• Jimmy Deix

Known knowns, known unknowns, unknown unknowns oder die Wirklichkeit des Scheinbaren

Wie eine rhetorische Stilblüte von Donald Rumsfeld zu einem erkenntnistheoretischen Lehrstück über die Grenzen der menschlichen Kenntnis wurde.


Kriegsgründe sind vielfältig und komplex und selbst im Nachhinein gelingt es nur äußerst schwer, die tatsächlichen Zusammenhänge und Ursachen für einen Gewaltkonflikt in all ihren Widersprüchen zu begreifen oder zu verstehen. Davon zeugt allein, dass die Aufarbeitung von Kriegsakten die Historiker jahrzehntelang beschäftigt und oft noch länger. In der Hitze des Gefechts ist die camouflierte Faktenlage und deren Beurteilung oder Einschätzung erst recht der Fragwürdigkeit ausgesetzt, da sie einer bewährten Prämisse auf dem Felde zu folgen scheint, dem Tarnen und Täuschen. Der strategische Wissenskampf um den Fluss von Informationen ist nicht minder von Bedeutung wie die Truppenstärke und Waffenarsenale und der breite Spagat zwischen Information und Desinformation verläuft so diametral entgegengesetzt wie die Standpunkte der rivalisierenden Kontrahenten selbst, oder die Dissonanzen zwischen geheimgehaltener Information und offenkundiger Propaganda.


Seine Verfahrensformel für die Verifizierung von Information in Angelegenheiten der Staatssicherheit nannte uns Donald Rumsfeld (1932–2021) vor nunmehr 20 Jahren bei einer Pressekonferenz im Pentagon am 12. Februar 2002. Auf den Hinweis eines Reporters, dass es für die vermuteten Massenvernichtungswaffen im Irak keine Beweise gäbe, argumentierte der damalige Verteidigungsminister der USA mit seiner berüchtigt gewordenen Erklärung der drei Kenntnisarten im Zusammenhang mit Kriegsinformationen. Diese lautete:

»Reports that say that something hasn’t happened are always interesting to me, because as we know, there are known knowns; there are things we know we know. We also know there are known unknowns; that is to say we know there are some things we do not know. But there are also unknown unknowns – the ones we don’t know we don’t know.«
»Berichte, die besagen, dass etwas nicht vorgekommen ist, sind für mich immer interessant, denn wie wir wissen, gibt es known knowns, also Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie wissen. Wir wissen auch, dass es known unknowns gibt; das heißt, wir wissen, dass es einige Dinge gibt, die wir nicht wissen. Aber es gibt auch unknown unknowns – das, von dem wir nicht wissen, dass wir es nicht wissen.«

Aus dem Pressesaal des Pentagons schallte Gelächter. Man war sich für einen Augenblick nicht sicher, ob man eben Gehörtes prägnant oder eher schwammig empfinden sollte und unter den akkreditierten Medienvertretern verfestigte sich zunehmend der Eindruck, gerade einem surrealen Moment ausgeliefert gewesen zu sein.


Für den übermäßigen Gebrauch des Wortes »know« – Rumsfeld strapazierte es in nur einem Satz sage und schreibe 14 Mal (!) – wurde der ranghohe Sicherheitspolitiker im Folgejahr mit dem Foot In The Mouth Award ausgezeichnet, einem Schmähpreis, der einer öffentlichen Person für eine verblüffende Bemerkung verliehen wird. Die englische Redewendung »foot in the mouth«, namensgebend für den Preis, bezeichnet eine peinliche oder unüberlegte Aussage in einem besonders unpassenden Moment – der berühmte Tritt ins Fettnäpfchen! Die Londoner Lehrredaktion Plain English Campaign, die den Award jährlich vergibt, setzt sich vehement für die Vermeidung von Kauderwelsch, Geschwafel oder irreführender Auskünfte ein, da die Öffentlichkeit, so die Sprachwächter, Zugang zu glasklaren und präzisen Informationen bekommen sollte. Den wenig begehrten Negativpreis für schwatzhaftes Verhalten erhielten bisher u.a.: George W. Bush, Naomi Campbell, Russell Brand, Silvio Berlusconi, Donald Trump und Boris Johnson (3 x).


Wovon wir wissen, dass wir es wissen, wovon wir wissen, dass wir es nicht wissen und wovon wir nicht wissen, dass wir es nicht wissen – dies ist kurz gefasst die Verfahrensformel, mit der Donald Rumsfeld in seiner Amtszeit als Verteidigungsminister Information von Desinformation auszusieben suchte. Die beiden ersten Kategorien sollten nicht weiter ungewöhnlich erscheinen, doch Rumsfeld erweiterte diese kühn um eine dritte Kategorie, nämlich den unknown unknowns – dem Informationswert von nicht Gewusstem! Zur Veranschaulichung seines Standpunkts deutete Rumsfeld an, dass das Versagen der Vereinigten Staaten, den Angriff auf Pearl Harbor vorherzusehen, ein Versagen der Vorstellungskraft war.


