• Karin Bat

Die schönen Künste im Zeichen des Steinbocks

Planetare Einflüsse und Bildwirkungen der Saturn-Energie in der bildenden Kunst. Eine astrologische Gemäldestudie von Künstlern, die im Sternzeichen Steinbock geboren wurden.

+++ CALENDARIUM ASTRUM ARTIFICIUM CAPRICORNUS +++

ARIES TAURUS GEMINI CANCER LEO VIRGO LIBRA SCORPIUS SAGITTARIUS CAPRICORNUS AQUARIUS PISCES

Der Charakter des Steinbocks ist von der stark an der Realität orientierten Energie des Planeten Saturn geprägt, der in der Astrologie zum Element Erde gehört. Ihm geht es um die praktische Bewältigung der Aufgaben, die das Leben stellt. Dabei stehen nicht seine persönlichen Bedürfnisse im Vordergrund, sondern die Erfordernisse des Gemeinwesens. In seiner Vorgehensweise strebt der Steinbock Allgemeinverbindlichkeit an, weshalb er daran interessiert ist, in der Gesellschaft eine bedeutende und tragende Rolle einzunehmen. Er möchte Regeln und Ordnungssysteme schaffen, nach denen sich jeder richten kann, weil sie auf einer gerechten Grundlage beruhen und nicht auf persönlicher Willkür. Auf gesellschaftliche Notwendigkeiten weist er unablässig hin und tritt Missständen ebenso schonungslos entgegen wie der uns alle betreffenden Tatsache, dass alles Leben endlich ist.



Bildnisse: Illusionslosigkeit, Härte und Aufstiegswille Die Porträts der Steinbockmaler zeigen die Person realistisch, sehr oft in einer auf das Notwendigste reduzierten Umgebung und in schlichter Kleidung. Dabei wirken sie auf den Betrachter eher streng, ja, unzugänglich und nicht wie ein Mensch, mit dem man unbefangen in Kontakt treten kann.


Madame X John Singer Sargent (*12. Januar 1856)

Das Bildnis der Virginie Gautreau war keine Auftragsarbeit. John Singer Sargent wollte diese Schönheit malen, um in der Pariser Gesellschaft seinen Ruf als Porträtist zu festigen. Die zunächst unwillige Madame, die zwar mit einem wohlhabenden Bankier und Reeder verheiratet war, aber wegen ihrer amerikanischen Herkunft keinen Zugang zu den etablierten Kreisen hatte, ließ sich schließlich darauf ein, weil auch sie sich dadurch mehr Akzeptanz in der Haute volée erhoffte. Durch die Körperhaltung betont der Porträtmaler das bemerkenswerte Profil seines Modells, was die Dame zugleich abweisend und distanziert erscheinen lässt. Das für damalige Zeiten sehr tief dekolletierte Kleid ist auf das Wesentliche reduziert und schwarz, aber gerade dadurch von raffinierter Eleganz. Es verleiht der Porträtierten eine kühle erotische Ausstrahlung, die ihre Unnahbarkeit noch unterstreicht. Obwohl das Bild bei der Pariser Ausstellung einen heftigen Skandal auslöste, infolgedessen der Künstler die Stadt verließ und nach London fortzog, hielt er es sein ganzes Leben lang für sein bestes Porträt.

Porträt eines Mannes Francesco Parmigianino (*11. Januar 1503)

Dieser unbekannte Mann, der offensichtlich einer höheren, gelehrten Schicht angehört, ist ganz dunkel gekleidet. Nur der weiße Hemdkragen, der im Ausschnitt des Mantels herausschaut, lockert den strengen Eindruck ein wenig auf. Schwarz, die Farbe des lichtschwachen Saturns, der den Steinbock dominiert, ist auch die symbolische Farbe der Richterroben. Der Blick des anonymen Edelmannes, den Francesco Parmigianino hier porträtiert, ist ernst und aufmerksam prüfend. Sein Gegenüber kann sich sicherlich nicht mit einem lockeren Scherz aus der Situation winden, sondern hat sich den kritischen und unabweisbaren Ansprüchen dieses Mannes zu stellen.


