• Jimmy Deix

Shocking! James Bond ist kein Engländer

MYSTERY BOND I – Die Genealogie des Meisteragenten 007 führt auf alten Ritteradel zurück. Beruht seine dauernde Rivalität mit durchgeknallten Bösewichten auf einer alten Familienfehde oder auf einem inneren Seelenkonflikt? Wen wundert, dass er Trinker ist.

Orbis non sufficit – das Wappen der Vorfahren von James Bond aus dem 17. Jahrhundert

Er ist der Inbegriff eines englischen Gentlemans. Schick im Smoking am grünen Tisch gibt er mit seinem goldenen Ronson galant Feuer. Seine feine englische Art ist einfach unwiderstehlich. Cineastischen Puristen wird daher oft bang, wenn ein neuer Schauspieler die Rolle übernehmen soll, der nicht besonders britisch, sondern womöglich Australier oder gar Ire ist. Doch hier ist die große Ernüchterung: James Bond ist kein Engländer und er ist auch kein gebürtiger Brite! Die Genealogie des Superagenten führt uns auf eine andere Spur. Zeit für ein wenig filmhistorische Ahnenforschung.

In Skyfall (2012) kehrt 007 ins vernebelte Glenoce in den schottischen Highlands zurück, um am Grab seiner Eltern Andacht zu nehmen. Bonds schottischer Vater Andrew Bond war ein Ingenieur des Rüstungskonzerns Vickers und als internationaler Waffenhändler tief in den militärisch-industriellen Komplex verwickelt. Bonds Mutter war eine Schweizerin namens Monique Delacroix (von de la Croix – vom Kreuze) aus dem frankophonen Kanton Waadt am Genfer See. Sie stammte aus einer reichen Schweizer Industriellenfamilie mit weitverzweigter Verwandtschaft in ganz Europa. Im erweiterten Kanon der Romanfigur wurde James Bond am 11. November 1920 in Zürich geboren (siehe Young Bond von Charlie Higson). Er ist demnach gebürtiger Schweizer und genau 100 Jahre alt.

Ein echter Swissie: Wenn sich die Gelegenheit bietet, steht 007 immer auf den Brettln

Dies mag ein Grund dafür sein, warum die Schweiz so oft als Kulisse für seine Missionen dient, warum er bei Armbanduhren auf Genfer Präzisionsarbeit Wert legt und warum das ultimative Bondgirl Honey Ryder von einer Bernerin dargestellt wurde, Ursula Andress. Es zeugt aber auch von den bilateralen Beziehungen der Schweiz zum Vereinigten Königreich während des Kalten Krieges, als man im Falle eines Überfalls auf die Bergnation die Verlegung des Schweizer Militärkommandos nach London vorsah und eine paramilitärische Geheimarmee aufbaute (P-24), die erst 1990 aufflog und infolgedessen von der Schweizer Regierung eilig aufgelöst wurde. Diese Bewandtnisse stammen aus keinem Filmplot, sie sind in Geheimdienstkreisen durchaus real. Von den sechs Bond-Filmen, die in der Schweiz gedreht wurden, sind besonders Goldfinger und Im Geheimdienst ihrer Majestät hervorzuheben. Bonds Bergfahrt im Aston Martin über die Serpentinen des Furkapasses und die Filmsequenzen in Mürren, Grindelwald und im Panoramarestaurant Piz Gloria am Schilthorn im Berner Oberland sind ikonische Höhepunkte im Genre des Spionagefilms.

Mann der Berge: James Bond und die Schweiz

Seine Kindheit verbrachte James mit seiner Mutter Monique im Londoner Stadtteil Chelsea und in Basel in der Schweiz – mal gab es Porridge, mal Birchermüsli zum Frühstück! An eine Sesshaftigkeit war aber aufgrund der Berufsreisen des Vaters nicht zu denken. Als James 11 Jahre alt war, erschütterte ein schreckliches Ereignis sein Leben: Bei einer Bergtour in den Aiguilles Rouges in Charmonix kamen bei einem Kletterunfall beide Eltern ums Leben. Ein Vorfall, von dem der plötzlich zum Vollwaisen gewordene Junge ein schweres lebenslanges Traumata davontragen sollte.

