• Jimmy Deix

Platon & Jazz: Sidney Poitiers philosophisches Vermächtnis

Metaphysik auf Schallplatte: Schauspieler Sidney Poitier rezitiert Auszüge aus Platons Werken zu Jazzmusik.

Das Attentat auf John F. Kennedy lag erst wenige Monate zurück und der dunkle Schatten, den dieses Ereignis über die amerikanische Gesellschaft legte, sollte sich noch lange nicht lichten. Besonders für die afro-amerikanische Gemeinschaft, für die der junge Präsident, der sie erstmals in die allgemeine Wählerschaft einbezog, ein großer Hoffnungsträger war, bedeutete dieser Verlust einen schweren Rückschlag. In diesem Vakuum veröffentlichte Warner Brothers 1964 die Langspielplatte Poitier Meets Platon, auf der Schauspieler Sidney Poitier (1927–2022) Auszüge aus Platons Werken rezitiert. Es mag nur einer von vielen bahnbrechenden Gedanken Platons gewesen sein, doch er war der erste Philosoph der Welt, der bereits vor 2400 Jahren ausdrücklich auf die Möglichkeiten einer allgemeinen Gleichberechtigung einging. Platon auf Vinyl herauszubringen war ein kleiner aber beherzter Versuch, der klassischen Philosophie der Antike zu einer breiteren Popularität zu verhelfen. Bei diesem Versuch, der heute bestenfalls eine Kuriosität darstellt, ist es auch geblieben. Immerhin aber bringt Poitier in weniger als 30 Spielminuten zahlreiche wegweisende Gedanken Platons zur Sprache, etwa dass die bestmögliche Regierung diejenige wäre, wenn ein Philosoph König wird (»The Philosopher-King Must Rule«).

Der Stellenwert der Frau in der Gesellschaft (»Woman’s Place in Society«) war für Platon gleichgestellt, weil die Gleichberechtigung faktisch in allen Bereichen gegeben sei. Außerdem glaubte Platon an Reinkarnation und dass die menschliche Seele geschlechtslos sei und die Geschlechter von Leben zu Leben verändern könne. Ein Philosoph war Sidney Poitier bekanntermaßen keiner, sondern in erster Linie Schauspieler:

»Wenn Sie Vernunft und Logik auf meine Karriere anwenden, werden Sie nicht sehr weit kommen«, hat er über seinen Beruf einmal angemerkt. »Ich musste die Action-Fans, die Romantik-Fans und die intellektuellen Fans zufrieden stellen. Das war eine ungeheure Belastung.«


Jackie Barnett presents: Poitier Meets Plato (Full Album)


Seite 1

1. The Philosopher-King Must Rule

2. This I Know – That I Know Nothing

3. Contribution of Music and Gymnastics

4. Immortality of the Soul

5. The Greeks Had a Word for it

Seite 2

6. Our World a Cave

7. Woman’s Place in Society

8. Discovery of the Good Life

9. Only the Wise are Brave

10. The Penalty is Death


Produziert wurde die Platte von Jackie Barnett (1920–1993). Der Komponist, Autor und Regisseur konzipierte Shows in Las Vegas (Playgirls), schrieb spezielles Material für Fernseh- und Nachtclub-Komödianten (Jimmy Buffet) und produzierte mehrere Alben für Warner Brothers.


Die Musikgestaltung übernahm Fred Katz (1919–2013), der alle zehn Musiktitel komponierte und dirigierte. Musikhistorisch relevant ist, dass Katz als erster das klassische Cello als Soloinstrument in die Jazzmusik einführte (Zen – The Music of Fred Katz).


Die Auswahl und Anordnung der Textpassagen dieses Albums sind die Arbeit von Dr. Henry L. Drake, einem Scholar des Platonismus. Drake veröffentlichte 1958 The People’s Plato, ein populäres Buch über den großen Metaphysiker. Das Vorwort verfasste niemand geringerer als Manly Palmer Hall, Gründer der Philosophic Research Society in Los Angeles, dem ebenfalls an einer breitenwirksamen Verbreitung antiker Philosophie gelegen war. Drake stand Halls Gesellschaft drei Jahrzehnte lang als Vize-Präsident vor.


Das Plattencover – es zeigt Poitier wild in einem Buch blätternd – wurde von dem Fotografen und Grafikdesigner Ed Thrasher (1932–2006) gestaltet. Von ihm stammen auch zahlreiche ikonische Bildportraits von Frank Sinatra oder das Albumcover zu Are You Experienced von Jimi Hendrix.

Immerhin wurde Poitier Meets Plato vier Jahre später erneut auf Schallplatte aufgelegt, diesmal unter dem mystischeren Titel Journey Inside the Mind (1968).


Die amerikanische Musikdatenbank AllMusic gibt der Platte vier Sterne und Rezensent Jason Ankeny vermerkt:

»Sidney Poitier trifft Platon auf Journeys Inside the Mind, einer kaleidoskopischen Fusion aus gesprochener Poesie, Modern Jazz und griechischer Philosophie, die zu den wirklich einzigartigen Momenten in der Geschichte der Populärmusik gehört. Poitiers sonore Stimme hat einen Rhythmus und eine Intensität, die zutiefst jazzig sind, mit einer intellektuellen Schärfe, die das vorliegende Material ideal ergänzt, während die Arrangements von Fred Katz die metaphysische Transzendenz des Spiritual Jazz anstreben. Das Beste von allem ist, dass das Album nicht vor den theoretischen Extremen des platonischen Idealismus zurückschreckt – Poitiers Reise führt den Hörer auf einige tiefe, dunkle Pfade.«


Rat mal, wer zum Essen kommt (1968) war einer seiner bekanntesten Filme im deutschsprachigen Raum. Die Geschichte handelt von Ressentiments gegenüber Schwarzen unter der liberalen Gesellschaft der 1960er Jahre, brillant dargestellt durch Katherine Hepburn und Spencer Tracy. Das leidige Thema Rassismus war im Subtext seiner Rollen meistens enthalten. Sidney Poitier hat weit mehr für die afroamerikanische Bevölkerung getan als so mancher Bürgerrechtsvertreter heutigen Zuschnitts. Ein Bürgerrechts-Aktivist war Sidney Poitier eigentlich nie, auch wenn das alle Zeitungen heute behaupten, etwa weil er 1963 am Civil-Rights-Marsch in Washington teilgenommen hat. Er gab der schwarzen Bevölkerung ein neues Selbstvertrauen.

Sidney Poitier war dafür Wegbereiter, dass Schauspieler wie Morgan Freeman, Denzel Washington, Will Smith u.a. ihre Filmrollen heute von Stereotypen befreit annehmen können. Die Selbstverständlichkeit, mit der er auf Poitier Meets Plato einem Griechen seine Stimme gab, zeugt davon.

 

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