Porträt eines deutschen Offiziers Marsden Hartley (*4. Januar 1877)


Obwohl hier auf den ersten Blick kein Mensch zu erkennen ist, nennt der amerikanische Avantgardist Marsden Hartley sein Gemälde ein »Porträt«. Der Betrachter sieht zunächst nur militärische Orden, Rangabzeichen und heraldische Embleme, doch schließlich wird das Eiserne Kreuz als Kopf wahrnehmbar und und damit die figürliche Abstraktion eines Soldaten. Ein Gesicht zeigt gewöhnlich die Einzigartigkeit und Individualität eines Menschen, was hier jedoch zugunsten der Befehlsordnung aufgegeben wurde. Dieser preußische Offizier scheint so sehr mit seinem Rang verbunden, dass er nur noch das Verhalten zeigt, wie es die Befehlsordnung fordert. Er erfüllt alle Vorschriften mechanisch, ohne sich über einen eigenen möglichen Handlungsspielraum noch Gedanken zu machen. Im Militärwesen, wie hier im preußischen, war dieser Untertanengeist lange ein Normalzustand. Dem Steinbock ist zwar das Einhalten von Regeln und der Respekt vor hierarchischen Strukturen ein wichtiges Anliegen, doch kann ein Reglement auch in Übertreibung ausarten, wie Hartley es hier persifliert: Die reine Diensterfüllung führt geradewegs in die Unmenschlichkeit.


Umgebung: Kargheit und Unzugänglichkeit in Landschaft und Architektur

Wenn bildende Künstler, die im Sternzeichen Steinbock geboren wurden, realistisch nach der Natur malen, dann suchen sie für ihre Motive nicht die freundlichen, einladenden Gebiete auf, sondern schwer zu erreichende, karge und abweisende Gegenden.

Der Berg Mont Sainte-Victoire Paul Cézanne (*19. Januar 1839)


Der Mont Sainte-Victoire ist ein langgestrecktes Kalksteingebirge in der Nähe von Aix en Provence. Paul Cezanne konnte diesen Berg von seinem Haus aus sehen und hat ihn viele Male zum Motiv seiner Gemälde gemacht. Die Provence bietet so viele südlich lichte Motive, aber dieses 1000 Meter hohe Bergmassiv hat den Steinbock Cézanne herausgefordert. Er drückte die für einen Steinbock typische Sichtweise aus, als er sagte:


»Um eine Landschaft richtig zu malen, muss ich zuerst die geologische Schichtung erkennen.«


Als Betrachter erkennen wir diese Schichtung zwar nicht, dafür aber die Massivität des Bergs. Er dominiert die ganze Gegend, die durch die erdige Farbgebung selbst zu Stein geworden zu sein scheint. Obwohl in dem Bild Häuser zu sehen sind, wirkt die Landschaft unzugänglich und einsam. Die Kunstkritiker seiner Zeit bedachten den Maler mit Unverständnis und Spott, und doch wurde Cézanne mit seinem Versuch, den Fließfarben des Impressionismus wieder feste Formen zu geben – ein Grundanliegen des Steinbocks – zum Wegbereiter der klassischen Moderne.


Frostiger Morgen Gustaf Fjaestad (*22. Dezember 1868)


Gerne stellen im Sternzeichen Steinbock geborene Künstler den Winter dar, wie hier der schwedische Nationalmaler Gustav Fjaestad. Die Landschaft ist frostig, selbst der Teich hat eine Eisschicht gebildet und lässt sogar die Wellenbewegungen des Wassers gefrieren. Hier bewegt sich kein Mensch, steht kein Haus, läuft kein Tier. Das ganze Leben erscheint wie erstarrt. An einem Ort wie diesem herrscht vollkommene Einsamkeit, was dem Grundgefühl der Steinbockgeborenen entspricht.