Bonds Wappen besteht aus einem Sparren (Chevron), einem ritterlichen Schutzzeichen, das im Mittelalter für Kriegsverdienste verliehen wurde und so wie das Vollvisier auf einen höhergestellten Adelsrang verweisen würde. Dieser symbolische Sparren ist bis heute in militärischen Rangabzeichen zu finden. Die rote Hand links oben ist ein Zeichen der Baronetwürde

In der Verfilmung von Im Geheimdienst Ihrer Majestät (1969) findet Sir Hilary Bray, Genealoge am Royal College of Arms in London heraus, dass Bond aus einer alten aristokratischen Familie stammt und präsentiert ihm das Wappen seines Ahnen Sir Thomas Bond (1627–1685), dem 1st Baronet of Peckham, einem Landbesitzer, Bauunternehmer und Rechnungsprüfer am königlichen Hof. Nach ihm ist die Bond Street in Mayfair benannt, eine der bekanntesten Straßen von Westminster. Sir Thomas’ Urgroßvater Knight George Bond (1534–1592) war Lord Mayor der City of London und in Funktion bei der städtischen Gildenvereinigung, aus der die London Corporation hervorgeht, die in mancher Hinsicht mächtiger ist, als das Königshaus selbst. Die Spur verliert sich bei Robert Richard Bond de Lutton aus Cornwall (1378–1432), von dem noch heute ein Taufbecken existiert. Bond ist einer von vielen Namen, den die Normannen mitbrachten, als diese im Jahr 1066 England eroberten (vom altengl. bzw. sächs. bonda oder bunda, was schlicht »Landwirt« oder »Bauer« bedeutet). Im Spruchband am unteren Ende des Wappens steht das lateinische Familienmotto der Bonds geschrieben, orbis non sufficit, was sich übersetzten lässt mit »Die Welt ist nicht genug«.

Verkappter Aristo? George Lazenby war der einzige Bond, der Hemden mit Rüschenkragen trug

Die Phrase stammt von dem römischen Dichter Lukan aus dem 1. Jahrhundert, der damit schurkische Meuterer und ehrgeizige Cäsaren verhöhnte. Die Megalomanie, die er damit zum Ausdruck bringt, ist eigentlich die Maxime von Bonds Rivalen mit ihren größenwahnsinnigen Weltbeherrschungsplänen.


Nach dem Tod seiner Eltern übernahm Tante Charmian Bond die Vormundschaft über den Jungen. In Canterbury in der Grafschaft Kent entwickelte er seine verfeinerte Art, die ihn so englisch erscheinen lässt, diesen unwiderstehlichen Charme, der ihm in vielen Lebenssituationen an sich wie eine Waffe dient. Trotz der Herkunft seines Vaters spricht James ohne schottischem Akzent, sondern in einem elitären südenglischen Akrolekt, dem sogenannten »Queen’s Englisch«. Allein dafür lohnt es sich, die Bond-Filme in der englischen Originalversion zu sehen. Alle Darsteller von James Bond nahmen ein Sprachcoaching dafür in Anspruch, um die Redensweise perfektioniert auf die Leinwand zu bringen. Es ist ein versnobtes Englisch, das in Wirklichkeit nur die wenigsten Briten tatsächlich beherrschen.

Spielsüchtig, sexsüchtig, amphetaminabhängig und daueralkoholisiert. Rauchen kann tödlich sein. Aber nicht immer