Die Gestaltung der Realität nach eigenen Regeln

Der psychoanalytische Denker Slavoj Žižek erkannte in der Aussage Rumsfelds gar einen philosophischen Ansatz und extrapolierte aus den genannten drei Wissenskategorien einen vierten Begriff, dem unknown known – das »unbekannte Bekannte«, welches wir uns willentlich weigern anzuerkennen, dass wir es kennen!

Žižeks Erweiterung erklärt sich sinngemäß: Wenn die maßgeblichsten Gefahren in einer Konfrontation die unknown unknowns sind – also die Bedrohungen, deren Natur wir nicht einmal ahnen –, dann zeigt uns dies, dass die größten Gefahren von den unknwon knowns ausgehen – den verleugneten Überzeugungen, Vermutungen und obszönen Praktiken, von denen wir vorgeben sie nicht zu kennen.

Damit verbunden ist das Konzept des stillschweigenden Wissens, d. h. des Wissens, auf das wir zwar zurückgreifen, das uns aber nicht bewusst ist oder das wir nicht artikulieren können.


Žižek integrierte die Ideen des known unknown und des unknown known in seinen Dokumentarfilmvortrag THE REALITY OF THE VIRTUAL (2004) ein, in dem er die scheinbare Wirklichkeit (Virtual Reality) zu einer »Wirklichkeit des Scheinbaren« umdeutet. Der psychoanalytische Denker Žižek lehnt die Vorstellung von einer scheinbaren Wirklichkeit ab und geht davon aus, dass das Scheinbare längst zur Wirklichkeit geworden sei, zu einer realen Virtualität!

Anhand von Rumsfelds Ansatz veranschaulicht er das Problem der »realen Wirkungen, die von etwas erzeugt werden, das noch nicht vollständig existiert, das noch nicht vollständig real ist«.


Okay, um es jetzt konsequenter auszudrücken, warum sind die Dinge im Irak schief gelaufen? Weil die amerikanische Politik sich ihrer unknown knowns nicht bewusst war, der impliziten ideologischen Vorurteile, der Druckpositionen, die hier einfach vorhanden waren, die ihnen nicht einmal bewusst sind, aber ihr Handeln regeln.

Die britische Tageszeitung The Guardian nannte »die Lektion von Donald Rumsfelds Erkenntnistheorie«, die er »in einer kleinen philosophischen Laienspielerei« erläuterte, eine »spiritistische Versuchung«.

Während die Äußerungen zu einigem Spott gegenüber der Bush-Regierung im Allgemeinen und Rumsfeld im Besonderen führten, gibt es auch solche, die seine Erklärung anerkennen. Der kanadische Kolumnist Mark Steyn nannte sie »in der Tat eine brillante Destillation einer ziemlich komplexen Angelegenheit«, und der australische Wirtschaftswissenschaftler John Quiggin schrieb: »Obwohl die Sprache gequält sein mag, ist der grundlegende Punkt sowohl gültig als auch wichtig.«


Known and Unknown: Erinnerungen an das »Ungewusste«

Nichtsdestotrotz war Rumsfelds feststellende Äußerung über »die Grenzen des menschlichen Wissens« zu einem geflügelten Wort, zu einem Stück Populärkultur geworden, und da man es so eng mit ihm in Verbindung brachte, ließ er es sich nicht nehmen, im Titel seiner Memoiren erneut darauf anzuspielen. In einer Anmerkung auf den ersten Seiten von Known and Unknown (2011) geht er noch einmal auf seine kuriose Formel der Wissensfindung ein:


Rumsfelds gewichtige Autobiografie bietet »spitzbübische und bissige Beobachtungen über frühere Kollegen«, jedoch »wenig Selbstkritik« (Toby Harnden)

»Auf den ersten Blick mag die Logik obskur erscheinen, doch hinter der rätselhaften Sprache verbirgt sich eine einfache Wahrheit über das Wissen: Es gibt viele Dinge, die uns völlig unbekannt sind – es gibt tatsächlich Dinge, die uns so unbekannt sind, dass wir nicht einmal wissen, dass wir sie nicht kennen. […] Known unknowns sind Lücken in unserem Wissen, aber es sind Lücken, von denen wir wissen, dass sie existieren. […] Die Kategorie der unknown unknowns ist die am schwierigsten zu fassende. Es sind Lücken in unserem Wissen, jedoch Lücken, von denen wir nicht wissen, dass sie existieren. Aus dieser Kategorie ergeben sich oft echte Überraschungen.«


