• Jimmy Deix

Tod, Sex & Okkultismus: 007 & die Pforten der Wahrheit

MYSTERY BOND II – Die dunkleren Facetten des schillernden Roman- und Filmhelden James Bond, einem »Narren« im Dienste der Regierung, der durch die Prophezeiungen des Tarot und ein geheimes Ritual zum Eingeweihten wird.

Bondgirl Solitaire, die Hohepriesterin

Ein Mann wird kommen und er wird Gewalt und Zerstörung bringen – so sagen es die Karten des Schicksals voraus. In Leben und sterben lassen (1973) – die erste Bond-Episode mit Roger Moore in der Titelrolle – marschiert der frischgebackene Superagent nach seiner Landung in New York schnurstracks in einen obskuren Esoterik-Laden. Das Sortiment im Oh Cult Voodoo Store in East Manhattan ist nichts für schwache Nerven: Totenköpfe für Rituale, magische Zauberpulver und Essenzen und Duftkerzen mit dem Warnhinweis »Do Not Smell« …


Mystery Shopping: Agent 007 besucht in New York ein obskures Fachgeschäft für Esoterik

Ein solches Setting war für einen Bond-Film dieser Ära nicht abwegig. Greenwich Village und die Lower East Side waren damals Artsy, Hippie, Gipsy & Fairy – ein Hotspot der Gegenkultur für Okkultisten, New Agers und Sonderlinge aller Art, als ganz New York gerade begann, zu diesen herrlichen Drecksloch zu verkommen, voller Drogen und Kriminalität. Im Warlock Shop (später The Magickal Childe), einem okkulten Bookstore für Magie und Hexenkunst, kauften nicht nur John & Yoko ihre Bücher, auch Linda und Paul schauten vorbei. Als Wings steuerten die beiden Letzteren ihr fulminantes Titellied Live and Let Die zum Film bei, das eine völlig verkommene Moral beschreibt und dabei ohne jegliche Andeutung einer Ironie auszukommen scheint: »Wenn du einen Job zu erledigen hast, musst du ihn gut machen und dem anderen die Hölle bereiten …«


Ein böses Omen: Wahrsagerin Solitaire zeigt Agent 007 die Trumpfkarte Nr. 0 – »Der Narrr« ... doch er ist eine Doppelnull

James Bond 007 begegnet später der geheimnisvollen Hellseherin Solitaire (Jane Seymour), die nicht nur wusste, dass er kommen würde, sondern noch schlimmeres Unheil vorausahnt, nachdem sie die Karten der Weisheit konsultiert: Trumpf Nr. 0 – Der Narr. Ein Weißer, der sich am hellichten Tag nach Harlem wagt, muss verrückt sein. Solitaire ist ein übersinnliches Medium, doch um sich ihre Fähigkeit zu erhalten, muss sie Jungfrau bleiben. Weil sie sich der Männerwelt entzieht, wird sie von den Einheimischen auf der Karibikinsel San Monique »Solitaire« genannt. Als der charmesprühende Agent 007 bei ihr die Trumpfkarte Nr. VI – Die Liebenden – aus dem Stapel zieht, zeigt sie Schwäche.


Das im Film verwendete Tarot-Kartendeck von Fergus Hall war in den 70er Jahren als Merchandise zum Film erhältlich

Alle esoterischen und magischen Aspekte – Bond ist ein hochintelligenter Rationalist – werden in Leben und Sterben lassen weitgehend banalisiert. Wirklich gut tut das dem Film nicht und es bleibt die Inszenierung als Spektakel. Es ist ein Problem-Skript der sichtlich vom Erfolg verwöhnten Filmfirma Eon Productions. Der afroamerikanische Schauspieler Yaphet Kotto, der Dr. Kananga (Mr. Big), den korrupten Premier der Karibikinsel San Monique darstellt, hielt es für »stereotypen Mist«.


Leben und sterben lassen wird so zu einem üblen Cocktail aus Heroin und praktizierter Zeremonialmagie. Mit Voodoo-Zauber, Giftschlangen und donnerndem Gelächter schüchtert Baron Samedi (Geoffrey Holder) die Einheimischen auf San Monique ein, um sie von den Mohnfeldern fernzuhalten, die zur Herstellung von Heroin dienen, mit dem sein Boss Dr. Kananga (Mr. Big), der korrupte Premier der Karibikinsel, der gerade auf einem Kongress der Vereinten Nationen in New York weilt, den Drogenmarkt in den USA zu überschwemmen beabsichtigt.


Der hysterische Charakter des Baron Samedi hat einen durchaus realen Hintergrund und zwar in zweierlei Hinsicht: In der Folklore Haitis wird er als »Meister des Friedhofs« und »Herr des Todes« verehrt. Er trägt einen Frack mit Zylinder und entsteigt als Skelett seinem Grab. Seine jährliche Auferstehung im November erinnert frappant an den Día de Muertos, den mexikanischen Gedenktag an die Verstorbenen, der in der Eröffnungssequenz von Spectre (2012) ungemein pittoresk ins Bild gesetzt wurde. Baron Samedi wird schließlich von James Bond in einen Sarg voller Giftschlangen geworfen. Als Schlussgag des Films taucht Baron Samedi jedoch wieder auf und sein gutturales Gelächter erschallt, obwohl ihn Bond getötet hatte. Ian Flemings Prämisse Du lebst nur zweimal verliert damit ihren scheinbaren Widersinn.


