• Jimmy Deix

Sommersonnenwende in Washington

Mit dem Sturz des Denkmals des Südstaaten-Brigadiers Albert Pike wurde eine der größten Persönlichkeiten der Freimaurerei zu Fall gebracht.


Eine Gruppe von 80 bis 100 Aktivisten brachte am Abend des 19. Juni 2020 mit kräftigen Seilzügen die 3,4 Meter hohe Bronzeskulptur ins Wanken, ehe sie mit lautem Donnerkrach zu Boden fiel. Albert Pikes Statue war das einzige Freiluftdenkmal eines Offiziers der Konföderierten Armee in Washington. Am Juneteeth Day, dem Jahrestag der Befreiung der afroamerikanischen Bevölkerung aus der Sklaverei vor 155 Jahren, war es mit der Gedenkstätte des Südstaaten-Offiziers vorläufig votbei, als die Demonstranten unter großem Jubel die Statue von ihrem Sockel holten.

Der tiefe Fall des Albert Pike Doch mit dem Sturz des Denkmals von Albert Pike (1809–1891) wurde nicht nur die Statue eines Soldaten des Sezessionskrieges demoliert, sondern eine der prominentesten Persönlichkeiten der amerikanischen Freimaurerei zu Fall gebracht. Albert Pike war ein Hochgradfreimaurer 33. Grades und Illuminat. Seine Moral- und Sittenlehre ist für den Orden von maßgeblicher philosophischer Bedeutung.


Albert Pike, Souveräner Großkommandeur des Obersten Rates der Südlichen Jurisdiktion des Alten und Angenommenen Schottischen Ritus von Nordamerika


Im Sezessionskrieg (1861–1865) diente Albert Pike als Brigadiergeneral auf Seiten der Südstaaten und baute in den Reservaten der Indianer Truppen aus Freiwilligen auf, die sich aus verschiedenen Stämmen wie den Cherokee oder den Creek rekrutierten. Seinen zusammengewürfelten Haufen führte er in die Schlacht am Pea Ridge in Arkansas, wo es eine heftige Niederlage gegen die Nordstaaten setzte. Doch Albert Pike war mehr als ein Militärkommandant: Er war Lehrer, Journalist, Zeitungsherausgeber, Schriftsteller, Philosoph, Poet und darüber hinaus ein fähiger Rechtsanwalt. Pike hatte ein lebendiges Interesse an den Ureinwohnerm Amerikas und erstellte persönliche Wörterbücher in ihren Sprachen und Dialekten. Er setzte sich juristisch für die Rechte der amerikanischen Ureinwohner ein. Bereits im Kriegsjahr 1862 quitierte Pike seinen Dienst bei den Grauröcken, weil er sich weigerte, außerhalb der in Territorien der Indianer gegen die Truppen der Nordstaaten zu kämpfen.


Aufgrund seiner bedeutenden Beiträge zum Kanon der Freimaurerliteratur ist Albert Pike in den USA einer der bedeutendsten historischen Persönlichkeiten der Bruderschaft. Er reformierte den Orden und schuf mit seinem Hauptwerk Morals and Dogma (1871) eine philosophische Untermauerung des Hochgradsystem des Schottischen Ritus. Laut einer Leserumfrage des Magazins Masonic Review im Jahr 2018 gilt Albert Pike als einer der größten esoterischen Schriftsteller der Freimaurerei.


Albert Pikes Grablege in der Krypta im House of the Temple in Washington: »Was wir nur für uns selbst getan haben stirbt mit uns; was wir für andere und die Welt getan haben, bleibt bestehen und ist unsterblich.«


Im Zuge der anhaltenden Proteste wurden seit Ende Mai 2020 bislang mehr als 110 Denkmäler entfernt oder demoliert (Stand: 20. Juni 2020), darunter auch Statuen von Thomas Jefferson und George Washington, die ebenfalls Freimaurer waren. Albert Pikes Statue wurde vom Schottischen Ritus gestiftet und im Jahr 1901 im Beisen von Tausenden Freimaurern eingeweiht. Der politischer Ikonoklasmus (Denkmalsturz) wird vonseiten der Bruderschaft sehr bedauert. Arturo de Hoyos, Großarchivar der Bibliothek des Schottischen Ritus in Washington, erklärt:

»Gestern Nacht, als der Mob sein Werk verrichtete, nannte man es in den Nachrichten eine ›Konföderierten-Statue‹, dessen Präsenz ›schmerzhaft‹ sei. In Wahrheit hatte die Statue nichts mit dem Bürgerkrieg zu tun.«

Das Denkmal stellt Pike nicht in Militäruniform dar sondern als Zivilbürger des Landes und als Schriftsteller.

»Ich bin auch nicht glücklich darüber«, bedauert ein Ordensbruder Denkmalschändung Pikes, »aber es wird ihn nicht aus der Geschichte streichen oder seine Arbeit für die Zunft schmälern. Wir sehen es als ein Symbol der Freimaurerei, andere nicht. Das ist auch in Ordnung, da er nicht aus der Geschichte getilgt werden kann. Das ist nicht möglich.«


Das Denkmal galt schon seit Jahren als umstritten, da Albert Pike, einigen Behauptungen zufolge, einer der Gründer des berüchtigten Ku-Klux-Clan gewesen sein soll, was jedoch bis heute von niemandem belegt werden konnte.


Albert Pikes Statue, dekoriert mit einer Kutte des Ku-Klux-Clan: Protestkundgebung der LaRouche-Bewegung, 1990er Jahre


Es ist davon auszugehen, dass Pikes Denkmal wegen seines Engagements im Bürgerkrieg auf Seiten der Sklavenbefürworter gestürzt wurde und nicht wegen seiner Mitgliedschaft beim ältesten Männerbund der Welt. Das ändert jedoch nichts daran, dass mit dem Sabotageakt an seinem Denkmal nun einer der größten Freimaurer in der Geschichte Amerikas am Boden liegt.


Die Demonstranten hätten für ihr Anliegen keinen besseren Zeitpunkt wählen können: Der Sturz Pikes erfolgte am Vorabend der Sommersonnenwende, dem Höchststand der Sonne im Verlauf des Jahres, der zugleich den jährlichen Niedergang des Himmelsgestirns einleitet, mit dem die Tage kürzer werden. Die Sonne spielt in der Symbolik der Freimaurerei eine ungemein bedeutende Rolle.


Die Ironie dabei ist, dass die Freimaurerei, nach eigenem Bekunden, aktiv Einfluss auf die positive Weiterentwicklung und Transformation der Gesellschaft nimmt, indem sie an die Vernunftkräfte der Menschheit appeliert, und nun selbst ins Visier jener geraten ist, die einen Wandel in der Gesellschaft herbeiführen möchten.


#albertpike #freimaurer #schottischerritus #denkmal #washington

72 Ansichten

© 2015–2020 Epiphany – Gesellschaft zur Verbreitung von Weisheitsliteratur.
Alle Rechte vorbehalten.