Eine dieser »Überraschungen«, von denen Rumsfeld spricht, sei beispielsweise 9/11 gewesen, »das schrecklichste einzelne unknown unknown, das Amerika je erlebt hat.«


Wie sich herausstellte, wird Rumsfelds Analysetechnik von Fachleuten für nationale Sicherheit und Nachrichtendienste ohnehin seit langem verwendet. In der Psychologie wird sie seit den 1950er Jahren als Technik benutzt, die Menschen helfen soll, ihre Beziehungen zu sich selbst und anderen besser zu verstehen (Joharri-Fenster). Im Bereich des Projektmanagements werden die Begriffe »known unknowns« und »unknown unknown« häufig für die strategischen Planung und zur Einschätzung von Risiken verwendet.


»Das Konzept der known und unknown unknowns«, fährt Rumsfeld in seinen Lebenserinnerungen fort, »trägt der Tatsache Rechnung, dass die Informationen, die den Verantwortlichen in der Regierung und in anderen menschlichen Bereichen zur Verfügung stehen, fast immer unvollständig sind. […] Es ist schwierig einzusehen – zu wissen – dass es wichtige unknowns geben kann. Die besten Strategen versuchen, sich das Mögliche vorzustellen und in Betracht zu ziehen, auch wenn es unwahrscheinlich erscheint. Sie sind dann eher bereit und beweglich genug, ihren Kurs zu ändern, wenn neue und überraschende Informationen dies erfordern – wenn Dinge bekannt werden, die zuvor unbekannt waren.«


Als Interviewgast der Late Show im Jänner 2016 wurde Rumsfeld von Stephen Colbert gefragt, warum sich die Bush-Regierung auf Geheimdienstinformation stützte, von denen man wusste, dass sie unsicher und voller Vorbehalte waren, aber dem amerikanischen Volk als hieb- und stichfest präsentiert wurden. Rumsfeld erklärte, dass eine Geheimdienstinformation »niemals sicher« sei und in den seltensten Fällen als Faktum gehandhabt werden kann: »Wenn es sich um eine Tatsache handelt, würde man es nicht Geheimdienstinformation nennen.«

»Diese Aussage ist an sich schon erstaunlich, aber sie unterstreicht auch, ohne es zu wollen, Colberts Standpunkt. Wenn die Informationen unsicher waren, warum wurden sie dem amerikanischen Volk nicht dementsprechend präsentiert?«


Warum lächelt dieser Mann?

Im Laufe seiner Karriere beriet Donald Rumsfeld vier Präsidenten der USA. Er war der einzige Amerikaner, der zwei Mal als Verteidigungsminister diente – einmal unter George W. Bush (2001–06) und zuvor bereits unter Gerald Ford (1975–77). wusste, sein Leben »umspannte mehr als ein Drittel der Geschichte der Vereinigten Staaten«. Richard Nixon sah in ihm eher einen Opportunisten als einen Loyalisten.


Spricht ein Machtmensch im Schalk, ruft dies Grimm hervor. Hat er auch Macht über sich selbst? (Filmposter, 2013)

Im Grunde war Rumsfeld ein hochrangiger Informationsmanager und sein Berufsalltag gestaltete sich dadurch, in wenigen Stunden dutzende Sekundenentscheidungen treffen zu müssen, nicht wenige davon mit enormer Tragweite. Diese leitete er in Form von zahllosen Memos weiter, die – auf weißem Papier geschrieben – von seinem Mitarbeiterstab im Pentagon bald »Snowflakes« genannt wurden. Allein in den letzten sechs Berufsjahren vor seinem Rücktritt schrieb Rumsfeld 20.000 solcher Papiere, deren Inhalt Regeln galten intern (»Rumsfeld’s Rules«). Um diesen Wulst an schwirrender Information, von denen jeder einzelne Zettel in den Archiven des Pentagon schlummert, in seinem dokumentarischen Filmporträt THE UNKNOWN KOWN (2013) zu veranschaulichen, verwendete Regisseur Erol Morris eine touristische Schneekugel, in der aufgewirbelter Schnee um das Washington Memorial weht.


Zu Beginn des Dokumentarfilms argumentiert Rumsfeld, dass ein Hauptzweck des Verteidigungsministeriums darin besteht,»unknown knowns« zu bewerten, oder »die Dinge, die man zu wissen glaubt, von denen sich herausstellt, dass man sie nicht wusste«, um feindliche Handlungen vorherzusehen, bevor sie stattfinden. Zur Veranschaulichung seines Standpunkts deutet Rumsfeld an, dass das Versagen der Vereinigten Staaten, den Angriff auf Pearl Harbor vorherzusehen, ein Versagen der Vorstellungskraft war.


