• Jimmy Deix

Omicron: Eine fast unglaubhafte Geschichte

Ein bizarrer italienischer Science-Fiction-Film aus den 1960er-Jahren taucht wieder aus der Versenkung auf. In dieser sozialkritischen Humoreske ist OMICRON ein Außerirdischer, der von der Welt Besitz ergreift.

Es ist naheliegend, dass sich Cineasten mit gut sortierter DVD-Sammlung dieser Tage gerne im Regal mit den »Kuriositäten« vergreifen, denn der Titel dieses heute längst vergessenen Filmwerks lässt wieder hellhörig werden: OMICRON – eine italienische Science-Fiction-Komödie aus dem Jahr 1963, die nicht nur wegen ihres prägnanten Titels jeden Alarmisten in Bereitschaft versetzt, sondern erst recht wegen ihrer turbulenten Handlung, denn es hätte schlimmer nicht kommen können: In diesem alten Schwarzweißfilm drohen Außerirdische unseren Planeten Erde in Besitz zu nehmen!

Nachdem die Weltgesundheitsorganisation WHO Ende November 2021 der neuen Mutationsvariante von SARS-CoV-2 den Namen Omikron verlieh, schieben Kinofreunde aus aktuellem Anlass die DVD wieder öfter in den Laufwerkschlitten ihrer Player.


Ein gellender Schrei erschüttert die trostlosen Mauern einer Wohnbausiedlung in einem Turiner Vorort, als eine junge Kindsmutter in einem Stapel aufgetürmter Kanalrohre die Leiche des Fabrikarbeiters Angelo entdeckt. Während die Polizei nach Hinweisen sucht – der Tote soll in den letzten Tagen an Einschlafschwierigkeiten gelitten haben –, stellen die Gerichtsmediziner im Leichenschauhaus fest, dass die Leiche gar nicht tot ist – Angelo lebt!


Ein Alien namens »Omicron« von der galaktischen Föderation Ultra hat sich im Körper des Erdbewohners eingenistet, um mehr über unsere Schwächen zu erfahren, da er und seine Gattung aus dem All die böse Absicht im Schilde führen, den Planeten Erde zu übernehmen und eine neue Weltordnung einzuführen.

Dies ist die groteske Ausgangssituation der Handlung, die zunehmend an Fahrt aufnimmt, als der bettlägrige Scheintote aus dem Sektionssaal ausbüxen möchte, und dabei auf allen Vieren einem weißen Versuchskaninchen aus dem Labor folgt, das ebenfalls auf der Flucht ist.


Würde man dem Film adeln wollen, wären die Prädikate »besorgniserregend« aber »ungefährlich« durchaus zutreffend!

Kinoprogramm

OMICRON war unter dem Titel Herr Doktor, die Leiche lebt auch in den deutschen Kinos zu sehen. Die Logline auf dem Filmplakat lautete: Eine fast unglaubhafte Geschichte.

Filmdienst, das katholische Portal für Kino und Filmkultur, schreibt über das für manche sicher gewöhnungsbedürftige Kinoerlebnis:

»Ein Fabelwesen von einem anderen Stern bemächtigt sich des Körpers eines italienischen Fabrikarbeiters, um eine Invasion der Erde vorzubereiten. Ein ganz auf komische Wirkung bedachter, anfangs amüsanter, später aber immer konfuser werdender Science-Fiction-Film mit einigen geschmacklichen Entgleisungen.«

Zugegeben, OMICRON ist ein ein etwas anstrengendes Leinwanderlebnis, aber das sind gnadenlose Komödien eigentlich immer. Der nicht minder schräge Soundtrack stammt von dem italienischen Orchesterleiter Piero Umiliani, der heute bei weitem weniger berühmt ist wie seine Kollegen Ennio Morricone oder Nino Rota, der jedoch viel zur Entwicklung experimenteller Filmmusik in Europa beitrug.

»Der Humor ist nicht wenig verschroben, viele überaus amüsante Momente bilden ein Wechselspiel mit exzentrischen Eigenheiten«, schreibt Gerald Kuklinski, Filmkritiker des Portals Italo Cinema. »Ich fand ›Omicron‹ zu Anfang recht nervig und habe mich erst im weiteren Verlauf so richtig auf dessen Stil und Komik einlassen können.«


Angelo – oder zutreffender gesagt Omicron, jener Außerirdische, der Angelos Körper subsumierte – treibt jede Menge schrullige Faxen, da er Schwierigkeiten hat, seine Motorik an die starren Glieder eines nunmehr mausetoten Malochers anzupassen. Da er die menschliche Sprache kaum entschlüsseln kann, bleibt er stumm und zeigt Pressefotografen, die von der Sache Wind bekommen haben, die ausgestreckte Zunge. Wie an solchen Dreistigkeiten erkennbar wird, punktet der Film auch mit angemessener Gesellschaftskritik.


