Praktiken einsetzen, um den russischen Invasoren Einhalt zu gebieten. Die staatliche Nachrichtenagentur Russlands veröffentliche ein Foto von einem magischen Sigil, mit dem im Donbass eine Mauerwand beschmiert wurde. Die Moskauer Philosophin und Kulturologin Ekaterina Daĭs erklärte, es handle sich um ein »magisches Sigil der dunklen Mächte«, das den ukrainischen Truppen dafür diene, ihre Kampfmoral gegen die Invasoren zu stärken.

 
 

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