La Place du Tertre Maurice Utrillo (*25. Dezember 1883)

Selbst in einer lebendigen Stadt wie Paris gelingt es einem Steinbockmaler, Einsamkeit und Kälte einzufangen. Der Place du Tertre (dt. »Platz des Erdhügels«) im Herzen Montmartres liegt im stark besuchten Viertel der Stadt. Hier aber sieht der winterliche Platz mit seinen kahlen Bäumen wie ausgestorben aus. Die Menschen, die sich hier vereinzelt aufhalten, wirken statuarisch unbewegt. Die Häuser sind weiß getüncht und in gedeckten Farben gehalten. Selbst Paris wird so zu einem wenig lebendigen Ort.


Autofriedhof Renato Guttuso (*2. Januar 1912)

Für die meisten Kunstliebhaber unverständlich, richtet der Steinbockmaler sein Augenmerk mitunter auch auf Abgelegtes, Weggeworfenes, Ausgeschiedenes. Ein chaotischer Haufen alter Autos – eine notwendige, aber doch verdrängte Folge unserer Autogesellschaft – kann bei ihm daher zu einem malerischen Motiv werden. Die Lackfarben der übereinandergestapelten Fahrzeughavarien sind verblasst, Erdtöne überwiegen. Waren diese Autos einmal der ganze Stolz ihrer Besitzer, so führen sie jetzt nur noch vor Augen, wohin der Weg alles Irdischen führt. Dessen ist der Steinbock stets bedacht und bringt es gerne als Mahnung an.

Arbeit – Härte des Daseins – Materialismus Dem Steinbock liegt einerseits daran, gerechte Verhältnisse einzufordern, andererseits ist es ihm auch wichtig, sich nicht in die Position des Schwachen zu begeben, sondern sich mit aller Härte und Zähigkeit seinen Lebensunterhalt selbst zu erarbeiten.


Bau der Pariser Metro 1900 Luigi Loir (*22. Dezember 1845)

Luigi Loir, der stadtbekannte Maler der Pariser Boulevards, wählte das alltägliche Straßenleben als Motiv, interessierte sich aber auch für die temporären Baustellen, denn der Steinbock ist ein Arbeitspferd schlechthin. In jeglicher Aufgabe steckt für ihn die Aufforderung, sie gründlich und dauerhaft zu erledigen. Dabei geht er bis an die Grenzen seiner Kraft und achtet nicht auf seine Erschöpfung – leider auch nicht auf die seiner Mitarbeiter! Ein selbst heute noch gigantisches Vorhaben wie ein U-Bahnbau musste um 1900 die Aufmerksamkeit des Steinbocks erregen, zum einen, weil hier beschwerlich in die feste Erde hineingearbeitet werden muss, zum anderen, weil damals ein noch höheres Arbeitspensum erforderlich war, um ein solches Bauvorhaben ohne die modernen Maschinen von heute zu realisieren. Angesichts der Baustelle müssen die Flaneure zurücktreten, denn die Arbeit erfordert beim Steinbock das Hintanstellen aller sonstigen Interessen.


Dreiergruppe (Troika) Vasily Perov (*2. od. 4. Januar 1834)


Das Leben auf der Erde als solches erfordert die ganze Arbeitskraft des Menschen, erst recht bei denen, die in Armut leben und besonders hart um ihr Überleben kämpfen müssen. Die in diesem Bild von Vasily Perov dargestellten Kinder wachsen nicht in einer behüteten Kinderstube auf, sondern sind am Organisieren der lebensnotwendigen Dinge unmittelbar beteiligt. Sie müssen dem Vater beim Wasserholen helfen und schleppen bei Eiseskälte einen Schlitten durch den Schnee, auf dem das Wasserfass gefriert. Der Vater schiebt von hinten, während die drei kleinen Kinder das schwere Gespann an düsteren Mauern vorbeiziehen. Sie wenden ihre letzten Kräfte auf, um diese Anstrengung zu bestehen. Ihr Gesichtsausdruck zeugt von tiefer Erschöpfung und Resignation, erleben sie doch eine Kindheit, die ihnen keinen Raum lässt für Freude und Spiel.