»Mit sichtlichem Spaß agiert Renato Salvatori, der die anarchische Hauptrolle bekam«, befindet Italo Cinema. Drei Jahre nach OMICRON war Salvatori in der österreichisch-italienischen Filmkomödie Bel Ami 2000 oder Wie verführt man einen Playboy? zu sehen. Er spielt an der Seite von Peter Alexander den Chefredakteur eines Lifestyle-Magazins namens Guy Schock. Nachdem er mit großen Regisseuren wie Luchino Visconti (Rocco und seine Brüder), Bernardo Bertolucci (La Luna) und Roberto Rossellini (Es war Nacht in Rom) zusammengearbeitet hatte, entwickelte sich Renato Salvatori zu einem der stärksten Charakterdarsteller Italiens.

Auch wenn das italienische Kino für seine massenhaft produzierten Schundfilme – die sogenannten »Giallos« – berüchtigt ist, stammt die Güte von OMICRON keineswegs aus der untersten Schublade. Zum Einen zeigt die sozialkritische Utopie beinahe expressionistische Züge, zum anderen weist sie einen stilistischen Realismus ohne Rührseligkeiten auf, was gewiss auch davon herrührt, dass Regisseur Ugo Gregoretti (1930–2019), der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, eigentlich den Filmjournalisten und Dokumentarfilmern zugerechnet wird. Er galt als witziger und ironischer Beobachter der Bräuche im Fernsehen.


»Die Neigung zur Satire, verbunden mit der Sensibilität für politische und soziale Themen, ist das Hauptmerkmal seiner Filme«, vermerkt das römische Wissenschaftsinstitut Treccani. Die italienische Website Fantafilm, die sich mit wissenschaftlicher Fantastik in Filmen befasst, bewertet Gregorettis OMICRON aus heutiger Sicht, jedoch nicht ohne der darin gezeigten Sozialromantik einer industrialisierten Kommune während des historischen miracolo economico zu huldigen:


»Jahrzehnte später erweist sich Omicron als thematisch aktuelles Werk und interessantes Zeugnis einer Epoche, eines Querschnitts durch das italienische Leben der 1960er Jahre: Die Fabrikumgebung mit ihrem Lärm, den Maschinen, den Arbeitsschichten und der Hausbibliothek – eine mühsame Brücke zu einer utopischen Akkulturation – fotografiert einen realen Zustand, ein kleines Universum, das heute zu oft vergessen oder schwer zu glauben ist.«


Obwohl es sich bei OMICRON um Science Fiction handelt, kommt der Film gänzlich ohne Spezialeffekte aus. Alle Aspekte der Handlung, durch die er sich diesem Genre zuordnen lässt, sind rein metaphysischer Natur. Auch auf dessen gesellschaftspolitischen Belange wirft Fantafilm ein helles Licht:

»Gregorettis Film ist ein intelligentes Beispiel für militantes Kino, getarnt als Parodie auf Science-Fiction-Filme. Einerseits glättet der sanfte und maßvolle Humor die intellektualistischen Instanzen des politischen Diskurses, andererseits verleiht er einem Protest, der die Würde des Menschen als Person zurückfordert, unmittelbare Resonanz.«


Natürlich verblüfft die Namensgleichheit des Films mit der derzeit vorherrschenden Variante von Covid-SARS-2. Und wieso tritt eine virologische Bezeichnung für eine biochemische Evidenz auch in der Science Fiction in Erscheinung? In der Astronomie wird der jeweils 15. Stern eines Sternbildes Omikron genannt, weshalb Science-Fiction-Autoren für ihre Weltraumgeschichten gerne auf diesen klangvollen Namen zurückgreifen. Einige Beispiele aus der Himmelskunde sind: Omikron Persei (Perseus), Omikron Ceti (Walfisch), Omikron Leonis (Löwe), Omikron Piscium (Fische) und Omikron Ursae Majoris (Großer Bär).


Die Entscheidung der WHO, neue Mutationen der grassierenden Weltplage nach Schriftzeichen des griechischen Alphabets zu benennen, um auf diese Weise ihre Herkunftsbezeichnung zu vermeiden, erweckt erst recht neue Assoziationen. Der italienischen Filmkomik zufolge stammt Omikron nicht aus Südafrika, erst recht nicht aus einem asiatischen Forschungslabor, sondern aus einer fernen Galaxie.

Der Film OMICRON im italienischem Originalton (film completi)


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