Der Film zeigt zudem Archivmaterial, wie Donald Rumsfeld beim Attentatsversuch auf Gerald Ford direkt neben dem Präsidenten stand oder als er am 11. September 2001 beim Einschlag von AA Flight 77 in den Pentagon unweit seines Büros bei der Rettung von Verletzten mithalf. Momente, die ihn augenblicklich der Funktion des reinen Schreibtischtäters enthoben.

Danny Elfmans Soundtrack zu THE UNKNOWN KOWN (Full Album)


Im weiteren Verlauf der Interviews versucht der Regisseur, mehrere Widersprüche zwischen Fakten und früheren Aussagen aufzuzeigen. Rumsfeld geht nicht immer direkt darauf ein, lässt sich nicht auf einen tieferen Diskurs ein und lenkt manchmal von den aufgeworfenen Fragen ab. Errol wollte Rumsfeld als obsessiven Machtmenschen enttarnen, indem er seine eigenen Fehler eingesteht, doch vergebens.


Der Filmtitel THE UNKNOWN KOWN entstammt wohlgemerkt nicht der Aussage Rumsfelds, sondern von Slavoj Žižek, der seine Formel zur Wissensgewinnung um eine vierte Kategorie erweitert hatte. Konsequenter ausgedrückt, wollte der slowenische Philosoph damit hinterfragen, warum die Dinge im Irak schief gelaufen sind: »Weil die amerikanische Politik«, so Žižek, »sich ihrer unknown knowns nicht bewusst war, der impliziten ideologischen Vorurteile, der Druckpositionen, die hier einfach vorhanden waren, die ihnen nicht einmal bewusst sind, aber ihr Handeln regeln.«


Über Rumsfelds Vorgehensweise, die letztendlich zu einer Revolution unter den Armeegenerälen führte, die ihm jegliche militärische Kompetenz in Abrede stellten, sagt Žižek lapidar: »Ich denke, dass er deshalb seinen Job verloren hat, weil er nicht wusste, was er weiß.«


THE UNKNOWN KOWN – Full Movie OV



Im Nachbetrachtung von THE UNKNOWN KOWN zog Regisseur Errol Morris seine eigene Filmarbeit schwer in Zweifel, weil er seiner Ansicht nach einem einem reuelosen Architekten des Krieges, der in jeder Hinsicht ungerechtfertigt war, eine viel zu große Plattform geboten hatte, um sich aus allem herauszuwinden. Letztendlich hatte Rumsfeld den Film gemacht, nicht er. Der Politiker im Ruhestand wusste die Gelegenheit zu nutzen, sich offen zu zeigen und letztendlich doch nichts preiszugeben. In der vorletzten Szene fragt Morris ihn erneut zu den unknown knowns, worauf Rumsfeld die gegebene Definition ins Gegenteil verkehrt, eine Diskrepanz, auf die der Regisseur schnell hinweist, als Rumsfeld kryptisch einräumt: »unknown knowns« sind »Dinge, die man weiß, von denen man nicht weiß, dass man sie weiß.«


Es kommt bisweilen vor, in Wissenden das absolute Böse erkennen zu wollen. Rumsfeld wusste eine Menge, wenn auch nicht alles. Am Ende des Films fragt in Morris, warum er den Interviews überhaupt zugestimmt habe. Rumsfeld antwortet: »Das ist eine bösartige Frage. Ich will verdammt sein, wenn ich es weiß.«

 

Den Hinweis auf mögliche Massenvernichtungswaffen im Irak, die sich letztendlich als kolossaler Irrtum herausstellten, erhielten die Amerikaner ausgerechnet vom deutschen Bundesnachrichtendienst (BND). Der irakische Flüchtling Rafid Ahmed Alwan hatte gegenüber den deutschen Beamten behauptet, er sei im Irak am Bau einer Anlage für chemische Kampfstoffe beteiligt gewesen und gab sich als ehemaliger Direktor einer Produktionsanlage zur Aufbereitung von Massenvernichtungswaffen aus. Diese Informationen wurden vom BND den Briten und auf indirektem Wege den Amerikanern zugespielt. Alwan hatte alle an der Nase herumgeführt, weil er sich dadurch erhoffte, in seinem Heimatland den Sturz von Saddam Hussein herbeizuführen, was ihm damit auch gelang.


Für den Dokumentarfilm WAR OF LIES (2016) gab Alwan in einem Interview mit dem deutschen Regisseur Matthias Bittner seine Lügengeschichte in all ihren Details wieder. Obwohl WAR OF LIES (Trailer) mit einem Emmy in der Kategorie »bester Dokumentarfilm« ausgezeichnet wurde, nahm man in Deutschland von dem Film nur wenig Notiz. Er war nur mehr ein Treppenwitz der Geschichte.

 
MPH Pamphlet
 

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