Russisches Dorf Oskar Rabin (*2. Januar 1928)

Das Leben hat nichts Freundliches, geschweige denn Idyllisches, wenn keine ausreichende Basis für die materiellen Grundbedürfnisse vorhanden ist. In Russland waren die Menschen in den Dörfern bettelarm, nicht nur, weil viele Regionen kalt und unwirtlich sind, sondern weil die staatlich verordnete Kollektivwirtschaft einen Erfolg persönlichen Fleißes unmöglich machte. Anstatt, wie es das Regime versprochen hatte, ins gemeinschaftliche Gedeihen zu kommen und sich von der Geldwirtschaft loszusagen, wurde jede Kopeke wichtiger denn je. Oskar Rabin stellt das Dorf daher als dystopische Ödnis dar. Auch der matte Glanz einer symbolischen Himmelsscheibe, die sich wie der Mond im Dorfteich spiegelt, kann keinen Trost mehr bringen, weil er sich in ein Geldstück verwandelt hat. Geld regiert die Welt, und wer keines hat, der ist verloren. Einsamkeit – Leid – Hoffnungslosigkeit Einsamkeit gehört zu den Grundbefindlichkeiten des Steinbocks. Er fühlt sich für sein Leben verantwortlich und will es allein bestehen. Hilfe von anderen lehnt er ab. Er setzt alle Anstrengungen daran, sich eine materiell gute Situation zu erschaffen, sodass er möglichst auf niemanden angewiesen ist.


Solitaire Raphael Soyer (*25. Dezember 1899)

Wenn ein Steinbock alleine ist, so ist dies für ihn ein natürlicher Zustand, mit dem er nicht hadert. Aber selbst in der Zweisamkeit spürt er sein Alleinsein, wie es Raphael Soyer hier eindrücklich zeigt. In diesem Bild ist ein Paar gemeinsam auf einem Bett, aber nicht aufeinander bezogen. Der Mann kehrt der Frau den Rücken zu und schläft, die Frau, nur halb angekleidet, signalisiert ein Bedürfnis nach Zuwendung, wendet sich jedoch illusionslos ihrem Kartenspiel zu. Der Name des Spiels – Solitaire – entspricht ihrer Situation, unterminiert jedoch zugleich, dass ein Kartenspiel zu zweit doch viel mehr Vergnügen bereitet.


Der Schmerz des Orpheus Pascal Dagnan-Bouveret (*7. Januar 1852)

Auch wenn ein Paar in Liebe verbunden ist, kann das Schicksal grausam sein und es trennen. So erfuhr es der Sänger und Leierspieler Orpheus, der darin scheiterte, seine geliebte Frau Eurydike aus dem Hades zurückholen, was auch seiner eigenen Ungeduld geschuldet war. Nun hatte er nicht nur den Verlust seiner Gefährtin zu ertragen, sondern auch noch die Schmach, die auferlegten Bedingungen für ihre Rückholung aus dem Totenreich so kurz vor ihrer Erfüllung gebrochen zu haben. Diesen unerträglichen Moment hält Pascal Dagnan-Bouveret in diesem Bild fest. Orpheus befindet sich ganz allein in einem felsigen Waldstück und weiß sich vor Trauer nicht zu halten. Seine Leier ist ihm entglitten, sein Umhang verrutscht. Das Bewusstsein der endgültigen und noch dazu selbst verschuldeten Unwiederbringlichkeit steigert den Schmerz ins Unermessliche.