Baron Samedi, ein Jester und Priester der Voodoo-Magie
BOND: »Mein Name ist …« MR. BIG: »… Namen sind was für Grabsteine. Schafft den Weißen raus und macht ihn fertig!«

⸺Aus Leben und sterben lassen


Unsterblich sind auch James Bonds Einzeiler in den Filmdialogen, etwa bei Getränkebestellungen oder seiner berühmten Introduktion: »Mein Name ist Bond James Bond«. So stellt sich der Agent im Geheimdienst ihrer Majestät persönlich vor, wenn er einen höflichen Tag hat. Zuerst seinen Familiennamen zu nennen und ihn anschließend mit seinem Vornamen zu personalisieren, ist eine sehr höfliche Umgangsform, die bereits in den 60er Jahren als vorgestrig galt und daher schon damals als besonders galant und vornehm empfunden wurde. Doch hinter dieser Förmlichkeit guten Benehmens verbirgt sich mehr: Es ist eine Code für ein geheimes Ritual.

Die Trumpfkarte Nr. II - Die Hohepriesterin - zeigt die Säulen mit den Buchstaben J und B (Boaz & Jachin), die den Initialen von James Bond entsprechen

Er beschreibt die Toröffnung zum Mysterium des Salomonischen Tempels von Jerusalem, der von zwei Säulen flankiert war, die Boaz und Jachin hießen, die beiden Wächter des Gotteshauses auf Erden. In vielen Darstellungen dieser Bibelüberlieferung sind diese Säulen mit den Buchstaben B & J markiert, die den Initialen von James Bond entsprechen.

Der Name James Bond impliziert daher, dass er in den Tempel eingedrungen ist. Nur wenige Auserwählte sind dazu auserkoren, diese Pforte durchschreiten zu dürfen. Befindet man sich nun im inneren des Tempels, so wechseln die beiden Säulen ihre Seiten. Die weiße Säule (Jachin), die zuvor rechts stand, befindet sich nun links, und die schwarze Säule (Boaz), die zuvor links stand, steht nun rechts. Dadurch verändert sich die Anordnung der Initialen und B & J wird zu J & B. In seiner berühmten Selbstvorstellung durchschüttelt Bond, James Bond, die Reihenfolge, und besagt damit, dass er im inneren des Tempels und somit ein Eingeweihter ist.

Eine Bond-Mission ist gefährlich, ein permanentes Nahtoderlebnis, das nehmen bereits die brisanten Filmtitel vorweg: Man lebt nur zweimal Leben und sterben lassen In tödlicher Mission Im Angesicht des Todes Der Hauch des Todes Lizenz zum Töten Der Morgen stirbt nie Stirb an einem anderen Tag Keine Zeit zu sterben

Die Schrecknisse, die Bonds harter Beruf mit sich bringt und die Torturen, die er über sich ergehen lassen muss, wenn er in die Fänge seiner Feinde gerät, sind grundwesentlicher Bestandteil dieses Rituals.


Es ist wenig wahrscheinlich, dass Ian Fleming deshalb den Namen James Bond für seine Figur wählte, aber es besteht kein Zweifel, dass Flemings James Bond aus der okkulten Welt geboren wurde. Flemings Schreibe war ein Amalgam aus vielen esoterischen Dingen, und nahm auf subtile Weise Anleihen bei Alchemie (Goldfinger), der Stein der Weisen (Diamantenfieber) Zahlenmagie (007; Le Chiffre) Sonnensymbolik (Der Spion der mich liebte) oder Ritualmagie (Man lebt nur zweimal).

Aleister Crowleys Roman »Moonchild« (1929) inspirierte Ian Fleming zu seinem Buchtitel »Moonraker«

»Flemings Faszination für das Okkulte, die Alchemie und die Magie führte ihn schließlich in die Arme des weisen alten Magus Aleister Crowley«, erklärt Philip Gardiner, Autor von The Bond Code. Crowley schrieb ein Buch mit dem Titel Moonchild – Fleming nannte eines seiner Bücher Moonraker; Crowley schrieb ein Buch mit dem Titel 777 – in Flemings letztem Buch Man lebt nur zweimal wird Bond befördert und erhält die neue Dienstnummer 777. Auch Crowleys Praktiken der Sexualmagie (Sex Magick) schlugen sich in der Promiskuität seines Helden deutlich nieder.


Die meisten Bondgirls haben Erfahrungen mit Männern, wenn sie Bond treffen, und oft waren diese nicht positiv. Viele haben sexuelle Gewalt erfahren, was dazu geführt hat, dass sie sich von allen Männern entfremdet fühlen – bis Bond auftaucht. Tiffany Case (Diamantenfieber) wurde als Teenager gruppenvergewaltigt; Honey Ryder (James Bond jagt Dr. No) wurde als Teenager von einem betrunkenen Bekannten verprügelt und vergewaltigt; Pussy Galore (Goldfinger) wurde im Alter von 12 Jahren von ihrem Onkel sexuell missbraucht; Kissy Suzuki (Man lebt nur zweimal) erzählt Bond, dass sie während ihrer kurzen Karriere in Hollywood, als sie 17 Jahre alt war, dachte: »Weil ich Japanerin bin, dachte man, ich sei eine Art Tier und mein Körper sei für alle da.«

Ikonischer Tod eines Bondgirls: Jill Masterton (Shirley Eaton) in »Goldfinger«

Fleming und Crowley kannten einander persönlich. Im II. Weltkrieg bot der Okkultist dem damaligen Offizier des britischen Marinenachrichtendienstes seine Dienste als astrologischer Fachberater an, nachdem Rudolf Hess überraschend in Großbritannien gelandet war. In einem Brief an Fleming heißt es:


»Sir, wenn es stimmt, dass Herr Hess stark von Astrologie und Magie beeinflusst ist, könnten meine Dienste dem Ministerium von Nutzen sein, falls er nicht bereit sein sollte, Ihren Wünschen nachzukommen. Ich habe die Ehre, Sir, Ihr gehorsamer Diener zu sein, Aleister Crowley.«


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