James Bonds Persönlichkeit zeigt eine gelassene, überlegene und weltgewandte Art, doch innerlich peinigt ihn das erlittene Traumata seiner Kindheit. Dies äußert sich in Trieben und Süchten, denen er sich notorisch hingibt. Er ist Schweralkoholiker, starker Kettenraucher (bis zu 70 Zigaretten am Tag), spielsüchtig, sexsüchtig und amphetaminabhängig und mischt Benzedrin mit Champagner. Laut einer vom British Medical Journal veröffentlichten Studie, nimmt Agent 007 in 12 Romanen sage und schreibe 1150 alkoholische Getränke zu sich. Allein im Roman Im Geheimdienst Ihrer Majestät konsumiert Bond sechsundvierzig Getränke: Weine von Pouilly-Fuissé, Riquewihr und Marsala, den Großteil einer Flasche algerischen Weins, etwas 1953er Château Mouton Rothschild Claret, dazu Champagner von Taittinger und Krug und Babycham; an Whiskys konsumiert er drei Bourbon mit Wasser, ein halbes Pint I. W. Harper Bourbon, Jack Daniel’s Whiskey, zwei doppelte Bourbons on the rocks, zwei Whiskey Soda, zwei Scotch pur und ein Glas Whiskey pur; der Wodka-Konsum belief sich auf vier Wodka Tonic und drei doppelte Wodka Martinis; zu den anderen Spirituosen gehörten zwei doppelte Brandys mit Ginger Ale, eine Flasche Enzian Schnaps und ein doppelter Gin. Dazu gab es vier Krüge deutsches Bier.

Bonds Zerrissenheit ist die eines verkappten Aristos, der inneren Qualen ausgesetzt ist, vom Leben gepeinigt. Nur Adrenalin und durch brutale Gewalt ausgeschüttete Endorphine können seinen Schmerz lindern.

Ian Fleming (1908-1964) in jungen Jahren

Als Ian Fleming Bond erfand, schrieb er im Grunde über sich selbst. Die innere Zerrissenheit seiner Romanfigur ist wohl auch seiner sadomasochistischen Veranlagung geschuldet, einer Neigung, die viele Briten entwickeln, wenn sie von ihren Eltern in ein Internat gesteckt werden.

Zigaretten und Alkohol waren auch sein Lebenselixier und er war verrückt nach Frauen und Autos (seine Ehefrau nannte ihn »Thunderbird«). Seine Familiengeschichte weist durchaus Ähnlichkeiten mit der von ihm geschaffenen Figur auf. Er war der Spross einer schottischen Bankiersfamilie. Als Hersteller von Jutestoffen, die im amerikanischen Bürgerkrieg für Sandsäcke verwendet wurden, verdiente sein Großvater Robert Fleming ein Vermögen. Das Bankhaus Robert Flemings & Co wurde im Jahr 2000 um 7 Milliarden Dollar an die Chase Manhattan Bank verkauft (Rockefeller). Der Mädchenname seiner Mutter lautete Evelyn Sainte Croix de Rose (1885–1964), der dem Namen von Bonds Mutter (Delacroix) frappierend ähnelt. Sein Vater Valentine Fleming (1882–1917) war Abgeordneter im House of Commons und fiel im I. Weltkrieg im deutschen Kugelhagel, als Ian neun Jahre alt war. Er liegt am britischen Militärfriedhof in Templeux-le-Guérard begraben. Den Nachruf in The Times schrieb sein enger Freund Winston Churchill. Durch seinen Einfluss half dieser seinem Sohn Ian am Eton College, das auch Bond besuchte, durch die Prüfung. Musterschüler waren beide keine: Ian Fleming war gut im Sport, besaß ein Auto und war ein Schürzenjäger, aber seine schulischen Leistungen waren schwach; Bond flog nach dem zweiten Semester vom College, weil er ein Mädchen sexuell bedrängt hatte – als Dreizehnjähriger!


Obwohl James Bonds Vater Schotte und seine Mutter Schweizerin ist, scheinen seine Ahnen aus der englischen Aristokratie zu stammen. Ein bemerkenswerter Widerspruch, wie es scheint. Mehr Kontinuität kann man von den Filmemachern von Eon Productions nicht erwarten. Laut John Pearson, einem ehemaligen Assistenten Flemings, erblickte James Bond nicht in Zürich sondern in Wattenscheid das Licht der Welt, einem heutigen Bezirk von Bochum, und wäre demnach gebürtiger Deutscher. Er ist und bleibt ein International Man of Mystery.





Lesen Sie auch MYSTERY BOND II Tod, Sex, Magie & Okkultismus


93 Ansichten

Ähnliche Beiträge

Alle ansehen