Echo of a Scream David Alfaro Siqueiros (*29. Dezember 1896)

Krankheit und Tod und das damit verbundene Leid sind Bestandteil des irdischen Lebens, was vom Steinbock immer in Betracht gezogen und auch hingenommen wird. Sehr viel Leid wird aber vom Menschen selbst erzeugt – durch Ungerechtigkeit, Willkürherrschaft und ungezügelte Gier. Wo solche Verhältnisse herrschen, kann kein Mensch vor dem Verderben sicher sein, am allerwenigsten jedoch die Kinder, wie es David Alfaro Siqueiros hier in aller Grausamkeit verdeutlicht. Auf einem metallenen Haufen aus Waffen und Werkzeugen schreit ein verzweifeltes Kind, das nur durch ein rotes Tuch von der grauen Masse unterscheidbar ist. Dieser stumme Schrei wächst sich zu einem weiteren, noch lauteren Schrei aus, der in einem noch größeren Kinderkopf sichtbar wird. Dennoch scheint er in dieser von Zerstörungswut verheerten Gegend einsam zu verhallen. Mit diesem Bild klagt Siqueiros die unerträglichen Zustände in Mexiko an, die durch die Revolution noch mehr Elend brachten.


Outrenoir Pierre Soulages (*24. Dezember 1919)

Wie keine andere Farbe zieht den Steinbockmaler das Schwarz an, obwohl es eigentlich keine Farbe ist, sondern eher ein Lichteindruck, der alle anderen Farben verschluckt. Es ist somit keineswegs Zufall, dass der bekannte französische Bildgestalter Pierre Soulages im Alter von 60 Jahren damit begann, alle Farben von seiner Palette zu verbannen, um nur noch monochromes Schwarz zu verwenden. Dabei arbeitet er nicht nur mit einem Pinsel, sondern traktiert seine Malflächen u.a. mit Bürsten, Besen und Gummilamellen, wodurch die Bilder eine haptische Struktur erhalten. Die dadurch entstehenden Reliefs spiegeln das Licht, das je nach Standort des Betrachters changiert. So kommt das erstaunliche Ergebnis zustande, dass ein reines Schwarz nicht stumpf ist, sondern schimmert. Kann dies bedeuten, dass auch ein hart im Nehmen begriffener Steinbock die Dunkelheit auf Dauer nicht erträgt, sondern ihr das Licht abringen will?

Das Gesetz des Lebens: Schuld und Tod Der Steinbock erkennt an, dass das Leben unerbittlichen Gesetzen unterliegt. Keiner, der auf diese Welt gekommen ist und erwachsen wird, kann sie schuldlos verlassen, selbst dann nicht, wenn er es ganz bewusst vermeiden will, Schuld auf sich zu laden. Und keiner kann auf dieser Erde bleiben, denn schon ab dem ersten Atemzug wird unser Leben vom Tod begleitet, dem niemand entrinnen kann.

Kain und Abel Hans von Marées (*24. Dezember 1834)

Der Steinbock, der sich gerne der Vergangenheit zuwendet, findet die Unausweichlichkeit von Schuld und Tod bereits in den Mythen einer archaischen Urzeit vor. Die ersten von einer Frau geborenen Kinder, Kain und Abel, so erzählt es die Bibel, waren von Anfang an Konkurrenten. Kain wurde Ackerbauer, während Abel die Schafe hütete. Beide brachten ihrem Gott Opfer dar, aber Kain glaubte, dass Gott die Opfer Abels vorziehen würde, da dessen Opferfeuer in einer geraden Rauchsäule gen Himmel stieg, während seines verqualmte. Kain nährte seinen Groll gegen Abel, bis er es eines Tages nicht mehr aushielt und seinen Bruder erschlug. Kaum hatte die Menschheit das Paradies verlassen, brachte sie damit Hass und Gewalt in die irdische Welt.


Die bösen Mütter Giovanni Segantini (*15. Januar 1858)

Der Mensch macht sich nicht nur durch Gewaltausübung schuldig, sondern allein dadurch, dass er nicht voller Liebe lebt. Eine große Schuld trifft die Mütter, die ihren Kindern nicht die Liebe schenken, die sie für ihr Hineinwachsen in diese Welt unbedingt brauchen. Giovanni Segantini, der seine Mutter im Alter von nur sieben Jahren verlor und später von seiner Halbschwester verstoßen wurde, hatte am eigenen Leibe erfahren, was es heißt, ohne Mutterliebe zu leben. Da der Steinbock bei zu Unrecht zugefügtem Leid nach Vergeltung trachtet, hat Segantini hier vielleicht seine eigenen unbewussten Rachegefühle ins Bild gesetzt. Der Symbolist nimmt für sein Bild Anleihe bei einem uralten Gedicht in Sanskrit, in dem es heißt:

… So böse die Mutter im eisigen Tal / durch ewige Gletscher wo kein Ast grünt und keine Blume blüht / schwebt umher. Kein Lächeln, keinen Kuss bekam dein Sohn / o unnütze Mutter. Diese intensive Bildumsetzung kann nur tiefer, eigener Betroffenheit entspringen.


Die reuige Maria Magdalena Bartolomé Esteban Murillo (*31. Dezember 1617)


Sieht man sein schuldhaftes Verhalten ein, folgt die Reue. Inwieweit Maria Magdalena Anlass zu dieser hatte, ist theologisch umstritten. Die Vorstellungen über sie reichen von der weisen und keuschen Gefährtin Jesu bis zur Dirne, wofür sie der Klerus seit dem frühen Mittelalter rügte. Der spanische Barockmaler Bartolomé Esteban Murillo stellt sie hier einsam in einer dunklen Höhle dar, wo sie genug Zeit hat, um Buße zu tun und sich durch Gebete und Meditationen zu reinigen. Neben ihr sind ein Kreuz und ein Totenkopf platziert. Er steht sinnbildhaft für die Eitelkeit allen irdischen Strebens, für die Abkehr von sinnlichen Bedürfnissen und die Hinwendung zu Gott als einzigem Ausweg aus der irdischen Not.


Kronos und Thanatos Anton Lehmden (*2. Januar 1929)


Kronos, der griechische Name für Saturn, und Thanatos, der Daimon des Todes, beherrschen die Welt. Sie sprechen den letzten Satz zu jedem Leben, niemand kann sich ihrem Wirken entziehen. Kronos und Thanatos bringen den rauschenden Fluss des Lebens zum Stillstand und lassen ihn wie eine festgehaltene Woge auf ewig zu Stein werden. So ist Kronos respektive Saturn der Taktgeber des irdischen Lebens, das von Anfang an unentrinnbar auf das Ende hin angelegt ist. Ob diese Grenze ein Weiterleben nach dem Tod ausschließt, wird von dem Fantastischen Realisten Anton Lehmden nicht wirklich entschieden, denn hinter den erstarrten Wasserbergen erscheint ein Lichtschimmer, der vom Betrachter sowohl als untergehende als auch als aufgehende Sonne gedeutet werden kann.


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Bisher erschienen

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Lesen Sie auch Sternblick auf die Malerei (ein Interview mit Karin Bat) und die Projektvorstellung Die schönen Künste im Zeichen der Sterne. Vorschau Die nächste Folge der Reihe Sternenmaler steht im Zeichen des Wassermanns und geht am 21. Januar 2021 online. Wer zeitgerecht erinnert werden möchte, registriert sich für unsere Rubrik Einsichten oder abonniert uns auf Facebook. Berühmte Maler, die im Sternzeichen Wassermann geboren wurden, sind Carl Spitzweg, Eduard Manet, Gerhard Richter, H. R. Giger und Ernst Fuchs.

Über die Autorin

Karin Bat, Jahrgang 1953; geboren und aufgewachsen in Ostwestfalen; Studium der Literaturwissenschaft, Theologie Philosophie und Wissenschaftsjournalistik; berufliche Tätigkeit in der Erwachsenenbildung und im Verlagswesen; seit 1992 in Österreich beheimatet; eingehende Beschäftigung mit Jungianischer Psychologie und dem Tarot; Beratungen, Seminar- und Vortragstätigkeit.

Karin Bat

Astrologin, Theologin, Philosophin

Rosengasse 27/19

3130 Herzogenburg, Austria

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© 2020 Karin Bat | Epiphany | Institut für Kulturgeschichte, Leipzig

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